Zur Diskussion

Vergleiche und verborgene Absichten

Daniel Gaede, geb. 1956, in Wetzlar/Hessen aufgewachsen, 1977/78 Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel, u.a. Arbeit in Yad Vashem; Studium der Politologie und Geschichte mit Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung an der FU Berlin und der Universität Hamburg. Leiter der Abt. Gedenkstättenpädagogik in Buchenwald und Mittelbau Dora.
Von Daniel Gaede

Was ist der Unterschied zwischen
einem Flügel und einer Geige?
Der Flügel brennt länger.

Zum Ende einer Führung durch die Gedenkstätte Buchenwald sagte ich zu den Teilnehmenden, dass die Ursachen all der von den Nationalsozialisten im Lager verübten Verbrechen genau genommen außerhalb des Zauns zu finden sind: In der Einstellung so vieler, die damals mit der Verschleppung und Ermordung all jener Menschen einverstanden waren, die nicht in ihr Gesellschaftsbild passten. „Das sollten Sie mal Barack Obama erzählen und ihn darauf hinweisen, was in Guantanamo Bay los ist!“, rief da einer aus der Gruppe. Wie sollte ich antworten? „Das können Sie überhaupt nicht vergleichen; Guantanamo ist eine völlig andere Geschichte!“ oder „Ja, da haben Sie völlig recht, die US-Amerikaner sind (hoffentlich!?) auch nicht besser als die Nazis“ oder sollte ich zurückfragen: „Was möchten Sie mit Ihrem Vergleich eigentlich erreichen?“

Die Geschichte Buchenwalds bei Weimar ist zu kompliziert für jene, die schnell gemachte Vergleiche, einfache Erklärungen und schwarz-weiße Gegensätze ohne Zwischentöne bevorzugen: Von mehr als 240.000 Menschen wurden hier zwischen 1937 und 1945 von der SS ungefähr 56.000 um ihr Leben gebracht. Nach der Befreiung von rund 21.000 Häftlingen des Konzentrationslagers im April 1945 und der Übernahme Thüringens durch die Sowjets im August 1945 wurde das Gelände zur Internierung von Deutschen genutzt. Wer im Verdacht stand, an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt gewesen zu sein, wurde ebenso interniert wie auf Grund von Denunziationen eingelieferte Personen – keiner kam zur Überprüfung der Vorwürfe vor ein Gericht. Bis zum Frühjahr 1950 wurden mehr als 28.000 Menschen hier zeitweilig interniert; mehr als 7.100 von ihnen starben an den Folgen der Lagerbedingungen, die von dem sowjetischen Kommandanten zu verantworten waren.

7.100 von 28.000 sind mehr als 25%; 56.000 von 240.000 sind weniger als ein Viertel: „Sehen Sie“, sagte einmal ein Besucher zu mir, „die Kommunisten waren doch schlimmer als die Nazis, oder etwa nicht?“

Wie wiegt man menschliches Leid? Wozu sollte man es überhaupt abwiegen? Und sind die erwähnten Vergleiche wirklich aus Mitgefühl mit jenen angestellt worden, die damals in dem sowjetischen Lager zugrunde gingen oder heute noch immer in Guantanamo oder anderswo gequält werden?

Meist geht es um etwas anderes: Der Verweis auf weitere Untaten soll die Auseinandersetzung mit dem ursprünglichen Thema verhindern: Zum Glück (!?) gibt es ja immer noch andere Verbrechen. Mit deren Ursachen und Verantwortlichen wollen sich die Protagonisten der Vergleiche jedoch meist auch nicht beschäftigen. Eine häufig zu hörende Reaktion ist allerdings genauso wenig hilfreich: „Das kann man doch nicht vergleichen!“ kommt dann und bei manchen klingt es so, als gäbe es ein elftes Gebot: „Du sollst keine Vergleiche anstellen.“

