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Geschichte vor Ort: Stadtrundgänge zur Erfurter NS-Geschichte

Der Historiker Dr. Eckart Schörle ist Mitherausgeber der Zeitschrift "WerkstattGeschichte" und arbeitet als Verlagslektor in Erfurt. Er ist Mitglied der Projektgruppe Erfurt im Nationalsozialismus.
Von Eckart Schörle

Der Nationalsozialismus, so eine gerne verbreitete Auffassung, sei heute in den Medien allgegenwärtig. Zugleich wird damit die Notwendigkeit der Vermittlung von NS-Geschichte in Frage gestellt. In der Tat hat die Forschung in den letzten 10 bis 20 Jahren große Fortschritte erzielt und Lücken gefüllt. Aber was kommt davon im öffentlichen Bewusstsein an? Dominieren hier nicht weiterhin vereinfachende und überholte Erklärungsmuster? Gerade die Vermittlung von Geschichte im eigenen Stadtraum kann dazu beitragen, Zusammenhänge der NS-Geschichte begreifbar zu machen.

Krämerbrücke oder Topf & Söhne?

Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten herausgeputzt. Zahlreiche alte Gebäude wurden aufwändig saniert und erstrahlen heute in neuem Glanz. Bei Touristinnen und Touristen ist die Stadt ein beliebtes Reiseziel. Die lokale Tourismusbehörde bietet zahlreiche und gut besuchte Stadtführungen an. Aushängeschilder sind der Dom und die Krämerbrücke, eine durchgehend bebaute Steinbrücke aus dem Mittelalter. Ausschlaggebend für die Entstehung unserer Stadtrundgangsgruppe war die Überlegung, dass sich Geschichtsvermittlung nicht allein auf die vermeintlich schönen Seiten der Vergangenheit beschränken sollte. Ergänzend zu den offiziellen Stadtführungen haben wir daher ein Angebot entwickelt, das auch die Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet.

Die ersten Schritte waren bescheiden. Wir sichteten die vorhandene Literatur und gingen in die Archive, um nach geeignetem Material für einen Stadtrundgang zu Erfurt im Nationalsozialismus zu recherchieren. In der Forschung gab es damals noch große Lücken, da Lokalstudien zu bestimmten Komplexen – beispielsweise zu Zwangsarbeit oder Arisierung – nicht vorlagen (mittlerweile hat sich das geändert). Auch der städtische Erinnerungsort Topf & Söhne existierte noch nicht, lediglich eine erinnerungspolitisch umkämpfte Industriebrache. Wir lernten aber auch einzelne engagierte Personen kennen, die sich mit Aspekten der Erfurter NS-Geschichte beschäftigt hatten und uns bereitwillig Unterlagen und Materialien zur Verfügung stellten. Als glücklich hat sich in der Entstehungsphase die Verbindung zum DGB-Bildungswerk Thüringen e.V. erwiesen, an das wir – eine Gruppe von durchschnittlich sechs bis zehn Interessierten – seitdem institutionell angebunden sind.

Stadtrundgänge zu Erfurt im Nationalsozialismus

Angefangen hat dann alles mit einem aus sieben Stationen bestehenden Innenstadtrundgang, den wir im Jahr 2000 erstmals der Öffentlichkeit präsentierten. Im Laufe der Jahre kamen ein paar Dutzend weitere Stationen hinzu, sodass wir inzwischen auch unterschiedliche thematische Rundgänge im Programm haben. Neben öffentlichen Führungen bieten wir außerdem Rundgänge für Gruppen an, die zum Teil aus Erfurt kommen, zum Teil aber auch von außerhalb. Mit Fahrradrundfahrten steuern wir Punkte an, die mit einem Rundgang zu Fuß schlecht zu erreichen wären. Für Schulklassen bieten wir halbtägige, interaktive Stadterkundungen an. Mittlerweile ist aus der Projektgruppe eine feste Institution geworden, die sich auch bei Veranstaltungen und Debatten in der Stadt einbringt.

Die Rundgänge werden in der Regel von zwei Personen geleitet, die abwechselnd Stationen vorstellen oder ein Zitat vorlesen. Der Stimmwechsel wird von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als angenehm empfunden und erhöht die Aufmerksamkeit. Zu fast jeder Station gibt es zwei bis drei Bildtafeln, die Zeitungsausschnitte, historische Fotografien oder Dokumente zeigen. Die Innenstadtrundgänge dauern knapp zwei Stunden. Ein kurzer interner Auswertungsbogen fasst besondere Vorkommnisse, Fragen und Probleme zusammen, um diese für die anderen Referentinnen und Referenten der Projektgruppe transparent zu machen und mögliche Änderungen anzuregen.

