Online-Modul: Spanischer Bürgerkrieg

3.1.2 Hans Landauer als 16-jähriger Interbrigadist

Hans Landauer wurde 1921 in Oberwaltersdorf (Niederösterreich) geboren. Er wuchs in einem sozialdemokratischen Umfeld auf und war Mitglied der Roten Falken. Er entschloss sich nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, auf Seiten der Spanischen Republik zu kämpfen. Den gleichen Schritt gingen insgesamt 1.400 Östereicher_innen. Mit jungen sechzehn Jahren fuhr der gelernte Blattbindergehilfe (Weberei) im Juni 1937 nach Paris. Damit er überhaupt nach Spanien gelangen konnte, gab sich Landauer als älter aus.

„Ich habe natürlich meinen Reisepass gehabt, und da ist haargenau eingetragen gewesen – 19. 4. 1921, Hans Landauer – das Geburtsdatum. Und der Max [Anlaufstelle der Internationalen Brigaden in Paris] schaut sich den Reisepass an und sagt: 'Hörst, bist du verrückt? Wir schicken doch keine Kinder nach Spanien!' Genau das waren seine Worte. Na ja [...], aber ich habe schnell geschaltet und gesagt: 'Du, pass auf, das ist nicht mein Reisepass, sondern das ist der Reisepass meines Cousins. Und ich bin nicht am 19. April 1921 geboren, sondern am 19. April 1918!' Hat er gesagt: 'Bist noch immer zu jung!' Und dann habe ich gesagt: 'Na, lieber Freund, die Organisation hat mich hergeschickt. Und ich bin überzeugt davon, Abgängigkeitsanzeige ist schon erstattet daheim. Und wenn ich jetzt zurückkomme, wird mich die Gendarmerie ausquetschen, wenn du mich heimschickst. Und ob ich da das Maul halten kann, weiß ich nicht, ob ich es durchstehe.' [...] Na ja, er hat gesagt, er wird sich das überlegen usw. Und er hat es sich überlegt und ich bin dann nicht nach Hause geschickt worden.“ 

(Interviewauszug aus dem DÖW-Projekt Erzählte Geschichte)

So konnte Hans Landauer, der von Perpignan über die Pyrenäen nach Spanien gelangte, unter dem dem Decknamen Hans Operschall als Melder in der MG-Kompanie des Österreicher-Batallions der XI. Brigade mitkämpfen.

„Am 20. Juli [1937], also einen Monat und einen Tag, nachdem ich von zu Hause weg bin, war ich bereits an der Front, und zwar in Quijorna. Wir sind gerade in ein Schlamassel hineingekommen, einen Rückzug. Die Faschisten haben vehement angegriffen und bombardiert. In El Escorial war die Basis der Brigade, wir hätten auf Madrid hinuntersehen können, aber Madrid war nie zu sehen, denn es war brütend heiß, diese Dunstglocke über dem Hochland. Man hat nur Rauchwolken und Staubwolken gesehen. Denn zwischen Madrid und El Escorial ist das Kampffeld gewesen. Den ganzen Tag sind die Junkers geflogen, die Ju 52 haben da abgeladen. Eines Abends hat es geheißen: 'So, meine Herren, jetzt fahrt ihr auch nach vorne, heute Nacht. Ihr seid jetzt Verstärkung für das 4. Bataillon', das vor dem Brunete-Feldzug gebildete '12. Februar'-Bataillon. Wir sind über Villanueva de la Cañada nach Quijorna, in der Nacht. Und da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben den Leichengeruch in der Nase gehabt, denn auf diesem Feld lagen Hunderte Tote, in den letzten vier Wochen waren dort unheimlich viele Leute umgekommen, und Tierkadaver. Also alles in Verwesung, unter dem Schutt der zusammengebombten Dörfer. Villanueva de la Cañada war dem Erdboden gleichgemacht. Brunete war dem Erdboden gleichgemacht. Man musste mit dem LKW ausweichen.“

(Interviewauszug aus dem DÖW-Projekt Erzählte Geschichte)

Anfang September 1937 wurde Landauer bei Gefechten im Raum Mediana leicht verwundet. 