Rein sprachlich gibt es im Deutschen das Problem, dass das Verb "vergleichen" zwei verschiedene Bedeutungen hat: Vergleichen im Sinne von Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten und im Sinne von "gleich setzen", also dem Einebnen von wichtigen Unterscheidungsmerkmalen. Um das zweite zu verhindern, wird meist die erste Bedeutung gleich mit verworfen und jene, die auf Vergleichen im Sinne einer differenzierenden Sicht auf zwei Gegenstände bestehen, wird schnell vorgehalten, man könne doch nicht „Äpfel mit Birnen vergleichen“ – ein Bauer, der dazu nicht in der Lage ist, sein Obst auseinanderzuhalten, dürfte allerdings sehr bald in ernste Schwierigkeiten geraten.

Bei der Auseinandersetzung mit Gesellschaftsverbrechen spielt jedoch eine andere Ebene hinein: Emotionen, genauer gesagt, die Wahrnehmung von verletzter Menschenwürde, von mit Absicht zugefügtem Schmerz und Leid. Diese Verletzungen betreffen neben den Überlebenden und ihren Angehörigen oft auch die nächsten Generationen. So wird die „unvergleichliche Einzigartigkeit“ eines Verbrechens wie des Holocaust oft aus der Sorge betont, dass das Ausmaß dieses Verbrechens und vor allem eine empathische Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Opfer verloren gehen könnte, wenn von anderen Massenverbrechen die Rede ist.

Streng logisch betrachtet, ist die Einzigartigkeit eines Ereignisses allerdings nur durch Vergleich feststellbar. Ein respektvoller Umgang mit den Opfern eines Verbrechens bedarf so gesehen keiner Herausstellung der Einzigartigkeit, da alle Menschen letztlich einzigartig sind und zugleich in ihrer Verschiedenheit einen ebenbürtigen Anspruch auf Anerkennung ihrer Menschenwürde haben.

Vergleiche sind die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens und lebensnotwendiges Werkzeug zur Bewältigung unseres Alltags. Wir müssen laufend entscheiden: Was ist gut für uns, was nicht? Und welche Kriterien sind für die Analyse und anschließende Bewertung ausschlaggebend? Wie die Vergleichsmaßstäbe gewählt werden und wozu, sollte klar erkennbar sein.

Die fast schmerzhaft wirkende Feststellung „Der Flügel brennt länger“ wird nachvollziehbar, wenn sie jemanden trifft, der zu erfrieren droht und zum Einheizen seines erkalteten Zimmerofens nur noch dieses Instrument übrig hat. Unter diesen Umständen zählt nur noch der Brennwert. Ein Möbelpacker wird nach Gewicht gehen, wenn er diese Umzugsgüter in den fünften Stock zu tragen hat, ein Musikalienhändler wird sich zuerst an seiner Verdienstmöglichkeit orientieren. So sind die hinter einem Vergleich stehenden Interessen im Wortsinn frag-würdig, nicht der Vergleich an sich.

Einige Besucher der Gedenkstätte fühlen sich angesichts der hier geschehenen Verbrechen an eigene Diskriminierung, Verfolgung oder Folter erinnert. Andere fragen, wie sich Menschen damals an Kriegen und systematisch verübten Völkermorden beteiligen konnten, da es bis heute vergleichbare Verbrechen gibt – wäre es anders, bräuchten wir keinen Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

In der historisch-politischen Bildung sollten alle Beteiligten Geschichte so differenziert analysieren, dass der Blick auf die Gefährdung der Menschenwürde geschärft wird. „Lernen aus der (NS-)Geschichte“ sollte darin bestärken, Gefahren in der Gesellschaftsentwicklung rechtzeitig zu erkennen und entsprechend der eigenen Verantwortung zu handeln – in unser aller Interesse, da unsere Lebensgrundlagen zunehmend von Menschen ruiniert werden, obwohl wir – vergleichsweise – wenig Planeten in greifbarer Nähe haben, auf die wir im Zweifelsfall umziehen könnten. 

 

Kommentar hinzufügen