Freiwillig und kostenlos

Wir machen die Rundgänge freiwillig und erwarten dasselbe auch von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die Freiwilligkeit scheint uns ebenso wichtig für eine gelungene Bildungsarbeit wie das kostenlose Angebot der Rundgänge. Letzteres wird durch eine Honorarregelung mit der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen ermöglicht. Uns ist bewusst, dass das Kriterium der Freiwilligkeit in der Praxis nicht immer eingehalten wird, beispielsweise bei Schulklassen. Dennoch versuchen wir im Vorgespräch mit den Pädagoginnen und Pädagogen zu erklären, warum uns dieser Punkt wichtig ist.

Uns geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung von Faktenwissen, vielmehr wollen wir Zusammenhänge aufzeigen und das eigenständige Denken fördern. Die Schülerinnen und Schüler – aber natürlich auch andere Gruppen – sollen sich auf Grund des Gehörten selbst ein Urteil zur rassistischen und antisemitischen Verfolgung oder zu Ausgrenzungsprozessen bilden. Daher wollen wir auch nicht, dass die Rundgänge in die Leistungskontrolle des Schulunterrichts eingebunden werden, etwa durch nachträgliches Abfragen oder Multiple-Choice-Fragebögen.

Wichtiger ist uns eine inhaltliche Einbindung in den Schulunterricht. Wenn dort das Thema Nationalsozialismus behandelt wird, kann unser Rundgang die scheinbar weit entfernte Geschichte in den eigenen Stadtraum holen und eine Verbindung zur eigenen Lebenswelt herstellen. Eine gute Integration in den Schulunterricht ist allemal sinnvoller, als einen Rundgang kurz vor den Sommerferien und nach der Zeugnisausgabe anzubieten – die Aufmerksamkeitskurve geht dann selbst bei den aufgeschlossensten Schülerinnen und Schülern gegen Null.

Was kommt an?

Die Teilnahme an einem Rundgang wird bei niemandem zum Wechsel der eigenen Einstellungen führen, vielmehr wird das Gehörte in der Regel in die bestehenden Geschichtsbilder eingebaut. Unsere Ansprüche sind bescheiden. Wir freuen uns bereits, wenn wir einzelne Aspekte hinterfragen können oder einige Leute animieren, sich selbst mit bestimmten Fragen weiter zu beschäftigen. In Abgrenzung von der älteren Betroffenheitspädagogik, die eine Bewertung und Interpretation meist schon vorgegeben hat, versuchen wir uns bei der Beurteilung zurückzuhalten. Das Gehörte soll die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu eigenen Bewertungen anregen.

Trotz der vermeintlichen Allgegenwart der NS-Geschichte in den Medien haben wir festgestellt, dass es mit der konkreten Kenntnis meist nicht weit her ist. Ein rudimentäres Wissen von Daten und Ereignissen kann zwar vorausgesetzt werden, es fehlt aber häufig die Fähigkeit, diese Ereignisse zu verknüpfen und zu verstehen. Jenseits der lokalen Erfurter Geschehnisse geht es also auch darum, die allgemeine NS-Geschichte zu erläutern und Analysen anzubieten. Manchmal ist es schlicht notwendig, simple Klischees aufzubrechen. Dazu gehört etwa die Vorstellung, es habe Nazis, Juden und Erfurter gegeben – natürlich waren auch die Nazis und die Juden Erfurter Bürger.

Entgegen landläufiger Auffassung sind wir nicht der Meinung, dass die Vermittlung von NS-Geschichte überrepräsentiert ist. Vielmehr ist festzustellen, dass das allgemeine Bild den Erkenntnissen der jüngeren NS-Forschung hinterherhinkt. Oft sind einfache Erklärungsansätze präsent, die man eigentlich schon überwunden glaubte. Die Vermittlung ist also stets eine neue Herausforderung. Diese richtet sich keineswegs nur an Schulklassen oder die Jugendlichen, sondern ebenso – und vielleicht sogar noch mehr – an die Erwachsenenwelt.

Kontakt
Projektgruppe Erfurt im Nationalsozialismus
DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.
Warsbergstraße 1
99092 Erfurt
Tel: 0361/21727-0
E-Mail: erfurt-im-ns [at] dgb-bwt [dot] de
WWW: http://www.dgb-bwt.de

 

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