Empfehlung Lebensbericht

Ruth Klügers Erinnerungen weiter leben. Eine Jugend

Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend, München 1994, 7,90 €.
Von Markus Nesselrodt

In weiter leben legte die 1931 in Wien geborene Ruth Klüger Zeugnis ab über ihre Jugendzeit vor und während der nationalsozialistischen Herrschaft. Die Anfang der 1990er Jahre erschienene Autobiografie gliedert sich in vier Teile – Wien, die Lager, Deutschland, und New York – die zugleich die wichtigsten Stationen ihrer Jugend darstellen. Klüger wehrte sich lange Jahre dagegen, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Der Sinn einer Autobiografie leuchtete ihr nicht ein. Späte Begegnungen mit jungen Deutschen waren es schließlich, die sie ermutigten, Zeugnis abzulegen. Folglich sind es auch die „Göttinger Freunde“, denen Klüger ihre Erinnerungen in deutscher Sprache widmet.

Klügers Bericht beginnt mit ihren ersten Lebensjahren in Wien. Eine Stadt, mit der sie zunächst noch flüsternde Stimmen, Nachrichten über die Schicksale Unbekannter verbindet, die sie des Nächtens zu entziffern versucht. Sie erinnert sich an „Nazibuben“, die mit kleinen Dolchen bewaffnet durch die Straßen gingen und Lieder sangen, in denen „Judenblut“ vom Messer spritzt. Hätte man damals missverstehen können, was damit gemeint war? Klüger sagt nein. Im Gegenteil, es habe einer nicht „geringen geistigen Akrobatik“ bedurft, um misszuverstehen und nicht wissen zu wollen. Klüger wächst auf in einem jüdischen Umfeld, das nicht auffallen will, das versucht, die antisemitischen Drangsalierungen zu relativieren und sich auf irgendeine Weise einrichten will in den neuen Lebensumständen. Für das junge Mädchen bedeuten die vielen antijüdischen Verbote doch vor allem, dass sie ihre Heimatstadt niemals richtig kennenlernen konnte: „Man trat auf die Straße und war in Feindesland“ (S. 16). Und so blieb Wien für immer die Stadt, aus der Klüger die Flucht nicht gelang. Auch Jahre später, in ihrer neuen Heimat, den USA, kreisen ihre Gedanken um die österreichische Hauptstadt. Doch es bleibt eine Gespensterstadt, ein Ort, der für sie nicht mehr existiert und zudem „bis ins Mark hinein judenfeindlich“ (S. 68) gewesen sei.

Ebenfalls verbunden mit der Kindheit bleibt für Klüger die Erfahrung, die Mitglieder ihrer Familie nie richtig kennengelernt haben zu können. Sie wurden ermordet, bevor sie dazu Gelegenheit bekam. Was bleibt, so Klüger, sei das Gefühl, nie irgendwo richtig dazugehört zu haben. Menschen, die sie kennt und liebt, verschwinden von einem Tag auf den anderen. Die Aussage „eines Tages war er weg“ über ihren Jugendfreund Schorschi bringt es auf den Punkt und schwebt bedrohlich über den ersten Jahren ihres Lebens.

Klügers Text ist ein ungewöhnlicher. Die Autorin schlägt stets Brücken zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, stellt Bezüge her zwischen Ereignissen ihres Lebens und geht nur sehr lose chronologisch vor. Sie berichtet bewusst aus der Position eines Menschen mit vier Jahrzehnten Lebenserfahrung, der zu einer Rückschau fähig ist und zudem ausgestattet mit dem Wissen einer historisch gebildeten Akademikerin. Jetzt weiß sie, was sie „damals nicht wissen durfte“ (S. 10). Diese Diskrepanz zwischen Kindheitserinnerungen und nachträglich erworbenem Wissen kann und will Klüger nicht auflösen. Sie macht sich und ihr Gedächtnis angreifbar und gibt zu keinem Zeitpunkt vor, dass ihre Erinnerungen nicht fragmentarisch und mitunter grob entstellend seien. Es sind solche und andere Reflexionen, die Klügers Buch zu mehr machen als einer reinen Autobiografie. In ihrem Text tummeln sich neben ihren Erinnerungen, Abhandlungen zur Funktionsweise des Gedächtnisses, zur Psychologie, zur Literatur und zum Judentum, stets versetzt mit einer alles durchziehenden Selbstkritik. Und einer zuweilen schwer verdaulichen Lakonik, wie etwa, als sie über die neurotischen Macken ihrer Mutter schreibt: „Als ich mich in ihrem [Klügers Mutter, M.N.] Alter von meinen Kindern trennte, gingen sie ins College, nicht ins KZ“ (S. 63).

Hier klingt an, dass Klüger mit sich und ihrem Umfeld schonungslos und wenig zimperlich ins Gericht geht. Ihre Sprache gleicht zuweilen einem Gedankenfluss, wie man ihn aus einem Gespräch kennt, mit Zeitsprüngen, Exkursen und Umwegen. Zuweilen scheint es, als würde sie vor ihrem Publikum in Echtzeit Zeugnis ablegen: „Die Erinnerung spült zurück“ (S. 50).

Ruth Klügers Bericht stellt ein herausragendes Werk dar. Es verweigert sich einer klaren Kategorisierung und ruft vielerorts zum Widerspruch auf. Es scheint so, als wolle Klüger ihre Leser/innen tatsächlich zum Dialog auffordern und nicht nur monologisieren. Man könnte meinen, dass wäre einem gedruckten Buch gar nicht möglich, doch Klüger überzeugt uns vom Gegenteil. Es kann nur begrüßt werden, dass weiter leben Einzug gehalten hat in den Kanon der Schulliteratur, denn auf diese Weise verhallt Klügers Stimme nicht, sondern wird immer wieder gehört.

Ruth Klüger hat vor kurzem ein zweites Erinnerungsbuch mit dem Titel „unterwegs verloren“ veröffentlicht, über das ein Radiobeitrag des BR 2 berichtet.