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»Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht«

Ulrich Baumann ist stellvertretender Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Historiker, Arbeitsschwerpunkte: Geschichte des Holocaust, Geschlechtergeschichte (Forschungsprojekt zurGeschichte von Unternehmerinnen und Geschäftsfrauen in Berlin 1900 bis 1961)

Ulrich Baumann

Am 6. April 2011 eröffneten die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die Stiftung Topographie des Terrors und die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz die Ausstellung »Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht«. Ihr Anlass ist der 50. Jahrestag des Verfahrens gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (1906–1962), das weltweit die Erinnerung an den Holocaust veränderte.

Um die Bedeutung des Prozesses zu erfassen, ist es notwendig, zunächst die 1950er Jahre in den Blick zu nehmen, sowohl hinsichtlich der Überlebenden des Massenmordes wie auch des Umgangs mit den Tätern. In Israel spielte nach der Staatsgründung 1948 die Erinnerung an das Verbrechen zwar eine zentrale Rolle bei der Identitätsbildung der jungen Nation, doch die Auseinandersetzung mit den Überlebenden gestaltete sich schwierig. Die vermeintlich passive Opferrolle der europäischen Juden passte nicht zum zionistischen Idealbild vom starken und wehrhaften »neuen Juden«. In den beiden Ländern, die neben der Sowjetunion die höchsten Zahlen jüdischer Opfer zu beklagen hatten, Polen und Ungarn, befürchteten die seit 1956 geschwächten Regime, dass eine öffentliche Auseinandersetzung über den Holocaust deutlich machen würde, wie wenig das im Kommunismus tabuisierte Verhältnis von Juden und Nichtjuden aufgearbeitet worden war. In der Bundesrepublik schließlich fanden die Stimmen der Opfer ohnehin kaum Gehör; die Mehrheit der Westdeutschen vermied den Blick zurück und ermöglichte ehemaligen Nationalsozialisten den Wiederaufstieg. Erste Veränderungen sind hier Ende der 1950er Jahre zu verzeichnen, beispielsweise in den öffentlichen Reaktionen auf den Graffitianschlag gegen die Kölner Synagoge im Dezember 1959. Zu einem nicht unerheblichen Anteil dürfte die steigende Unzufriedenheit über den Einfluss ehemaliger Nationalsozialisten in der Bundesrepublik auch auf die publizistischen Kampagnen der DDR zurückzuführen sein. Das dort aufgelegte und im Westen verbreitete »Braunbuch« zeigte die Kontinuitäten auf. Dass der staatlich verordnete Antifaschismus in der DDR wiederum zur Folge hatte, dass zwischen Rostock und Görlitz eine kritische Auseinandersetzung des Einzelnen mit der jüngsten deutschen Geschichte ausblieb, steht auf einem anderen Blatt.

Dann begann im April 1961 das Verfahren gegen Adolf Eichmann. Nach den Vorstellungen des israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion und des Generalstaatsanwalts Gideon Hausner sollte es auch dazu dienen, der Welt eine Geschichtslehrstunde zu erteilen. Dazu sollten vor allem die Aussagen von Überlebenden des Holocaust beitragen. Hausner wählte die Zeugen mit Unterstützung der Gedenkstätte Yad Vashem aus; dabei war maßgeblich, dass von ihnen bereits Erfahrungsberichte vorlagen. Bei den vorbereitenden Gesprächen stellte der Staatsanwalt allerdings fest, dass manche von ihnen nicht erneut über das Erlebte sprechen wollten – viele ehemals Verfolgte hatten angesichts des verbreiteten Desinteresses an ihrem erlittenen Leid zu schweigen begonnen. Der Prozess schuf völlig neue Voraussetzungen für das Bezeugen, denn nun hörte ein weltweites Publikum zu. Erstmals entstand ein umfassendes Bild des Holocaust aus Sicht der Opfer.