„Am 4. September [1937] bin ich verwundet worden. Am frühen Morgen sind wir in Mediana durch den Walter Thoss, unseren Stabschef, in Täler geführt worden und haben auf der anderen Seite, vielleicht zwei bis drei Kilometer entfernt, auf den Hügeln Militär gesehen, Faschisten. Wie sich später dann herausgestellt hat, waren es Fremdenlegionäre. Wir wollten dann Stellung beziehen, auf einmal haben wir von links und rechts überall Feuer bekommen, und es hat nur eines gegeben: davonlaufen. Sonst wären wir ins Kreuzfeuer geraten. Wir hatten aber schon zwei Tage vorher überall auf den Hügeln Schützengräben ausgehoben, in Erwartung des Angriffes. Es sind dann die Flieger gekommen, Alfa Romeo haben sie geheißen, glaube ich. Zwei Mann in einem Kampfflieger, hinten das Maschinengewehr auf einem Bügel, der Schütze beugt sich herunter, das Flugzeug wird quergestellt - du musst dir vorstellen, da gibt es keinen Baum und keinen Strauch. Du bist wie am Servierbrett, eine Hasenjagd. Und die kreisen in einem fort herum und befetzen dich. Wir haben uns dann zurückgezogen. Der Alois Brust ist gefallen. Am Nachmittag sagt zu mir der Kompaniekommandant Vinzent Porombka: 'Lauf zurück zum Bataillonsstab. Der ist beim weißen Haus von Mediana!' Das ist so ein Straßenwärterhaus. 'Wir brauchen Munition. Wir können nicht mehr, wir haben nichts mehr!' Ich laufe also zurück, es war so im schönen Abendsonnenschein. Ich bin 20 Meter vor dem Haus, dort steht ein Personenwagen, komisch bestrichen, mit Tarnfarbe. Ich treffe den Walter Thoss, vor uns steht eine Tragbahre, auf ihr liegt ein Verwundeter. Ich zeige mit der linken Hand auf die Tragbahre. In dem Moment geht 's 'pscht' - das hörst du nicht kommen, den Schuss eines Flachbahngeschützes, Antitank-Geschütz, 4,5 cm. Zehn Meter vor uns schlägt die Granate ein. Ich spüre nur mehr eine Wärme um meine Finger und fahre so auf die Finger hin, blicke nach links und sehe, wie der Walter Thoss - er war ein kleiner Mann, unheimlich tapfer, ich glaube, er ist siebenmal verwundet worden im Spanischen Bürgerkrieg - sich auf einmal um die eigene Achse dreht und niederfällt. Der Splitter, der in meine Finger gegangen ist, ist ihm in die Brust gegangen. Ich habe es aus dem linken Mittelfinger warm herausrinnen gespürt und weiß nicht, wer es gesagt hat, jedenfalls: 'Rein in den Wagen!' Ich habe mich in den Wagen gesetzt, der Walter Thoss wurde neben mich gelegt, aus seiner Brust ist das Blut geflossen, und dann ging 's ab ins Hinterland.“ 

(Hans Landauer: Wie am Servierbrett, DÖW, Spanischer Bürgerkrieg) 

                       Hans Landauer bei der Verabschiedung der Internationalen
                       Brigaden am 28. Oktober 1938 in Barcelona, 
                       Foto: DÖW, Spanien-Dokumentation,
                       Aufnahme: Agusti Centelles, Barcelona

Infolge des Sieges der Franquisten musste Hans Landauer nach Frankreich fliehen. Dort wurde er in den Lagern Argelès, Saint-Cyprien und Gurs sowie im Gefängnis von Toulon interniert. Im November 1940 wurde er in Paris festgenommen und schließlich am 6. Juni 1941 aufgrund einer Anzeige wegen 'Vorbereitung zum Hochverrat' in das Konzentrationslager Dachau gebracht. 

