Zur Vertiefung

„Freiheit und Zensur“ – Filmschaffen in der DDR zwischen Anpassung und Opposition

Prof. Jürgen Haase ist Filmproduzent, Autor und Herausgeber. Er produzierte zahlreiche Film-und Fernsehproduktionen, u.a. den OSCAR-nominierten Kinofilm „Das Spinnennetz“ von Bernhard Wicki und Volker Schlöndorff´s „Der neunte Tag“. Seit 2003 ist er Geschäftsführer des gemeinnützigen Wilhelm Fraenger-Instituts Berlin, Gesellschaft zur Förderung von Bildung und Kultur und wurde 2007 für seine umfassenden Verdienste um die deutsche Kultur mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Von Jürgen Haase

Konzipiert wurde die Ausstellung mit ausgewählten Filmbeispielen im Jahr 2010 vom Wilhelm-Fraenger-Institut Berlin, um dann in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur und Icestorm-Entertainment im Jahr 2011 realisiert und vertrieben zu werden.

Die Idee des Konzeptes basiert auf der Überlegung DDR-Geschichte einmal anders zu erzählen, als auf die bisher bekannte ausschließlich historisch orientierte Art und Weise.

Uns ging es dabei um die Wechselwirkung zwischen Film, Gesellschaft und Politik und um die Zwänge und Spielräume von Kultur und Künstlern in einer Diktatur.

Das Besondere an dieser Ausstellung bildet der duale Ansatz, die 22 gedruckten Exponate mit 20 beispielhaften Filmen um ein mediales Begleitpaket mit 7 Filmen aus staatlicher DDR-Filmproduktion zu erweitern. Diese DEFA-Filme verdeutlichen auf filmisch eindringlich-emotionale Weise, was Freiheit und Unfreiheit bedeuten.

Es handelt sich dabei um folgende Filmbeispiele:

  • „Die Mörder sind unter uns“, 1946
  • „Berlin – Ecke Schönhauser“, 1957
  • „Fünf Patronenhülsen“, 1959/60
  • „Spur der Steine“, 1966/1990
  • „Ich war neunzehn“, 1967/68
  • „Einer trage des anderen Last“, 1987
  • „Die Architekten“, 1990

Dabei haben wir die DDR-Geschichte in vier Zeitabschnitte gegliedert:

  • 1946 – 1952:       Kriegsende und Aufbruch
  • 1953 – 1960:       Manifestierung der Parteilinie
  • 1961 – 1975:       Neue Hoffnung und alte Enttäuschungen
  • 1976 – 1990:       Von der Biermann-Affäre bis zur Wiedervereinigung
Weshalb wir die DDR-Geschichte über Filme erzählen wollen:

1946, im Jahr nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs wurde in der sowjetischen Besatzungszone die DEFA gegründet. Die DEFA (Deutsche Film Aktiengesellschaft) sollte auf eine zentral organisierte, staatlich geleitetet und subventionierte Art und Weise Filme realisieren, die den politischen und ideologischen Interessen der Sowjetunion und später der DDR entsprachen. Insofern kann man mit Blick auf die DDR auch nicht von einer Film-„Wirtschaft“ sprechen, denn die DEFA war eine staatlich geleitete, kulturelle und ideologisch-orientierte Institution und hinsichtlich ihrer Produktion ohne Konkurrenz. Als industriell-wirtschaftlicher Prozess folgte die Filmherstellung in ihrer politischen Ausrichtung und Ökonomie den Vorgaben der Politik der DDR.

Von ihrer Gründung 1946 bis zur vollständigen Abwicklung der gesamten Bereiche aller DEFA-Studios durch die Treuhandanstalt 1991 wurden 740 Kinospielfilme, 2500 Dokumentarfilme und Dokumentationen sowie 750 Animationsfilme produziert.