Die Berliner Ausstellung räumt den Aussagen der Überlebenden breiten Raum ein. Ihre Einbeziehung war eine ganz wesentliche Motivation für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, deren Aufgabe die Erinnerung an die Opfer ist, an dem Ausstellungsprojekt teilzunehmen. Die Präsentation fußt dabei auf Ausschnitten des Filmmaterials aus dem Gerichtssaal. Vier Medienstationen präsentieren einige der Zeugenaussagen. Zum einen wurden Stellen ausgewählt, in denen vormals Verfolgte von ihren direkten Begegnungen mit Eichmann berichten. Eine zweite Station gruppiert Aussagen zu den Handlungsspielräumen der europäischen Juden; hier sind die Beispiele von der Thematik der Judenräte, über den Aspekt der Verhandlungen zur Rettung von Menschen bis hin zur Frage der Bewertung des Widerstandes gespannt. Auf einem weiteren Bildschirm geht es um den Massenmord selbst, um Schilderungen jener, die der Auslöschung nur knapp entkommen sind. Wie schwer den Zeugen das Sprechen, dem Publikum das Zuhören fiel, ist schließlich in einer vierten Station mit dem Titel »Grenzen des Bezeugens« exemplarisch zu beobachten.

Fanden die Zeugenaussagen während des Prozesses bei den Medien großes Interesse, so gilt dies in gleicher Weise für den Täter. Insbesondere durch Hannah Arendts Beobachtungen, die 1963 unter dem Titel »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen« erschienen, stand Eichmann sinnbildlich für den »Schreibtischtäter«, den Bürokraten eines totalitären Staates, der ohne ideologischen Eifer gehandelt habe. Basierend auf den jüngsten Forschungen betont die Ausstellung demgegenüber in einer ausführlichen Biographie zunächst das Engagement und die Handlungsspielräume Eichmanns im NS-System. Wie stark er sich selbst nach Kriegsende mit den verbrecherischen Zielen verbunden sah, wird auch in den Gesprächen deutlich, die der niederländischen Nationalsozialist Willem Sassen ab 1957 mit ihm in Argentinien führte. Ausschnitte dieser Interviews eröffnen den zweiten Medientisch der Ausstellung, der jenem der Zeugenaussagen gegenübersteht. In weiteren Film-Ton-Stationen widmet sich die Präsentation den Strategien des Angeklagten im Prozess. So geht es zum einen um Eichmanns Antisemitismus, zum anderen um seinen Versuch, sein Engagement bei der Zwangsauswanderung der mitteleuropäischen Juden als eine Rettungstätigkeit für die Verfolgten darzustellen. Eine dritte Station behandelt die Behauptung des Angeklagten, er habe keine Möglichkeit einer Befehlsverweigerung gehabt; Eichmann wollte dem Gericht glauben machen, er sei selbst Opfer eines Systems geworden, dass ihn zu einem Verbrechen gezwungen hätte. Seine Verantwortung als »Spediteur des Todes« (Gideon Hausner) kommt in der letzten Station zum Tragen. Eichmanns Verdrehungen und Lügen konnten widerlegt werden. Insbesondere die drei Richter, Moshe Landau, Benjamin Halevi und Yitzhak Raveh, verwickelten ihn in Widersprüche. So konfrontierten sie Eichmann unter anderem mit seinen eigenen männlich-soldatischen Werten – Mut und Härte – und stellten damit seine Selbstdarstellung des innerlich verzweifelten, hilflosen ›kleinen Referenten‹ in Frage.

Die in Berlin gezeigte Ausstellung ermöglicht ein genaues Hinsehen. Bewusst konzentriert sie sich auf den Verlauf des Prozesses, aus dem die Dimensionen der Tat und die Verteidigungsversuche eines Täters deutlich abzulesen sind. In diesem Sinne kann das Verfahren noch heute eine »Geschichtslektion« erteilen, freilich in einem anderen geschichtspolitischen Umfeld als 1961.

»Der Prozess – Adolf Eichmann vor Gericht«
Ort
Dokumentationszentrum Topographie des Terrors
Niederkirchnerstraße 8
10963 Berlin

Kuratoren: Dr. Ulrich Baumann, Lisa Hauff

 

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