Empfehlung Zeitschrift

Der Hitler-Stalin-Pakt in der Erinnerung

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.): Der Hitler-Stalin-Pakt. Der Krieg und die europäische Erinnerung, [=Osteuropa 7-8/2009], 22€.
Von Markus Nesselrodt

Der Pakt zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion vom 23. August 1939 sei ein „Muster totalitärer Außenpolitik“ (S. 6), schreiben die Herausgeber der Monatszeitschrift Osteuropa Manfred Sapper und Volker Weichsel. Das dem Nichtangriffspakt angehängte geheime Zusatzprotokoll bereitete die territoriale Aufteilung Osteuropas vor und nahm die spätere jahrzehntelange Spaltung des Kontinents vorweg.

Die kollektiven Erinnerungen an den Hitler-Stalin-Pakt gestalten sich in den betroffenen Ländern äußerst unterschiedlich. So wurde der Pakt als Symbol der doppelten Besatzung in Polen und den baltischen Staaten zu einem zentralen Bestandteil der nationalen Erinnerungskulturen. In der deutschen Öffentlichkeit dagegen werden die Unterzeichnung des Paktes und der 17. September 1939, der Tag des sowjetischen Einmarsches in Polen vom Datum des 1. September 1939 überlagert. In Russland schließlich passt der Schulterschluss mit dem Nationalsozialismus wie auch die folgende Besatzung Polens und des Baltikums nicht so recht ins offizielle Selbstbild der heroischen Siegermacht.

Die vorliegende Ausgabe von Osteuropa gliedert sich in drei Kapitel. Zunächst werden verschiedene Perspektiven der europäischen Erinnerung an den Pakt aufgezeigt. Darauf folgen Beiträge zur deutschen und sowjetischen Besatzungspolitik, die im dritten Teil der Zeitschrift durch Artikel zu Fragen der Geschichtspolitik und des kollektiven Gedächtnisses ergänzt werden. Abgerundet werden die Einzelbeiträge schließlich von einem umfangreichen Rezensionsteil, in welchem aktuelle Neuerscheinungen zum Thema vorgestellt werden.

Werner Benecke beschreibt in seinem Beitrag „Die Entfesselung des Krieges. Von 'München' bis zum Hitler-Stalin-Pakt“ die Vorgeschichte des folgenschweren Abkommens. Er setzt mit der Unterzeichnung des sogenannten Münchener Abkommens im September 1938 ein, welches Gebietsabtretungen der bis dato souveränen Tschechoslowakei an das Deutsche Reich zur Folge hatte und schließlich im März 1939 zur deutschen Besatzung Prags führte. Weder die verbündete Sowjetunion noch Frankreich oder England kamen der Tschechoslowakei zu Hilfe. Das Land wurde de facto dem Credo der Appeasement-Politik geopfert. Doch die Hoffnung auf ein Ende des deutschen Expansionsdranges wurde schnell enttäuscht. Der Überfall der Wehrmacht auf Polen am 1. September und der Einfall der Roten Armee am 17. September 1939 setzten den Inhalt des Paktes in die Realität um. Benecke hebt in seinem Aufsatz abschließend hervor, dass der Hitler-Stalin-Pakt bis heute die Politik der Staaten Ostmitteleuropas prägt. Aus diesem Grunde müsse diese „zentrale Zäsur“ (S. 46) weiterhin Thema historischen Lernens sein.

