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Häufig gestellte Fragen zum Holocaust

Der Holocaust. FAQs – Häufig gestellte Fragen, hrsg. von Avraham Milgram und Robert Rozett im Auftrag von Yad Vashem, Göttingen 2011, 75 Seiten, 12,90 €.

Von Markus Nesselrodt

Die Geschichte des Holocaust ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil der europäischen Schulcurricula und doch steht jede Generation vor den gleichen grundlegenden Fragen. Wie konnte es zum nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden kommen? Warum wurde der Holocaust nicht früher verhindert? Wer waren die Täter und wer die Opfer? Die vorliegende Broschüre hat „häufig gestellte Fragen“ – wie es im Titel heißt – zum Holocaust versammelt und sie von israelischen Historikern beantworten lassen. Herausgeber ist die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem, die es sich zum Ziel gemacht hat, an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern.

Auf den ersten Blick klingen die Fragen einfach, zum Teil gar naiv, doch sollen gerade diese grundlegenden Fragen beantwortet werden. Schüler/innen und Praktiker/innen in der historisch-politischen Bildungsarbeit werden immer wieder mit dem Problem konfrontiert, das Unfassbare und Unbegreifliche zu verstehen bzw. zu vermitteln. Die Broschüre kann Lernende wie auch Lehrende bei diesem Prozess unterstützen.

Kurz und präzise

Der Fokus der 32 Fragen liegt auf der Zeit zwischen 1933 und 1945. Lediglich vier Fragen widmen sich der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Die Historiker erklären zunächst den Begriff des Holocaust, wenden sich dann den ersten Jahren des Nationalsozialismus zu und gehen dann chronologisch weiter. Mit Ausbruch des Krieges stehen dann Fragen nach der Einrichtung von Ghettos, dem Morden der Einsatzgruppen und der Funktionsweise nationalsozialistischer Konzentrations- und Vernichtungslager im Vordergrund. Zum Abschluss geht es dann um den jüdischen Widerstand gegen die Vernichtung und die letzten Kriegstage in Europa.

Ein großer Vorteil der Broschüre ist ihre verständliche Sprache, die komplexe Zusammenhänge auf knappem Raum zusammenfasst und dennoch nicht vereinfacht. Das kann sicher besonders in solchen Lernkontexten hilfreich sein, in denen wenig bis kein Vorwissen vorhanden ist. Auch zur Wiederholung oder zum Nachschlagen lassen sich die „Häufigen Fragen“ einsetzen. Ähnlich wie bei einem Lexikon sind die Antworten auf das Wesentliche reduziert. Ursprung, Verlauf, Akteure und Schauplätze des Holocaust werden benannt und in einen Zusammenhang gebracht, der sowohl das durchgängige Lesen aller Fragen als auch das gezielte Nachschlagen einzelner Aspekte möglich macht.

Ein weiteres Plus ist die Zweisprachigkeit der Broschüre. So folgt der deutschsprachigen Übersetzung das englischsprachige Original aus dem Jahre 2005. Auf diese Weise ließe sich die Broschüre in der internationalen Bildungsarbeit einsetzen, wenn Deutsch und Englisch gesprochen werden. Auch der Einsatz im Deutsch als Fremdsprache-Unterricht ist denkbar, da die einfache Sprache auch von Deutschlernenden gut zu verstehen sein wird. Ergänzend sei noch auf eine ähnliche Fragensammlung „Difficult Questions“ verwiesen, die im Rahmen von polnisch-israelischen Jugendbegegnungen entstanden ist. Eine Besprechung dieses Bandes finden Sie auf unserem Portal.

Internationaler Bezug

Der internationale Entstehungskontext verweist jedoch auf einige Probleme der Broschüre. So fällt auf, dass die Adressat/innen ursprünglich wohl eher israelische Jugendliche waren. Fragen wie „Warum ist der Holocaust so wichtig für uns“ beziehen sich zwar nicht ausschließlich, aber vorrangig auf das Kollektiv jüdischer Israelis bzw. der Juden im Allgemeinen. Vor diesem Hintergrund ist auch der aufklärerische Anspruch der Herausgeber zu verstehen, die in der Einleitung das ambitionierte Ziel formulieren, Wissen zu vermitteln, um eine Trivialisierung oder gar Leugnung des Holocaust zu verhindern. Ein neuer Holocaust solle durch Aufklärung verhindert werden: „Ignoranz kann nur durch Wissen bekämpft werden“ (S. 12). So lobenswert und verständlich dieser Anspruch ist, so fraglich bleibt, ob eine Publikation Vorurteile und Ignoranz zu ändern vermag. Vielleicht sind solche hoch gesteckten Ziele auch gar nicht notwendig, wenn die Lehrenden um die Grenzen der Bildungsarbeit wissen. Aufklären und zur Auseinandersetzung anregen sollte sie, aber Holocaustleugner zu bekehren kann nicht ausschließlich Aufgabe von historischer Bildungsarbeit sein.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass „Der Holocaust – Häufig gestellte Fragen“ eine gute Grundlage für die außerschulische Bildungsarbeit insbesondere bei internationalen Jugendbegegnungen sein kann. Für den Einsatz im deutschen Geschichtsunterricht ist die Broschüre sicher nicht umfassend genug. Doch wer kurze, aber präzise historische Informationen zum Holocaust auf dem aktuellen Stand der Forschung sucht, wird bei der vorliegenden Broschüre fündig.

 

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