Gisela Elsner: Fliegeralarm, Verbrecher Verlag Berlin (2009), 282 Seiten, 14 Euro.
Von Ingolf Seidel

Der Roman Fliegeralarm von Gisela Elsner ist keine leichte Kost. Im Mittelpunkt der beißenden Satire steht eine Gruppe vier- bis fünfjähriger Kinder in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Spielplätze der Kinder sind Bombenkrater und die Ruinenlandschaften einer nicht näher benannten Stadt.

Die von Elsner skizzierten Kinder sind das Gegenteil unschuldiger Opfer. Sie haben die nationalsozialistische Ideologie, mit der sie aufwachsen zutiefst verinnerlicht. Das Buch ist aus der Ego-Perspektive des Mädchens Lisa geschrieben, die gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Kicki sehnsüchtig auf die nächsten Bombenangriffe wartet, um Granatsplitter zu sammeln, die den Kindern als Währung dienen. Nebenher wird ein schwunghafter Handel mit einem codeinhaltigen Hustensaft betrieben, mit dem sich die Kinder aus der umliegenden Wohnsiedlung betäuben und der mit jenen Granatsplittern bezahlt werden muss.

Dieses sind noch die harmloseren Zeitvertreibe der deutschen Kriegskindheit, die Elsner zeichnet. Lisa und ihre Freunde sind stets bereit die Eltern oder andere zu denunzieren und schauen mit Verachtung auf jedes Zeichen von Kriegsmüdigkeit herab. Ihre Kindergruppe – zeitgenössisch würde Gang ihr Treiben wohl am besten charakterisieren – ist hierarchisch strukturiert. Selbstverständlich steht man als SS-Mann oder General, beziehungsweise wenigstens als Frau eines solchen an der Spitze der Meute. Mitleid ist diesen Kindern ein Fremdwort, genauer: Es existiert nicht in ihrer Gefühlswelt. Als Kicki in Folge eines Bombenangriffs in sein Bett uriniert, konstatiert seine Schwester: „Ein Bettnässer kann nur KZler werden“, um mit Blick auf die brüderliche Sammlung an Spielzeugsoldaten anzuschließen: „Kann ich deine Schachtel mit der Wehrmacht und mit unserem Führer haben, wenn du von der Gestapo abgeholt worden bist (...)“ (S. 45f).

Zur Komplettierung dieses kindlichen Entwurfs nationalsozialistischer Lebenswelt fehlt nur noch zweierlei: Ein Konzentrationslager, das in einer Ruine errichtet wird und ein Insasse. Letzterer hat, in mimetischer Anschmiegung an die Ideologie der Erwachsenen, ein Jude zu sein. Für diese Rolle wird Rudi, der Sohn eines Kommunisten auserkoren. Das Ressentiment, dass „alle Juden Kommunisten und alle Kommunisten Juden“ sind, ist der Bande als ein Teil der Volksgemeinschaftsweisheit geläufig und so wird Rudi in ihr Kinder-KZ gezwungen, um dort bis zum Tode malträtiert zu werden. Wie in der Erwachsenenwelt plagen nur rudimentäre Anflüge von dem, was ein Gewissen ausmacht die Kinder, um sogleich auf das Opfer zurückzuschlagen. Der durch Hunger und Misshandlung geschwächte Junge ersehnt bald nur noch den Tod: „Ich will endlich sterben, sagte unser Jude zu meinem Schrecken zu meinem Bruder Kicki.“ Um von der Protagonistin Lisa die Antwort zu erhalten: „Wenn Du nicht am Leben bleibst, bringen wir dich um (...)“ (S. 171).

Der Tod von Rudi ruft zwar einen kurzen Tränenausbruch hervor, aber mehr noch Angst vor den Folgen der Entdeckung der Leiche. Die „Endlösung der Judenfrage“, von der die Erwachsenen raunen und der angebetete „Führer“ offen spricht, kommt in Form eines Bombenangriffs, der den Toten verschüttet.

Gisela Elsners Roman fiel bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1989 bei Kritiker/innen durch. Zu schmerzhaft legte die Autorin den Finger in die Wunde einer Gesellschaft, die sich eher dem Taumel der Vereinigung hingeben mochte. Erst mit der Neuveröffentlichung im Berliner Verbrecher Verlag folgte so etwas wie eine verspätete Würdigung, die nur noch eine posthume war. Gisela Elsner hatte 1992 ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt.

Die Figuren in Fliegeralarm sind Kinder, die wie Erwachsene handeln, eher Archetypen, denn Individuen. Ihr Verhalten widerspricht allem, was wir gemeinhin mit dem Zustand von Kindlichsein in Verbindung bringen. Elsner variiert nicht einfach das Thema kindlicher Grausamkeit, sondern sie schreibt über die Entmenschlichung einer Gesellschaft. Ihre Hauptfiguren sind nicht ohnmächtig abstrakten Verhältnissen ausgeliefert, sondern treffen Entscheidungen. Darin liegt auch das pädagogische Potential des Buches. Sicherlich sind seine Einsatzmöglichkeiten, ob der Komplexität und wegen des notwendigen Vorwissens auf den Deutschunterricht einer zehnten Jahrgangsstufe oder gar die Sekundarstufe II beschränkt. Doch kombiniert mit einer Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte der Autorin, die eine unbequeme Gestalt im Literaturbetrieb war, aber den Vergleich mit Elfriede Jelinek kaum zu scheuen braucht, stellt Fliegeralarm auch heute noch ein gutes Stück dessen dar, was wir als „Aufarbeitung der Vergangenheit“ bezeichnen. Im Angesicht einer häufig allzu glatten und sich mit sich selbst zufriedenen Erinnerungskultur ist Elsners Buch auch heute noch widerspenstig und regt zur Reflexion, ebenso wie zum Widerspruch an.    

 

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