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Gedenken in Oberhausen – Kontinuität und Wandel im Stadtraum

Clemens Heinrichs ist Leiter der Gedenkhalle und des Bunkermuseums der Stadt Oberhausen.
Von Clemens Heinrichs

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hat in Oberhausen zahlreiche Gedenksteine und Mahnmale im Stadtgebiet hervorgerufen. Die zentrale Repräsentanz aber für die Erinnerungskultur stellt die Gedenkhalle dar, die 1962 als erste westdeutsche Gedenkstätte eröffnet wurde (Foto 1: Gedenkhalle Oberhausen) Ihre Gründung geht auf ein einstimmiges Votum aller Fraktionen im Stadtrat zurück, die damit ein bis dahin vorbildloses Projekt in die Welt setzten. 2012 wird die Gedenkhalle ihr 50jähriges Bestehen begehen. So wie ihrer Geschichte der Wandel im Laufe der Jahrzehnte eingeschrieben ist, so können über den gleichen Zeitraum hinweg auch Wandlungen von Orten des Gedenkens in der Stadt nachgezeichnet werden.

Die Gedenkhalle befindet sich in einer besonderen Lage im Stadtraum. Absichtsvoll platzierte man sie im repräsentativsten Ort der Stadt, dem Schloss Oberhausen – Ausdruck der Bedeutung, die man der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beimaß. Überdies liegt das Schloss an der Schnittstelle der drei Hauptstadtteile der Stadt. Heute ist diese zentrale Position etwas gemindert, da sich durch den Strukturwandel städtische Schwerpunkte veränderten. Dennoch ist die Lage nach wie vor prominent, zumal die Gedenkhalle direkt an den Kaisergarten, eine Parkanlage mit Tiergehege, angrenzt und dadurch eine große und bunte „Laufkundschaft“ hat. 

Auch wenn die Gebäudehülle aus denkmalpflegerischen Gründen kaum verändert werden kann, wurde die Gedenkhalle selbst nach 1962 mehrfach umfangreich oder in Details umgestaltet. So wurde 1988 eine zweite neue Dauerausstellung eröffnet (Foto 2: Dauerausstellung 1988). Vorläufiger Schlusspunkt des Wandels war die Eröffnung einer dritten neuen Dauerausstellung im Dezember 2010 (Foto 3: Dauerausstellung 2010). In die Stadtgeschichte wurden dabei als neue Aspekte der Themenschwerpunkt Zwangsarbeit zwischen 1939 und 1945 in Stadt und Region sowie die kommunale Geschichte des Gedenkens eingefügt. 

Als die Stadt Oberhausen 1962 zum 100jährigen Stadtjubiläum die Gedenkhalle eröffnete, kam es zeittypisch zu einer summarischen Verschränkung der Opfer: In einer Fotocollage, die vollflächig auf der Scheitelseite des Hauptraumes aufgebracht war, wurden die Opfer des Holocaust mit den Opfern der Luftangriffe auf das Dritte Reich und den Opfern von Flucht und Vertreibung in eins gefasst (Foto 4 Fotocollage, 1962). Obendrein wurde auf der Empore ein lokalhistorischer Erinnerungsraum für die vertriebenen Oberschlesier der Patenstadt Königshütte eingerichtet. Collage und Erinnerungsraum existieren etwa seit den 1980er-Jahren nicht mehr.

Einem ähnlich summarischen Opfergedenken verhaftet ist die überlebensgroße Gedenkskulptur der „Trauernden“, die sich unmittelbar an der Gedenkhalle befindet und 1962 mit ihr eingeweiht wurde (Foto 5: Gedenkhalle und „Trauernde“, 1962) Eine Widmungsinschrift im Boden vor der Skulptur bezieht neben den undifferenziert benannten Opfern der Kriege und den Opfern der „Unfreiheit“ unter der NS-Diktatur abermals die Opfer der Vertreibung mit ein (Foto 6: Widmung der „Trauernden“). Nach wie vor findet zum Volkstrauertag an der „Trauernden“ eine Kranzniederlegung statt.

Auch wenn sich der Charakter der Gedenkfeier seit den 1980er-Jahren fundamental zum „Friedenssonntag“ gewandelt hat, ist der vormalige Konsens seit längerem aufgebrochen. Zum einen stammt die Skulptur von dem Bildhauer Willy Meller, dessen Biografie postum wegen seiner Tätigkeit für die Nationalsozialisten bspw. auf der Ordensburg Vogelsang oder dem Reichssportfeld Berlin unter Rechtfertigungsdruck geriet. Zum anderen werden die Figur, die einer christlichen Ikonografie verhaftet ist, und die Widmungsinschrift kritisiert, weil beide den Opfern des Holocaust nicht gerecht werde (Foto 7: „Trauernde“). Daher stellt sich die Frage, wie einerseits mit der Widmungsinschrift und wie andererseits mit Ort und Form des Gedenkens zum Volkstrauertag umzugehen ist. Vorschläge des wissenschaftlichen Beirats zur Neukonzeption der Gedenkhalle liegen dazu bereits vor.

Überdacht werden wird auch der Umgang mit der Skulptur des in die Wiese vor der „Trauernden“ eingelassenen „Bombentrichters“, da sich seine Widmung nicht leicht erschließt (Foto 8: „Bombentrichter“, 1985).  Eine Veränderung der Gesamtsituation könnte die Wechselbeziehungen beider Skulpturen mit der Gedenkhalle deutlicher machen als bisher. Entsprechend sollte das Areal vor der Gedenkhalle insgesamt einer Prüfung und ggfs. Überarbeitung unterzogen werden (Foto 9: Außenraum Gedenkhalle). 

Der Wandel der Erinnerungskultur ist einer Gesellschaft in ihren Zeitläufen eingeschrieben und trägt über die Kritik an den Formen der Vergangenheitsbewahrung zu einem nicht traditionell erstarrten, sondern lebendig bleibenden Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus bei. 

Redaktionelle Anmerkung: Die im Text angegebenen Fotos sind als Fotostrecke oberhalb des Beitrages platziert.

 

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