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Alternative Stadterkundung rund ums Hamburger Rathaus

Ein Plädoyer für Erinnerungsorte und kreative Formen der Annäherung

Maren Riepe ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Bildungsreferentin für den Landesjugendring Hamburg e.V., der „Alternative Stadtrundfahrten“ zum Thema „Hamburg im Nationalsozialismus – Verfolgung und Widerstand“ für Schulklassen und Jugendgruppen anbietet. Maren Riepe konzipiert diese Touren gemeinsam mit freiwilligen Mitarbeiter/innen des Landesjugendrings, leitet und organisiert Fortbildungen und entwickelt Projekte, um jugendgerechte Gedenkformen in Hamburg zu finden.
Von Maren Riepe

Gab es die „Weiße Rose“ auch in Hamburg? Was passierte jemandem, der in einem Lied Adolf Hitler und seine Partei verspottete? Und wo setzte die Hamburger Gestapo sogar Jugendliche mit brutalen Verhörmethoden unter Druck? Dies sind einige der Fragen, denen Jugendliche bei der Alternativen Stadterkundung des Landesjugendrings Hamburg (LJR) nachgehen. Erinnern und Gedenken in der Stadt braucht es das heute überhaupt noch? Sind die Zeiten der aufklärenden Stadtrundgänge, der Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive nicht längst vorbei? Warum sollten Jugendliche sich heute noch in die Stadt begeben, um sich über die Zeit des Nationalsozialismus zu informieren? Und wie kann das Interesse junger Menschen, die sich eher mit Hilfe des Internets orientieren, für Erinnerungsorte gewonnen werden?

Drei Jahrzehnte nach Ende der NS-Diktatur zogen erneut Nazis durch die Hamburger Innenstadt. Ehemals Verfolgte, Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA) wollten dagegen ein Zeichen setzen. Der Mär eines stets „roten“, vom Nationalsozialismus doch gar nicht so stark betroffenen Hamburg sollte entgegengetreten, über die Geschichte der Stadt sowie die mörderischen Verbrechen im KZ Neuengamme aufgeklärt werden. Für ihre Idee gewannen die Zeitzeugen den Landesjugendring (LJR). So wurden Alternative Stadtrundfahrten, Stadtrundfahrt und -rundgänge zum Thema „Hamburg im Nationalsozialismus“ für viele Jahre gemeinsam von Zeitzeugen der VVN/BdA und Freiwilligen des LJR geleitet. Doch mit dem Sterben der Zeitzeugen, die einen persönlichen Zugang zur Geschichte ermöglichen und junge Menschen durch ihre Offenheit in ihren Bann ziehen, gilt es, neue Formen der Vermittlung und Erinnerung zu finden.

Die Alternative Stadterkundung bietet Jugendlichen ab 14 Jahren die Gelegenheit, sich selbstständig auf Spurensuche rund um das Hamburger Rathaus zu begeben. Viele Zeichen, Gedenk­tafeln und -skulpturen, in der Hamburger Innenstadt erinnern an die Jahre 1933 bis 1945. Die meisten davon nimmt man im Alltag jedoch kaum wahr. Die Stadterkundung zielt darauf ab, den Entdeckergeist der Jugendlichen zu wecken, ihnen viel Freiheit bei der Wahl von Themen und Wegen zu lassen und sie die Funde der Erkundung untereinander teilen zu lassen – ohne pädagogisierend einzugreifen.

Die Tour startet am Hamburger Rathaus. Auch für viele Schülerinnen und Schüler aus der Region ist das prunkvolle Gebäude ein unbekannter Ort. Die Entwicklung der Stadterkundung zu ihrer jetzigen Form hat über ein Jahr gedauert. Mehrere Probedurchläufe mit Hamburger Gesamtschulklassen und die anschließende Befragung der Teilnehmenden führten zu der aktuellen Fassung. Dass das Rathaus bei der Stadterkundung eine zentrale Rolle spielt, geht übrigens auf den Wunsch vieler Jugendlicher zurück. Auf die Frage, worüber die Schülerinnen und Schüler gern mehr erfahren hätten, war das Rathaus lange Zeit auf Platz 1.

So geht es denn zunächst darum, wer im Rathaus seinen Sitz hat, wie Bürgerschaft und Senat gewählt werden und welche Fraktion(en) die Hamburger Regierung stellt(en). Die Jugendlichen können sich diese Fragen mithilfe der Informationstafeln in der Rathausdiele weitgehend selbständig erschließen. Die gemeinsame Zusammenfassung ihrer kleinen Einstiegsrecherche erfolgt – mit freundlicher Unterstützung der Bürgerschaftskanzlei und sofern zeitgleich keine Parlamentssitzung ist – im Plenarsaal des Hauses. Für Besucher jeden Alters ist dieser Saal in der Regel recht beeindruckend. Der Vergleich des Ortes mit einer historischen Aufnahme aus dem Jahr 1933 bietet zudem einen guten Einstieg, um über den Weg Hamburger Nationalsozialisten an die Macht ins Gespräch zu kommen.

Eine Fotografie vom 8. März 1933 zeigt die Bürgerschaft bei der Wahl eines neuen, rechts-konservativen Senats, in dem die NSDAP die Hälfte der Senatoren stellte. Was an diesem Bild auffällt: Gut ein Drittel der Abgeordnetensitze ist leer. Die Reichstagsbrandverordnung vom Februar ermöglichte es den Hamburger Nationalsozialisten, die Abgeordneten der KPD mit Gewalt von der Bürgerschaftssitzung abzuhalten.

