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Plädoyer für das Erlernen eines kritischen Blickes auf die Subjektivität von medialen Inhalten

Lea Wohl promoviert zur Darstellung jüdischer Figuren im deutschen Spielfilm nach 1945 am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg und ist aktuell als Visiting Research Assistant am Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society in Haifa, Israel tätig.  

Von Lea Wohl

Filme eignen sich als Lehr- und Lerninstrumente im Unterricht für die Auseinandersetzung mit der subjektiven Perspektive von Medien sehr gut. Sie bieten die anschauliche Möglichkeit, einen kritischen Blick auf Texte und Quellen zu erlernen, der die Autorschaft dahinter wahrnimmt und in die Bewertung mit einbezieht. Diese Fähigkeit kommt nicht nur dem außerschulischen Leben und Lernen der Schülerinnen und Schüler zugute, das von Medien geprägt ist. Sie ist auch für Arbeit mit Schulbüchern wichtig, da auch hier ein kritischer Blick auf Texte und Quellen notwendig ist. Schulbuch und Film stehen im Geschichtsunterricht nicht in Konkurrenz zueinander, sondern können vielmehr ein produktives Verhältnis eingehen. Dafür muss allerdings für einen reflektierten Einsatz des Mediums Film im Geschichtsunterricht plädiert werden und es müssen die jeweiligen Vorzüge von Film und Geschichtsbuch als Unterrichtsmedium abgewogen werden.

Im Geschichtsunterricht nimmt das Schulbuch die Rolle des Leitmediums ein – auch wenn diese zunehmend durch neue Medien relativiert wird – und es hat deshalb einen großen Einfluss auf das schulische historische Lernen. Das Geschichtsbuch zeichnet sich durch einen hohen Informationsgehalt aus und gibt die Möglichkeit, an Bild- und Textquellen zu arbeiten. Es bietet den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit, Ereignisse und Daten nachzuschlagen. Unterschiedliche Aufgabentypen sorgen für methodische Abwechslung und ermöglichen sowohl die gemeinsame Arbeit im Unterricht als auch die selbstständige Erarbeitung von Hausaufgaben. Das Geschichtsbuch bietet auch die Chance, einen kritischen Umgang mit Geschichts- und Menschenbildern zu erlernen, denen die Schülerinnen und Schüler in den diversen Medien in Freizeit und Schule begegnen.

Leicht lässt sich feststellen, dass es viele unterschiedlich aufgebaute und ambitionierte Geschichtsbücher gibt. In der Realität wird aber in vielen Klassen nicht mit aktuellen, sondern veralteten Geschichtsbüchern gearbeitet. Das macht die Notwendigkeit deutlich, die Verfasstheit der Bücher – also ihre jeweilige Perspektive – mit den Schülerinnen und Schülern zu reflektieren. Sie müssen die Fähigkeit erlernen, kritisch mit medial vermitteltem (historischem) Wissen umzugehen, dieses zu hinterfragen und entsprechend einzuordnen. Dies scheint besonders dringlich, da Schülerinnen und Schülern in der Schule Bücher häufig als Autoritäten sehen und sie dazu neigen zu glauben, was in Büchern steht. Um die Perspektivität von Texten – gemeint sind sowohl schriftliche als auch bildliche oder filmische Inhalte – zu reflektieren, zu analysieren und einen kritischen Blick darauf zu erlernen, eignen sich Filme als Unterrichtsmedium.

Spielfilme werden häufig als Anlass genutzt, um den Schülerinnen und Schülern den Einstieg in ein neues Unterrichtsthema zu erleichtern und sie auch emotional anzusprechen. Anhand dieser Emotionalität, die Spielfilme kennzeichnet, kann die Notwendigkeit von distanziertem Betrachten und der mögliche Mangel an Objektivität und Wahrheitsgehalt vergleichsweise leicht verdeutlicht werden. Demgegenüber werden Dokumentarfilme häufig eher zur Wissensvermittlung eingesetzt. Die Kategorisierung in Spielfilm und Dokumentarfilm wird relativ häufig im Unterricht genannt, wenn auch nicht erklärt oder problematisiert. Dabei ist eine klare Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, die eine bipolare Vorstellung von „wahr“ und „fiktiv“ erzeugen kann, durchaus problematisch. Ohne die Unterschiede zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen zu verneinen, sollte eine unüberlegte Gegenüberstellung vermieden werden.