Das heißt, in diesem besonderen Fall stand das gesamte Filmschaffen des Landes für die rückblickende Betrachtung eines nicht mehr existierenden Landes zur Verfügung. Eine Ausnahmesituation.

Auf der Basis dieser Ausgangssituation war die bestimmende Frage die nach dem Verhältnis der Filmkünstler/innen der DDR zur Politik. Wie verhielten sich Autor/innen, Regisseure/Regisseurinnen und andere Künstler/innen, die letztlich in den Filmen ein Abbild der gesellschaftspolitischen Verhältnisse reflektierten, das heißt in Geschichten verpackte Lebensprozesse schilderten und damit Ansichten und Auffassungen vertraten, die einerseits der herrschenden politischen Haltung entsprachen aber andererseits – wenngleich subtil - auch in Frage stellten.

Welchen Spielraum gab es jeweils zwischen Propaganda, Anpassung und individueller Wahrnehmung, wenn die Kunst subversiv angewandt wurde? Welche Folgen ergaben sich daraus für die Künstler/innen?

Die Plakate mit ihren Texten und Bildern wurden inhaltlich so aufbereitet, dass Film- und Zeitgeschichte miteinander verknüpft wurden. Ergänzend dazu wurde eine kurze Erläuterung zum Inhalt der Filme erarbeitet. Ein Zeitstrahl mit ausgewählten politisch- relevanten Ereignissen verdeutlicht das historische Umfeld der Filme in ihrer Zeit.

Neben dieser speziellen Art der Aufarbeitung war es die Absicht, bewusst eine persönliche Perspektive in die Publikation einzubeziehen. Mit den Beiträgen von Peter Ensikat, einem der bekannten DDR-Satiriker, Buchautor und Humoristen, wurde der Versuch unternommen, persönliche Erfahrungen und Wahrnehmungen eines DDR-Bürgers in die Plakatausstellung einzubeziehen. Unter der Rubrik "Und Atze meint dazu….“ schreibt er z.B. im Zusammenhang mit dem – später verbotenen Film - „Jahrgang 45“ von Jürgen Böttcher:

„Das besonders Perfide an der DDR-üblichen Zensur war, dass sie praktisch von jedem „wachsamen Genossen“ geübt werden konnte. Und jeder Zensor musste Angst haben, einen Film, ein Buch oder Theaterstück durchgehen zu lassen, an dem „höheren Ortes“ Anstoß genommen werden könnte. Zensoren lebten oft gefährlicher als wir „Künstler“. Denn hatten sie einen feindlichen Zungenschlag überhört, wurden sie schnell „zur Bewährung in die Produktion“ geschickt.“

Seine Frustration äußerte zum Beispiel der Schriftsteller Günter Kunert wie folgt:

„…leider ist es bei uns unmöglich geworden, eine simple Sentenz wie „Der Winter ist kalt“ zu äußern, ohne das einem vorgeworfen wird, man negiere drei andere wesentliche Jahreszeiten und erkenne außerdem nicht die Kräfte, die in der Lage seien, den Winter zu einem zweiten Sommer umzugestalten.“

Die Ausstellung vermittelt auch im Bild den Konflikt der DDR-Künstler/innen mit ihrem Staat. Es zeigt sich dabei ein großes Spektrum von Anpassung und Widerspruch bis hin zur Verweigerung.

Die Ausstellung regt dabei zum Nachdenken über die eigene Haltung an und wirft die Frage auf, inwieweit der Einzelne seinen individuellen Wahrheitsanspruch in einem autoritär regierten Staat der ideologischen Lenkung und der Zensur unterordnen darf.

Es entsteht dabei in bester Absicht ein Demokratieverständnis und die Erkenntnis, wie wertvoll das Gut der Freiheit ist, gerade im Spannungsfeld zwischen Kunst, Kultur und Politik.

Weitere Informationen zu Inhalten und Bezug der Ausstellung finden Sie auf den Seiten des Fraenger-Instituts

 

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