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Ein Ort des Gedenkens blickt in die Zukunft.

 Debatten über Eugenik, Euthanasie und Bioethik im Schloss Hartheim

Sophie Wagenhofer ist Historikerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Moderner Orient und an der Humboldt Universität zu Berlin.
Von Sophie Wagenhofer

Als Zivilisationsbruch hat Dan Diner die systematische Vernichtung menschlichen Lebens während der nationalsozialistischen Herrschaft bezeichnet. Schloss Hartheim in der Nähe von Linz steht mahnend dafür. Mit der Enteignung des Schlosses im Jahr 1938 und dem Beginn der gezielten Tötung behinderter Menschen wurde das Schloss auf perfide Weise zweckentfremdet, war es doch eigentlich eine Einrichtung zur Betreuung und Pflege. Über 18.000 Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung bzw. psychischen Erkrankungen wurden in den Jahren 1940 und 1941 im Rahmen der so genannten „Aktion T 4“ in dem Renaissanceschloss nahe der Landeshauptstadt Linz umgebracht. Mit dem Ende der „Aktion T 4“ hörte das Töten in Hartheim keineswegs auf; über 8.000 Gefangene aus den Konzentrationslagern Mauthausen, Gusen und Dachau sowie Kriegsgefangene wurden bis Ende 1944 im Schloss ermordet.

1945 war dieses dunkle Kapitel zu Ende und scheinbar über Nacht aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen ausradiert. Die Akten waren vor Kriegsende systematisch vernichtet und die Gasanlagen abgebaut worden. Kriegsflüchtlinge zogen nun ins Schloss ein, später wurden Opfer des Donauhochwassers von 1954 hier einquartiert. Aus der Tötungsstätte des nationalsozialistischen Regimes war ein Wohnhaus geworden. Über die Ermordung zehntausender Menschen wurde nicht gesprochen.

Die Transformation dieses Gebäudes in einen Ort des Gedenkens und Lernens vollzog sich langsam. Ein Prozess, der mit einer „tiefen Irritation“ im lokalen Umfeld des Schlosses einherging (Kepplinger 2003: 112). Erst Mitte der 1990er Jahre begann ein Verein, sich systematisch mit der schwierigen Vergangenheit dieses Ortes auseinanderzusetzen. Die Umbauarbeiten, die 1997 von der oberösterreichischen Landesregierung in Auftrag gegeben wurden, legten nach und nach die Geschichte dieses Ortes frei. Menschliche Überreste wurden gefunden, ebenso wie Alltagsgegenstände, Reste der ehemaligen Euthanasieanlagen und Häftlingsmarken von Opfern. Anhand gesammelter Dokumente versuchten Wissenschaftler sukzessive die Ereignisse zu rekonstruieren. Die Ergebnisse werden in einer umfangreichen Ausstellung in der Gedenkstätte präsentiert. Damit war der erste Schritt, nämlich eine intensive Auseinandersetzung mit den Verbrechen in den 1930er und 1940er Jahren, getan.

Doch die Mitglieder des Vereins Schloss Hartheim verstehen ihren Auftrag darüber hinaus: „Der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim übernimmt die Aufgabe, nicht nur auf das historische Geschehen in Hartheim hinzuweisen, sondern auch die Auseinandersetzung um aktuelle Fragen nach dem Wert des menschlichen Lebens zu führen.“[1] Eben diese Fragen sind komplex und vor allem kontrovers. Was ist der Wert des Lebens überhaupt und was macht Leben „unwert“? Wer darf das beurteilen und welche Rolle spielen medizinischer Fortschritt, Stammzellenforschung oder pränatale Diagnosemöglichkeiten in diesem Kontext? Wo stößt die in den Menschenrechten verankerte Gleichstellung aller Menschen an ihre Grenzen? In Schloss Hartheim sieht man eine besondere Verantwortung, sich dieser wichtigen sozialpolitischen Themen anzunehmen, denn genau an diesem Ort wurde unter nationalsozialistischer Herrschaft menschliches Leben als „unwert“ eingestuft und systematisch vernichtet.

Diese Auseinandersetzung geschieht auf ganz unterschiedlichen Ebenen: zum einen in und durch die 2003 eröffnete Dauerausstellung „Der Wert des Lebens“, zum anderen im Rahmen von Symposien und Konferenzen, aber auch durch ein vielfältiges pädagogisches Programm, das sich an Schüler und Schülerinnen ebenso wie an Multiplikatoren und Multiplikatorinnen richtet. Im Kontext von Dauerausstellung und Rahmenprogramm wird nicht nur die Geschichte dieses Ortes und damit die systematische Tötung behinderter Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet, sondern auch die rechtliche und soziale Situation von Menschen mit Behinderung ab dem frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart in den Blick genommen. Die Ausstellungsmacher sprechen sich klar gegen ein utilitaristisches Menschenbild aus, setzen sich kritisch mit Bioethik auseinander und mischen sich aktiv in politische und sozioökonomische Debatten ein. So wurden beispielsweise auf der III. Internationalen Hartheim-Konferenz im März 2012 unter dem Titel „Biologisierung des Sozialen“ neben historischen Fallstudien auch aktuelle Formen „biologistischer Exklusionserzählungen“ – verdichtet in der Kontroverse um Thilo Sarrazins Buch – diskutiert.

Der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim ist ein Beispiel dafür, wie Lernen aus der Geschichte funktionieren kann, wie das Wissen und Sprechen über die Vergangenheit Diskussionen ebenso wie unser Handeln in der Gegenwart fruchtbringend beeinflussen können. Doch Hartheim ist mehr als ein Ort des Gedenkens und Lernens, die Geschichte des Ortes steht auch für die Zurückgewinnung von Raum und Menschenwürde: Der Oberösterreichische Landeswohltätigkeitsverein knüpfte an die Vorkriegstradition der Betreuung behinderter Menschen an und gründete 1965 das Institut Hartheim mit betreuten Wohneinheiten, Werkstätten, Ateliers, einem Garten, Freizeitangeboten und therapeutischen Einrichtungen. So leben heute wieder Menschen mit Behinderung an jenem Ort, an dem das nationalsozialistische Regime Menschen ihr Recht auf Leben abgesprochen hat.

Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim
Schlossstr. 1
4072 Alkoven
Tel.: ++43 / (0)7274 / 6536-546
Fax: ++43 / (07274 / 6536-548
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http://www.schloss-hartheim.at
Literatur

Leitbild des Vereins Schloss Hartheim, Alkoven 1999, als Pdf verfügbar unter http://www.schloss-hartheim.at/redsyspix/download/leitbild.pdf

Dederich, Markus: „Die Ausgrenzung und Vernichtung von Behinderten in der Geschichte und die Bioethischen Fragen der Gegenwart“ in: Wert des Lebens. Begleitpublikation zur Ausstellung in Schloss Hartheim, Linz 2003, S. 173-184.

Kepplinger, Brigitte: „Die Tötungsanstalt Hartheim 1940-1945“ in: Wert des Lebens. Begleitpublikation zur Ausstellung in Schloss Hartheim, Linz 2003, S. 85-115.  


[1]           Zitiert von der Internetseite des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim, http://www.schloss-hartheim.at/index.asp?peco=&Seite=466&UID=&Lg=1&Cy=1 , abgerufen am 15. März 2012. 

 

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