„Wir sind am 5. Juni 1941 von Wien weggefahren, sind die Nacht durchgefahren, am 6. Juni – das werde ich nie vergessen, denn drei Jahre später war die Invasion – sind wir auf dem Hauptbahnhof in München angekommen. Wenn heute Österreicher und Deutsche in Mauthausen, in München oder sonstwo sagen, sie haben nichts gewusst von alldem, was seinerzeit passiert ist, ist das ein Witz. Es war zeitig in der Früh, der Hauptbahnhof von München war stark bevölkert, und wir sind in einem normalen Waggon angekommen, begleitet von der Schutzpolizei. Und wie wir bei den Fenstern rausschauen, heißt es: 'Raus, raus, raus, Tempo, Tempo!' Draußen haben wir etwa zehn SS-Leute sehen können, Totenkopf auf der Mütze und braune Gesichter. Man hat sehen können, sie sind das ganze Jahr draußen in der Sonne, und jeder hielt einen Ochsenziemer in der Hand. Nach der dritten oder vierten Gleisanlage ist ein Mannschaftstransportwagen gestanden mit Bänken. Wie wir vom Waggon runtergestiegen sind, hat der Erste schon einmal eine mit dem Ochsenziemer übers Kreuz gekriegt, und es war ein Hasten und Laufen über die Gleise in Richtung dieses Mannschaftstransportwagens. Und dort auch wieder: Wir waren ungefähr 40 Mann und andererseits zehn SS-Leute – aber die haben einen derartigen Terror ausgeübt und einen derartigen Schrecken eingeflößt, dass auch nur der leiseste Widerstand oder auch nur ein Nicht-Laufen uns überhaupt nicht eingefallen wäre.“

(Interviewauszug aus dem DÖW-Projekt Erzählte Geschichte)

„Zur Zeit unserer Ankunft waren speziell die deutschen Häftlinge – Sozialisten und Kommunisten, da hat es keinen Unterschied gegeben – mehr oder weniger demoralisiert. Die sind bereits acht Jahre gesessen, von 1933 bis 1941, und haben wirklich geglaubt, Deutschland wird innerhalb kürzester Zeit die ganze Welt beherrschen. Das glaubten die Spanienkämpfer nicht. Wir sind als homogene Masse hingekommen, was ein unheimlicher Vorteil war. Außerdem war der Chef vom Zugangsblock ein Röhm-Häftling, Wagner hat er geheißen, ein SA-Mann aus München, der komischerweise an uns Spanienkämpfern einen Narren gefressen hatte. Er hat gesagt: 'Ihr seid politische Kämpfer, vor euch habe ich Respekt!' Und wie wir dann auf dem Lagerplatz unseren Marsch einstudieren mussten, mit Holzschlapfen, hat er nach einer Stunde gesagt: 'So, Spanienkämpfer, raustreten! Ihr geht auf den Block und bringt den Block in Ordnung!' Und da mussten wir dann die Blöcke schrubben. Die Blöcke in Dachau waren blitzblank; wenn ein Stäubchen gefunden wurde, hast du 25 Stockschläge bekommen. Die anderen armen Hunde, die nicht richtig marschieren konnten, mussten weiterexerzieren: 'Sprung, auf, marsch. Sprung, auf, marsch!' In dem Sand- und Steinboden von Dachau, das war furchtbar, sie haben sich die Finger und Hände aufgerissen. Von dieser ersten Schinderei waren wir Spanienkämpfer mehr oder weniger ausgenommen. Und es ist uns dann auch gelungen, verschiedene Positionen relativ rasch zu beziehen. [...]“ 

(Hans Landauer: Ein Hasten und Ein Laufen, DÖW, Spanischer Bürgerkrieg) 

In Dachau war Hans Landauer vom Juni 1941 bis zum 29. April 1945 inhaftiert. Nach der Befreiung ging er nach Österreich und arbeitete erst in der Sicherheitsdirektion Niederösterreich, anschließend als Kriminalpolizist in Wien. Ab 1983 wurde er ehrenamtlicher Mitarbeiter des DÖW (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes) und baute dort die Spanien-Dokumentation auf. Unter anderem veröffentlichte er 2003 das Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer. Hans Landau starb 2014 nach langer Krankheit. 

Literatur

 

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