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Aufarbeitung des Nationalsozialismus im Radio

Die Berichterstattung vom Nürnberger Prozess als Vermittler deutscher Geschichte

Florian Bayer ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle „Geschichte des Rundfunks in Norddeutschland“ in Hamburg tätig. Dr. Hans-Ulrich Wagner ist Leiter der Forschungsstelle und Senior Researcher am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.

Florian Bayer und Dr. Hans-Ulrich Wagner

Die Arbeit mit geschichtlichen Quellen in der schulischen und außerschulischen Bildung ist bis heute sehr stark auf schriftliche Dokumente fokussiert. Wichtige historische Ereignisse werden vor allem anhand von veröffentlichten Textsammlungen erarbeitet. Weniger häufig finden audiovisuelle Medien Einsatz, obwohl die Massenmedien gerade für die Zeitgeschichte eine große Rolle spielen. Dabei gilt mehr und mehr die Einsicht, dass die Medien es sind, die uns zu Miterlebenden von historischen Ereignissen und Entwicklungen machen. Gerade anhand der Berichterstattung in den Massenmedien wird deutlich, wie geschichtliche Ereignisse zum Zeitpunkt ihres Geschehens in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Was in Sendungen und Berichten eines bestimmten Zeitabschnitts vorgestellt wird, entspricht dem, was die Gesellschaft über das jeweilige Ereignis wissen kann und worüber sie diskutiert.

In den Nachkriegsjahrzehnten war es vor allem das Radio, das als Leitmedium die gesellschaftlichen Diskurse in Deutschland prägte. Verdeutlicht werden soll dies am Beispiel der Radioberichterstattung über den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Der von 1945 bis 1946 im Nürnberger Justizpalast abgehaltene Prozess war für den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit von großer Relevanz. Er bildete den Auftakt für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen im Nachkriegsdeutschland. Entsprechend der Bedeutung des Prozesses zeigten auch die Medien ein großes Interesse an den Ereignissen in Nürnberg. Neben Zeitungen und Zeitschriften spielte dabei vor allem die Rundfunkberichterstattung eine wichtige Rolle. Radiojournalisten aus aller Welt verfolgten den Prozessverlauf im Nürnberger Gerichtssaal und berichteten ihren Hörerinnen und Hörern teilweise mehrmals täglich vom dortigen Geschehen. Im Gegensatz zu ihren Kollegen bei der Presse konnten die Rundfunkreporter tagesaktuell, mitunter sogar „live“ aus Nürnberg berichten. Neben den internationalen Reportern durften damals bereits auch ausgewählte deutsche Journalisten den Prozessablauf im Gerichtssaal beobachten und darüber berichten. Sie sahen sich dabei in einer ganz besonderen Verantwortung. Zwar hatten ihre Berichte in erster Linie das Ziel, die deutsche Bevölkerung über den Ablauf des Prozesses zu informieren. Darüber hinaus ging es jedoch auch darum, zu einer Demokratisierung der deutschen Nachkriegsgesellschaft beizutragen. Ihre über das damalige Massenmedium Radio vermittelten Beiträge sollten das Interesse der deutschen Bevölkerung an diesem Prozess wecken und sie mit den Verbrechen der Angeklagten bekannt machen.

Peter von Zahn, Leiter der Abteilung Wort beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) in Hamburg, sah die Aufgabe der Radioberichterstattung deshalb darin, „nicht so sehr die bereits überzeugten Gegner des Nationalsozialismus in ihrer Auffassung zu bestärken, als vielmehr diejenigen von der Rechtlichkeit und Sauberkeit des Verfahrens zu überzeugen, die im Nürnberger Prozess immer noch einen Schauprozess und eine Justiz-Komödie sehen wollen.“ Er plädierte für eine distanzierte und objektive Berichterstattung, die jegliche polemische Darstellung eines vermeintlichen „Gerichts der Sieger“ über die „Besiegten“ vermeiden sollte. Peter von Zahn, eine damals sehr prominente Stimme, stellte damit äußerst hohe Anforderungen an die journalistische Radioarbeit. Das Medium sollte nicht nur Ereignisse vermitteln, sondern auch eine besondere erzieherische Aufgabe wahrnehmen. Auf diese Doppelrolle reflektierte man nicht nur in Hamburg, sondern auch an den anderen Senderstandorten in den vier Besatzungszonen in Deutschland: Wie erreichte man ein Publikum, das von unterschiedlichsten Erfahrungen im „Dritten Reich“ geprägt war und das sich in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit existenziellen Problemen eines harten Lebensalltages auseinandersetzen musste? Wie schwierig war es daher für die Radiojournalisten, ihren Hörerinnern und Hörern zu vermitteln, dass es sich bei dem Gerichtsverfahren in Nürnberg um ein rechtsstaatliches Verfahren handelte, um eine juristische Aufarbeitung, deren Urteilssprüche nicht von vornherein politisch gefällt waren? Dementsprechend gelang es den Rundfunkjournalisten mit ihren Berichten Schritt für Schritt, die jahrelang von den Nationalsozialisten eingeprägten Vorurteile aus den Köpfen der Deutschen zu vertreiben und neue Werte aufzubauen. Vor diesem Hintergrund stellen die Berichte aus Nürnberg nicht nur Quellen für eine unmittelbar informierende Berichterstattung dar, sondern bieten das Material für die Entwicklung hin zu einer in den 1950er und 1960er Jahren sich herausbildenden kritischen Medienöffentlichkeit.

Die deutsche Radioberichterstattung über den Nürnberger Prozess bietet eine einzigartige Quelle für die ersten zaghaften Versuche einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. In einer Zeit, in der die deutsche Gesellschaft vor allem versuchte, die eigene Schuld an den nationalsozialistischen Verbrechen zu verdrängen, zeigte sich der Rundfunk als aufklärerisches Medium, das auch den Konflikt mit unangenehmen Thematiken nicht scheute. Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit wurde von mehreren deutschen Rundfunkjournalisten auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder thematisiert. Besonders zu erwähnen sind dabei die vielfältigen Rundfunksendungen zum Frankfurter Auschwitz-Prozess in den Jahren 1963-1965. Es war daher nicht zuletzt auch die fortgesetzte Aufklärungsarbeit des Rundfunks, die ab Ende der 1960er Jahre zu einer tatsächlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der deutschen Bevölkerung führte.

Anhand solcher Rundfunksendungen kann deutsche Zeitgeschichte „hörbar“ gemacht werden. Durch den Einsatz von Originaltönen im Zusammenspiel mit den Stimmen der Radioreporter wird ein Gefühl des unmittelbaren Erlebens erzeugt, das einen ganz anderen „Blick“ auf die Wahrnehmung geschichtlicher Ereignisse in der Gesellschaft eröffnet. Die Auswahl an geeigneten Audioquellen ist dabei äußerst groß, denn beispielsweise von den damals ausgestrahlten NWDR-Berichten sind heute allein im Archiv des Norddeutschen Rundfunks noch 59 Sendungen erhalten. Jede dieser Aufnahmen umfasst eine etwa 15minütige Reportage aus dem Nürnberger Prozesssaal. Diese und viele weitere Radiosendungen bieten daher eine ebenso umfangreiche wie interessante Basis für die mediale Vermittlung der deutschen Nachkriegsgeschichte, die nicht ungenutzt bleiben sollte. 

 

 

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