Wichtig für das Lernen hingegen ist die Unterscheidung zwischen Dokumentarfilm und Archivmaterial. Dokumentarfilme zeigen ebenso wie Filme mit fiktionaler Spielhandlung die Perspektive und Sichtweise ihres Regisseurs. Häufig wird das weit weniger deutlich, da sie mit einem anderen Wahrheitsanspruch daherkommen und vermeintlich authentisch zu sein scheinen. Darüber hinaus verwenden sie oft Archivmaterialien und nicht immer kennzeichnen sie die jeweiligen Quellen. Diese Verwendung von historischem Archivmaterial geschieht aber im jeweiligen Bedeutungsgesamtzusammenhang, der nicht als „objektiv“ oder „wahr“ missverstanden werden darf.

Anhand von Filmen lassen sich die ästhetischen, stilistischen und narrativen Strategien mit den Schülerinnen und Schülern erarbeiten, welche die Filme authentisch und „wahr“ erscheinen lassen. Das gilt für Dokumentar- als auch für Spielfilme gleichermaßen, allerdings unterscheiden sich mitunter die jeweiligen Authentifizierungsstrategien. Hat man Funktion und Wirkungsweise dieser Strategien einmal begriffen, wird es zunehmend leichter, eine distanzierte und kritische Betrachterposition einzunehmen und mögliche Intentionen und Einstellungen hinter der Darstellung zu erkennen. Besonders Spielfilme, wie beispielsweise „Schindlers Liste“, eignen sich wenig zur Wissensvermittlung, sondern vielmehr zur Analyse und Aufschlüsselung filmischer Mittel und der jeweiligen Perspektive auf das Thema. Ältere Spielfilme können einen Zugang zu zeitgenössischer Erinnerungspolitik eröffnen, indem sie als Quelle für das spezifische Geschichtsverständnis gelesen werden.

Für einen solchen Umgang mit Filmen als Lehr- und Lerninstrument benötigt man aber dreierlei: Erstens braucht eine solche Arbeit mit dem Medium Film mehr Zeit, da der Film nicht nur als Lieferant eines Inhaltes, einer ‚Story‘ verwendet werden kann, um dann zum Unterrichtsthema zurückzukehren. Zweitens sind andere Unterrichtsmaterialien nötig, da der Film auf VHS oder DVD nicht ausreicht, sondern möglicherweise einzelne Szenen wiederholt gesichtet und Beobachtungen notiert werden müssen. Drittens braucht ein solcher Umgang Willen und Mut zur Interdisziplinarität, da dadurch die engen Fächergrenzen des Schulsystems gesprengt werden.

Filme eignen sich wenig zur Wissensvermittlung. Diese Aufgabe wird von Schulbüchern weit sinnvoller erfüllt. Was Filme leisten können ist die Entwicklung eines differenzierten und kritischen Blicks der Schülerinnen und Schüler. Sie können lernen  Fragen zu stellen : Warum erscheinen Filme als authentisch und wie sprechen sie meine Gefühle an? Welche Geschichten erzählen Filme und welche Geschichten werden (möglicherweise) nicht erzählt? Welche Perspektive nimmt ein Film ein und welche anderen Perspektiven auf die Geschichte und die Ereignisse wären darüber hinaus möglich? Welche aktuellen Interessen und Intentionen (zum Zeitpunkt der Produktion des Films) könnten die Darstellung beeinflusst haben? Welche Aspekte der Darstellung sind möglicherweise den Besonderheiten des filmischen Erzählens geschuldet, wie z.B. ein Happy End oder ein besonderer Spannungsbogen? Und an welchen Stellen nimmt der Film mit seiner Darstellung eine Interpretation oder Wertung vor?

In diesem kritischen Blick sehe ich eine Schlüsselkompetenz, die über die eigentliche Schulzeit hinaus wichtig ist. Zum einen können die Schülerinnen und Schüler diese Kompetenz für das historische Lernen in der Schule nutzen, was häufig die Arbeit mit dem Geschichtsbuch bedeutet. Möglicherweise lernen sie dadurch, auch mit etwas veraltetem Lehrmaterial kompetent umzugehen. Zum anderen ist diese Kompetenz aber auch wichtig für das lebenslange außerschulische historische Lernen, welches von einem kritischen und eigenständigen Blick profitiert.

 

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