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Postmigrantische Jugendliche, Islamdebatten und die Schule

Dr. Matthias Schwerendt ist derzeit als Referent bei der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage in einem bundesweiten Pilotprojekt tätig, das pädagogische Konzepte zum Themenfeld Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus entwickelt.
Von Matthias Schwerendt

Wer sind postmigrantische Jugendliche und was haben sie mit den hierzulande in den Medien mitunter heftig geführten Debatten um Islam und Islamismus zu tun? Beide Fragen entbehren nicht einer gewissen Ironie. Erstere verweist auf die durchaus hilflos anmutenden Versuche einer angemessenen Begriffsfindung der Mehrheitsgesellschaft für Jugendliche, deren Eltern oder Großeltern irgendwann in den letzten 50 Jahren in Folge der Anwerbeabkommen, die Deutschland mit verschiedenen südosteuropäischen Ländern geschlossen hat, nach Deutschland eingewandert sind. Die zweite Frage verweist auf das folgenschwere Phänomen, dass die Mehrheitsgesellschaft nach jahrzehntelangen Versäumnissen in der Integrationspolitik derzeit über die Erfordernisse und Fehlentwicklungen von Migration diskutiert, die dabei geäußerte Kritik jedoch zumeist auf Muslime zielt.

Weder die Jugendlichen noch ihre Eltern und Großeltern wollen sich zu Recht noch auf irgendwelche Migrationshintergründe reduzieren lassen. Sie leben hier als Teil einer vielfältigen Gesellschaft, deren Anerkennung auf Zugehörigkeit in der entwickelten Einwanderergesellschaft eigentlich keiner Voraussetzung mehr bedarf. Weder Bildungsstand, beruflicher Erfolg, mögliche individuelle Vorstrafen, traditionelle Einstellungen oder religiöse Orientierungen sollten den Anspruch auf diese Anerkennung schmälern. Erst auf dieser Grundlage kann eine sachliche Debatte über die Fehler der deutschen Integrationspolitik in den letzten Jahrzehnten auf Augenhöhe mit den Adressaten jener Politik geführt werden. Sozialpolitische Begriffe wie Integration, die in der derzeitigen Debatte Gefahr laufen, als politische Kampfbegriffe zu polarisieren, verlieren meines Erachtens ohne diese Voraussetzung ihre Relevanz.

In der Kritik des Islams bzw. der hier lebenden Muslime werden in problematischer Weise zwei Diskurse miteinander vermischt: einer, der sich eigentlich um die Stärkung unserer eigenen Identität dreht, indem wir uns von den vermeintlich rückständigen und barbarischen Muslimen abgrenzen. Ein anderer benennt Probleme in bestimmten, abgrenzbaren sozialen Milieus und muss angemessene Lösungen für soziale Fehlentwicklungen aufzeigen. Die Mischung der Diskurse lädt gerade zu ein, in populistischer Manier eine Politik der Angst zu verfolgen und damit einen politischen Mehrwert auf Kosten von Minderheiten zu generieren. Demnach behindere nicht die Bildungsferne anatolischer oder italienischer Eltern den Schulerfolg ihrer Kinder, sondern deren Religionszugehörigkeit. Muslimische Kopftuchmädchen werden zur Bedrohung für den Feminismus oder zu gefährlichen Gebärmaschinen deklariert, die nur noch den demografischen Dschihad im Kopf hätten. Die Gefahr islamischer Parallelgesellschaften wird propagiert, obwohl Deutsche über Jahrhunderte selbst in katholischen und protestantischen Parallelgesellschaften lebten.

Der Streit über den Islam bzw. Muslime in Deutschland und in Europa gleicht einer Obsession, bei der weder die Muslime, noch die Christen, noch die Religionslosen gewinnen können. Vergegenwärtigen wir uns: zwischen dem Mord an Theo van Gogh Ende 2004 als Beginn einer moralischen Panik und heute liegen nahezu sieben Jahre einer andauernden gesellschaftlichen Debatte über Islamismus und damit verbunden über das vermeintliche Wesen des Islams, über muslimische Minderheiten und die Folgen ihrer Einwanderung für die Mehrheitsgesellschaften in Europa. Die Liste der mit dieser Debatte verbundenen Schlagworte ist lang, die Zielrichtung der vielerorts geäußerten fundamentalen Islamkritik traf erstens Muslime und Familien mit Migrationsgeschichte, zweitens die Verfechter des Konzepts einer multikulturellen Gesellschaft und drittens diejenigen, die doch nur die Existenz des Islams in der entwickelten Einwanderergesellschaft, also schlicht und ergreifend die Realität der europäischen Gesellschaften im 21. Jahrhundert nach jahrzehntelanger Wirklichkeitsverweigerung angesprochen haben. Für viele Muslime wurde das verbriefte Grundrecht der in Europa garantierten Religionsfreiheit mit diesen Debatten und den damit verbundenen Konsequenzen (z.B. Minarettverbot, Kopftuch- und Burkaverbote, Moscheebaudebatten) bedenklich ausgehöhlt.