Für die Teilnehmenden der Alternativen Stadterkundung beginnt nach der inhaltlichen Einführung im Plenarsaal die eigentliche Spurensuche. Fünf Themen stehen dafür zur Auswahl: Jugend, Kultur, Kirche, Politik und Wirtschaft, – alle samt gesellschaftliche Bereiche, welche die Nationalsozialisten nach ihrem Machtantritt ideologisch zu durchdringen und mit Gewalt nach ihren Vorstellungen zu formen versuchten.

In kleinen Gruppen, in der Regel vier bis fünf Personen, begeben sich die Schülerinnen und Schüler auf den Weg. Ausgestattet mit einem Kartenausschnitt der Hamburger Innenstadt, einem kleinen Heft (8 Seiten) mit Aufgaben und Hintergrundinformationen, Klemmmappen und Schreibmaterial für Notizen. Je drei Orte – Stolpersteine, Gedenktafeln, Skulpturen oder Mahnmale – gilt es pro Gruppe zu finden. Das begleitende Heft liefert kurze, zusammenfassende Hintergrundinformationen und stellt Fragen wie die zu Beginn dieses Artikels formulierten.

So erfahren die Spurensucher unter anderem von Margartha Rothe, Reinhold Meyer und Hans Leipelt. Die Hamburger Studierenden teilten die Ideen der „Weißen Rose“, vervielfältigten und verteilten die Flugblätter ihrer Münchener Kommilitonen. Am Thalia-Theater erfahren die Teilnehmenden der Stadterkundung von der Schauspielerin Hanne Mertens, die sich in einem Lied über Hitler mokierte und dafür nur wenige Tage vor Ende der NS-Diktatur in Hamburg im KZ Neuengamme ermordet wurde. Gleich mehrere Stolpersteine vor dem Hamburger Stadthaus zeugen von den brutalen Verhörmethoden der Hamburger Gestapo, die einzelne Inhaftierte in den Suizid trieben.

Aus unterschiedlichen Perspektiven und anhand von Orten in der Hamburger Innenstadt erschließt sich somit jede der fünf Gruppen einen Teil der Hamburger Geschichte im Nationalsozialismus. Unabhängig vom gewählten Thema werden der totalitäre Herrschaftsanspruch und die brutalen Methoden des NS-Regimes deutlich. Die Geschichte/n wird/werden mit realen Orten verbunden. Dabei wird deutlich, dass sich unglaubliche Ungerechtigkeiten und Gräueltaten mitten in der Stadt zutrugen, dass der Nationalsozialismus eben nicht nur in fernen Lagern im Osten seinen Schrecken entfaltete. Zum Abschluss der Tour fassen die Jugendlichen ihre Ergebnisse mit eigenen Worten zusammen und erläutern ihren Mitschülern die gefundenen Zusammenhänge. Trotz des ernsten Inhalts entwickeln die Jugendlichen Freude am Erkunden, Erschließen und Darstellen ihrer Ergebnisse. Eine Gruppe verpackte die Präsentation ihrer Funde beispielsweise in ein gespieltes Fernseh-Interview und war sich damit der Aufmerksamkeit ihrer Mitschüler gewiss.

Bei Schulklassen und Jugendgruppen mit politisch-historischen Vorkenntnissen kommt die Erkundung gut an. „Mir hat gefallen, dass dieses schwierige Thema mal ganz anders vermittelt wurde, als es in der Schule allein möglich ist“, schrieb beispielsweise die Lehrerin einer Hauptschulklasse im Rückblick. Eine Hamburger Jugendgruppe dagegen fasste ihr Feedback mit den Worten „Es hat allen viel Spaß gemacht“ zusammen. Derzeit zu kurz kommt allerdings die Auseinandersetzung mit historischen Quellen. Um die Erkenntnisse aus der Spurensuche zu vertiefen, wäre die eigenständige Arbeit mit ausgesuchtem Quellenmaterial wünschenswert. Der LJR plant daher, die Stadterkundung, die derzeit zweieinhalb bis drei Stunden dauert, zu einem Projekttag auszubauen.

Die NS-Geschichte fand an realen Orten, mit Hilfe und unter Augenzeugenschaft vieler Menschen statt. Die Erinnerung an diese Verbrechen darf daher nicht an virtuelle Orte verlagert werden. Wichtig ist jedoch, immer wieder nach jugendgerechten und ansprechenden Erinnerungsformen zu suchen und Jugendliche in diese Suche einzubinden. Mit diesem Ziel startet Ende Oktober 2011 das Hamburger Projekt Wie wollt ihr euch erinnern?. Die Kulturbehörde, der LJR und andere Projektpartner und Unterstützer laden junge Menschen zwischen 16 und 21 Jahren dazu ein, sich an den Planungen für einen neuen Gedenkort in der HafenCity zu beteiligen. Am Lohseplatz soll ab 2013 mit einem Informations- und Dokumentationszentrum an die Deportation von Juden, Sinti und Roma erinnert werden. Wie stellen sich jungen Menschen einen solchen Erinnerungsort vor? Wir sind gespannt auf die Antworten.

Kontakt
Landesjugendring Hamburg e.V.
Güntherstr. 34
22087 Hamburg
Tel.: 040 - 317 96 114
FAX: 040 - 317 96 180
WWW: www.alternative-stadtrundfahrten.de

 

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