Online-Modul: Spanischer Bürgerkrieg

2.2.1 Ambivalenzen und Legenden

Die Kirche war ein wichtiger Akteur im Vorfeld und während des Krieges. Sie mischte in der propagandistischen Auseinandersetzung der Putschisten aktiv mit und verfolgte massiv eigene Machtinteressen. Und sie sah sich Ausbrüchen von Gewalt gegenüber, wie Plünderung, Verfolgung und Mord, die bereits schon vor Beginn des Krieges brutale Ausmaße angenommen hatten.
Bis 1939 verloren über 7.000 weltliche Geistliche, Mönche und Nonnen durch die Hand revolutionärer Milizen oder aufgebrachter Tagelöhner in Spanien ihr Leben. Aber auch franquistische Hinrichtungskommandos mordeten Geistliche, insbesondere den niederen baskischen Klerus, der im Wesentlichen pro-republikanisch geblieben war.

opispo Nonnen werden abgeführt

Bischof von Malagá beim franquistischen Gruß nach der Besetzung der Stadt durch Francos Truppen.
Quelle: www.fuenterrebollo.com

Die Bildunterschrift lautet: Ordensfrauen werden zur Hinrichtung geführt. Verifiziert ist, dass es sich um Adoratrices-Nonnen handelt (Anbetungsschwestern vom heiligen Sakrament und von der Liebe), die 1936 von Milizionären aus ihrem Kloster weggeführt werden.
Quelle: Katholisches Info. Magazin für Kirche und Kultur

Verantwortung für die Morde an Geistlichen

Dass es sich um spontane Ausbrüche eines „Volkszorns“ gehandelt habe, lässt sich, so Martin Baxmeyer, angesichts der jüngeren lokalhistorischen Forschung in Spanien nicht aufrechterhalten. Zwar habe es nie einen Aufruf zu Priestermorden gegeben und das Morden fand auch scharfe Kritik als „blutiger Irrsinn“ (so der einflussreiche Syndikalist Joan Peiró), doch trügen nicht nur die Kommunisten, sondern auch die Anarchisten eine bis heute oft geleugnete Verantwortung an den Morden. Martin Baxmeyer resümiert hierzu:

„Die massenhafte Ermordung unbewaffneter Kirchenangehöriger durch spanische Anarchistinnen und Anarchisten war nicht nur eine furchtbare Unmenschlichkeit, die sämtlichen Idealen der libertären Revolution Hohn sprach. Sie war auch - wollte man ihn angesichts der begangenen Verbrechen denn einnehmen - von einem pragmatisch-revolutionären Standpunkt aus betrachtet sinnlos. Die Kirche war im Sommer 1936 in der republikanischen Zone faktisch entmachtet: Ihr Vermögen war eingezogen, ihre Gotteshäuser waren geschlossen, ihre Priester waren auf der Flucht. Sie stellte keine Gefahr für die revolutionäre Linke dar.“

Der „Mythos vom schießenden Pfaffen“ werde von Zeitzeugen bis heute kolportiert.

Die Mitverantwortung der katholischen Kirche an Bürgerkrieg und Diktatur

Jahrzehntelang wurde die faktische Mitverantwortung der Kirche für den Spanischen Bürgerkrieg und die darauffolgende Diktatur tabuisiert.
Bilder, die die Putschisten mit hohen Kirchenvertretern zeigen, sprechen eine deutliche Sprache, ebenso der Hirtenbrief der spanischen Bischöfe vom 1. Juli 1937 oder Biographien, wie die des Bischofs von Teruel, Beato Anselmo Polanco y Fontecha, der bis heute eine umstrittene Figur in der spanischen Erinnerungslandschaft ist.
Die Mittäterschaft der Kirche bei Zwangsadoptionen und Kinderraub bereits in den 1940er Jahren hat der katalanische Historiker Ricard Vinyes als Erster dokumentiert:

„Wenn man sagt, dass die katholische Kirche mit der Franco-Diktatur kollaborierte, so ist das nicht wahr. Die katholische Kirche war das Herz des Franquismo. Sie war der Franquismo! Der Franquismo hätte ohne die katholische Kirche nicht existieren können. Aber die Kirche fühlt sich in keiner Weise schuldig, im Gegenteil. Sie empfindet sich bis heute als Opfer, aber auch als Retterin des spanischen Vaterlandes.“

Geistliche „Märtyrer“ des Bürgerkrieges

Nach offiziellen Zahlen der katholischen Kirche starben 12 Bischöfe, 4184 Priester und Priesterseminaristen, 2365 Ordensmänner und 283 Ordensfrauen, dazu Tausende Laien im Spanischen Bürgerkrieg 1936/1937.
Mehrere Hundert der Geistlichen wurden von der katholischen Kirche inzwischen selig gesprochen.

Doch sollte die Erforschung der Rolle der katholischen Kirche, so ließe sich resümieren, nicht allein in den Händen der Institution liegen. Denn diese betont einseitig die Verbrechen, die an ihren Mitgliedern begangen worden sind. Die Bemühungen insbesondere des Papstes Johannes Paul II., Geistlichen, Priestern und Nonnen als Opfer von Gewaltverbrechen einen festen Erinnerungsplatz in der Kirche einzuräumen, nahmen, wie bei Seligsprechungsverfahren üblich, ihren Ausgang bei einzelnen Initiativen aus dem Kirchenvolk. Die mit der Seligsprechung einhergehende Überhöhung der Lebensschicksale zu „Märtyrern des Glaubens“ impliziert dabei auch eine Sinnstiftung, die für eine ausgewogene Aufklärung und Aufarbeitung politischer Verbrechen eher kontraproduktiv sein kann.

Angesichts der massenhaften Seligsprechung von spanischen Geistlichen konstatiert Martin Baxmeyer:

„Für Johannes Paul II. mag die Seligsprechung spanischer Geistlicher lediglich ein willkommener Beitrag zu seiner Politik der ‚Neuevangelisierung’ einer seiner Ansicht nach ins Heidentum zurückschlitternden Welt gewesen sein. Immerhin hatte noch nie ein Papst so viele Menschen zur ‚Ehre der Altäre’ erhoben wie er [...] Für Spanien aber war die ‚Massenseligsprechung’ ein Politikum ersten Ranges und löste scharfe Kontroversen aus. War es doch, als habe der Stellvertreter Gottes auf Erden persönlich ein Machtwort gesprochen und durch diese Zeremonie endgültig jenen Recht gegeben, die den Spanischen Bürgerkrieg schon immer als ‚Kreuzzug’ gesehen hatten, in dem ein Heer selbstloser Streiter einer schuldlos in Todesnot geratenen Kirche zu Hilfe eilte.“

 

Literatur 

 

 

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