Empfehlung Zeitschrift

Vernichtungskrieg im Osten

Geschichte lernen Nr. 141. Vernichtungskrieg im Osten. Mai 2011. Friedrich Verlag. Best.-Nr. 517141.

Von Dorothee Ahlers

Der Krieg des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die Sowjetunion spielt bisher im Geschichtsunterricht in der Regel eine untergeordnete Rolle. Ausgehend von dieser Feststellung bietet die Ausgabe „Vernichtungskrieg im Osten“ der Zeitschrift Geschichte lernen kopierfertige Unterrichtsmaterialien zu verschiedenen Aspekten an. Zur Verfügung gestellt werden Materialien zum Generalplan Ost, zur Ernährungs- und Hungerpolitik der deutschen Kriegsführung am Beispiel der Stadt Charkow, zur Leningrader Blockade, zu Partisanenkämpfern und -kämpferinnen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern und zu Feldpostbriefen deutscher Soldaten. Ein Unterrichtsentwurf widmet sich außerdem dem nachkriegsdeutschen Umgang mit dem Krieg anhand des Streits um die Wehrmachtsausstellung(en). Alle Entwürfe werden eingeleitet durch einen Überblickstext zum jeweiligen Thema und einer Einschätzung von dessen didaktischer Relevanz. Zielgruppe, Hauptmethode, vermittelte Kompetenzen und Zeitbedarf werden übersichtlich dargestellt.
 
Die Unterrichtsentwürfe werden eingeleitet mit einem Text von Michael Sauer, Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Göttingen, der in knapper Form den Pädagoginnen und Pädagogen einen Überblick über das Thema bieten soll. Dabei geht Sauer vor allem auf die unterschiedlichen Facetten des Vernichtungskrieges ein und thematisiert die Vernichtung von Juden, Kriegsgefangenen und Zivilbevölkerung, den Partisanenkampf sowie Verschleppungen zur Zwangsarbeit und stellt stets die Verantwortlichkeit unterschiedlicher Täterinstitutionen heraus. In einem didaktischen Ausblick identifiziert er die Relevanz des Themas für den Geschichtsunterricht in der Vielfalt der Täter- wie Opferstrukturen, der Entscheidungs- und Handlungsebenen der beteiligten Personen und zieht eine Parallele zum Lernen über den Holocaust. Zudem biete der Umgang bzw. Nicht-Umgang mit dem Vernichtungskrieg in Nachkriegsdeutschland ein „erinnerungsgeschichtliches Lehrstück“ (S. 8). Ausgehend von dem schwierig zu fassenden Ausmaß des Verbrechens plädiert er dafür, in der Bildungsarbeit mit exemplarischen Einzelfällen zu arbeiten und unterschiedlichste Quellen heranzuziehen.
 
Beispielhaft sollen hier zwei Unterrichtsentwürfe vorgestellt werden.
Die Materialien zur Blockade Leningrads, die vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 dauerte, sollen es Schülerinnen und Schüler ermöglichen, die Besonderheit des deutschen Vernichtungskrieges, die Wirksamkeit von Ideologie im Krieg und den Konstruktcharakter von Geschichtsschreibung zu erkennen. Als Quellen dienen Zitate von Angehörigen der Wehrmacht zur deutschen Kriegsstrategie sowie von der sowjetischen Parteiführung, ein sowjetisches Agitationsplakat sowie Auszüge aus der russischen Geschichtsschreibung. Die Unterrichtsmaterialien bieten somit eine multiperspektivische Zusammenstellung von Quellen, erfordern allerdings bereits inhaltliches Vorwissen zum deutsch-sowjetischen Krieg sowie eine quellenkritische Arbeitsweise und sind wohl nur für höhere Klassenstufen geeignet. Auch der Unterrichtsentwurf zu den Feldpostbriefen deutscher Soldaten setzt einiges Vorwissen zur nationalsozialistischer Ideologie und zum Zweiten Weltkrieg voraus. Anhand von Ausschnitten aus Briefen soll auf der einen Seite die offizielle NS-Ideologie, auf der anderen Seite ihre Auslegung durch die Soldaten, aber auch die Prägung der Soldaten durch diese erarbeitet werden. Weitere Unterrichtsentwürfe behandeln – wie bereits aufgeführt – andere Aspekte des Krieges im Osten wie die Hungerpolitik, Partisanenbekämpfung und Zwangsarbeit.
 
Das Heft von Geschichte lernen bietet Unterrichtsentwürfe mit multiperspektivischem Quellenmaterial zu unterschiedlichen Aspekten nationalsozialistischer Kriegsführung im Osten, die zumeist auch auf den Konstruktcharakter von Geschichtsschreibung eingehen. Eine Einschränkung besteht allerdings in den großen inhaltlichen Voraussetzungen für die Behandlung der Unterrichtsentwurf, die den Ersatz erst in höheren Klassenstufen erlauben. Grundsätzliches Wissen über den Vernichtungskrieg im Osten muss bereits vorhanden sein, dann bieten die Materialien die Gelegenheit, sich mit verschiedenen Aspekten des Krieges anhand von illustrativen Einzelfällen zu beschäftigen.
 
Das Heft kann direkt beim Friedrich Verlag bestellt werden.
 
Wollen Sie sich über verschiedene Aspekte der Forschung zum deutsch-sowjetischen Krieg informieren, finden Sie auf der Internetseite des Historischen Centrums Hagens wissenschaftliche Beiträge der Edition "Unternehmen Barbarossa", die in 5 Jahrgängen zwischen 2001 und 2005 erschienen sind.

 

 

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