Besagte Debatte wurde nicht nur mit Vehemenz zwischen den verschiedenen politischen Lagern und Institutionen ausgetragen, an ihr nahmen auch viele wortgewaltige Vertreter/innen der Medien und von muslimischen Institutionen teil. Plötzlich waren Terrorexpert/innen, aber auch Expert/innen des religiösen und sozialen Lebens gefragt, die der Allgemeinheit darüber Auskunft darüber geben sollten, wie denn nun die Muslime und ihre Communities ticken würden. In den medialen Arenen galt dabei die Regel, dass die Provokation den Aufmerksamkeitswert der Nachricht erhöht. Mit einem Themenspektrum von Genitalverstümmelung über Zwangsheirat bis hin zum pakistanischen Terrorcamp wird eher auf Quote, denn auf die Lebensrealitäten der übergroßen Mehrheit der Muslime gesetzt, die ein Leben jenseits dieser durchaus existierenden Schicksale führt. Man kann eine solche Berichterstattung durchaus als eine Form von Rufmord bezeichnen. Dabei wird ignoriert, dass auch Muslime hierzulande selbstverständlich eine rege Diskussion über Verbrechen im Namen von Religion oder Tradition führen und auf die Einhaltung von Menschenrechten pochen.

Ein Kernthema der Debatte kreist um muslimische oder postmigrantische Jugendliche, über die oft verallgemeinernd aus einer defizitorientierten Perspektive diskutiert wurde. Muslimische Mädchen wurden dabei oft als zu rettende Opfer, muslimische Jungen und junge Männer hingegen als Täter dargestellt. So wurde bei der Wahrnehmung jugendlicher Dschihadisten ignoriert, dass das Abgleiten in den Terrorismus nicht auf religiöse Verpflichtungen und Bindungen beruht, sondern in einer gemeinsamen psychosozialen Lage der Täter. Terrorismus ist ein Problem kulturell entwurzelter, oft gebildeter, aber dennoch erfolgloser, politisch radikalisierter, zorniger junger Männer, die gegen eine Welt aufbegehren, die ihnen keine Heimat mehr bietet. Trotz dieser elementaren Erkenntnis aus der Täter- und Radikalisierungsforschung müssen sich weiterhin gerade junge Muslime bei jedem Anschlag von neuem vom islamistischem Terror distanzieren, um ihre von der Mehrheit ständig hinterfragte Glaubwürdigkeit zu bewahren. Es ist offensichtlich, dass unter postmigrantischen Jugendlichen der nachvollziehbare Wunsch existiert, in der Einwanderergesellschaft endlich als normal zu gelten, ein Wunsch, der Wut, Frustration und Abkehr auslöst, wenn Respekt, Chancengleichheit und Religionsfreiheit als unerfüllbare Versprechen erscheinen.

Postmigrantische Jugendliche sind in den laufenden Islamdebatten strukturell benachteiligt, und das nicht nur während ihrer Schulzeit. Und während immer mehr Erwachsene aus den Einwanderercommunities in der Islamdebatte das Wort ergreifen, bleibt Jugendlichen in der Regel außerhalb ihrer Familien und sozialen Milieus nur der Zugang zu Internetforen oder Blogs, um ihre Meinung in die Gesellschaft einzubringen, andere Medien oder politische Parteien sind ihnen nahezu verschlossen. Umso mehr wird die Schule für sie zu einem zentralen Ort, um sich an religiösen und politischen Identitätsdiskursen bzw. an den Wertedebatten, wie sie in der Gesellschaft leben wollen, zu beteiligen. Dabei treffen sie regelmäßig auf Lehrer/innen, die in ihren interkulturellen Kompetenzen überfordert sind. Deren Kenntnisse reichen oft nicht aus, um den Mix aus individuell gelebter islamischer Glaubenspraxis und überlieferten herkunftsspezifischen oder alten Traditionen zu verstehen.

Dabei übernehmen Lehrer/innen ohne Zweifel für postmigrantische Jugendliche und insbesondere für die Muslime unter ihnen eine enorm wichtige Funktion. Lehrkräfte üben nicht nur maßgeblichen Einfluss auf deren Zukunftschancen aus und moderieren darüber hinaus die schulischen Identitäts- und Wertedebatten. Sie sind zugleich diejenigen Erwachsenen, an deren Haltungen und Urteilen die Jugendlichen ihre Wertmaßstäbe und Moralvorstellungen messen lassen und abarbeiten müssen. Es wäre hier viel Terrain gewonnen, wenn muslimische Jugendliche als autonome Persönlichkeiten und Staatsbürger und erst dann als Angehörige einer Weltreligion an den schulischen Auseinandersetzungen beteiligt sind. Es würde dem Anliegen nur gerecht, Bildungs-, Integrations- und Gleichberechtigungsprobleme sachgerecht zu diskutieren und nicht gleich in einem Kulturkampfhorizont zu verorten. 

 

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