Der polnische Historiker Rafał Wnuk vergleicht in seinem Beitrag „Polen zwischen Scylla und Charybdis. Deutsche und sowjetische Besatzung 1939-1941“ die Besatzungspolitiken der beiden Diktaturen. Während das nationalsozialistische Deutschland ohne Kriegserklärung in Polen einmarschierte, versuchte die Sowjetunion, ihrem Einfall im östlichen Landesteil den Anschein der Legalität zu verleihen. Diese Gebiete und die dort lebende Bevölkerung sollten von der Sowjetunion „in Schutz genommen“ werden, nachdem die politische Führung Polens ins Exil geflohen war. Mit dieser Begründung wurden bald große Territorien in die neugegründeten Sowjetrepubliken Ukraine und Weißrussland eingegliedert. Diese scheindemokratische Politik der Sowjetunion bei der Aufteilung der polnischen Gebiete sollte den Eindruck vermitteln, dass eine proletarische Revolution den Umsturz hervorgebracht habe. Die Annexion eines Teils des polnischen Territoriums in das Deutsche Reich und die Schaffung des sogenannten Generalgouvernements im Oktober 1939 erhielt dagegen keinen demokratischen Anstrich.

Die russische Historikerin Tatjana Timofeeva analysiert in ihrem Artikel „'Ob gut, ob schlecht, das ist Geschichte'. Russlands Umgang mit dem Molotov-Ribbentrop-Pakt“ die Erinnerung in Russland an das Bündnis zwischen Hitler und Stalin. Bis zu Beginn der 1990er Jahre wurde der Nichtangriffsvertrag als eine von außen erzwungene strategische Schutzmaßnahme gegen das aggressive Nazi-Deutschland gewertet. In Folge des Paktes seien die Staatlichkeit der Ukraine und Weißrusslands wiederhergestellt und die baltischen Länder vor einem deutschen Einfall geschützt worden. Lange wurde die schiere Existenz des geheimen Zusatzprotokolls als „verleumderische Erfindung des Westens“ (S: 258) geleugnet. Doch im Zuge der gesellschaftlichen Umbrüche in den achtziger Jahren (Glasnost) wurde auch der Hitler-Stalin-Pakt – in Russland ist die Bezeichnung Molotov-Ribbentrop-Pakt geläufig - erstmals kontrovers diskutiert. Ein Jahr vor der Auflösung der Sowjetunion wurde der Pakt samt Zusatzprotokoll offiziell als rechtswidrig und von Anfang an ungültig bezeichnet. Trotz dieser Stellungnahme dauerte es bis 1992, bis die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls endgültig durch einen Archivfund belegt werden konnte, was dennoch der Diskussion um die Notwendigkeit des Paktes im post-sowjetischen Russland keinen Abbruch tat. Zu stark war das politische Establishment vom Gründungsmythos des Großen Vaterländischen Krieges beeinflusst und nicht bereit, ihn zu hinterfragen. Der damalige russische Präsident Wladimir Putin brachte diese Einstellung zur Geschichte 2005 in den Worten „Ob das nun gut war oder schlecht – das ist Geschichte“ (S. 262) zum Ausdruck. Lanciert durch dieses schlichte Geschichtsbild sei ein Teil des Wissenschaftsbetriebes bestrebt, keine allzu kritischen Fragen zu stellen, während andere Historiker/innen umso mehr Mut aufbringen müssten, sich in der Öffentlichkeit differenzierter zu äußern. Im Zuge des letzten runden Jahrestages 2009 fanden sich erstmals Vertreter/innen der Geschichtswissenschaft aus allen vom Pakt betroffenen Ländern auf einer Konferenz in Moskau zusammen. Dies, so schließt Timofeeva, seien erste Schritte in Richtung einer umfassenden und differenzierten Aufarbeitung des Hitler-Stalin-Paktes in Russland.

Die Ausgabe der Zeitschrift Osteuropa stellt eine hervorragende Sammlung von wissenschaftlichen Aufsätzen zur Geschichte des Hitler-Stalin-Paktes und zur kollektiven Erinnerung an dieses folgenschwere Abkommen dar. Es bleibt zu hoffen, dass die Zeitschrift einen Beitrag dazu leisten kann, den 23. August 1939 stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und gleichzeitig das Verständnis für die vielfältigen Sichtweisen auf das Ereignis zu vertiefen.

 

In unserer Rubrik "Podcasts" finden Sie einen Audiobeitrag des Deutschlandfunks zum Thema "Unternehmen Barbarossa".

 

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