Zur Diskussion

Die drei G's - oder über die Hartnäckigkeit antisemitischer Bilder in Schulbüchern

Dr. Martin Liepach / Dr. Wolfgang Geiger, Mitarbeiter am Pädagogischen Zentrum Fritz Bauer Institut & Jüdisches Museum Frankfurt, arbeiten z.Zt. an einem Forschungsprojekt "Judenbilder in deutschen Schulbüchern" in Kooperation mit dem Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung.

Von Martin Liepach / Wolfgang Geiger

Im Dezember 2000 geriet in Hamburg der Einsatz von Schulbüchern im Geschichtsunterricht zu einem überregionalen Skandal. Die Frankfurter Rundschau titelte damals: „Die Juden sind reich und tragen spitze Hüte. In gängigen Schulbüchern werden bis heute antisemitische Vorurteile und schlichte Sichtweisen gehegt und gepflegt“ (Frankfurter Rundschau, 15.12.2000).

Bei dem belasteten Werk handelte es sich um das vom Diesterweg Verlag herausgegebene Lehrbuch „Geschichtliche Weltkunde“. Das Buch stammt aus dem Jahr 1975. Allein schon die Tatsache, dass für den Geschichtsunterricht ein 25 Jahre altes Unterrichtswerk herangezogen wurde, war für sich genommen bereits ein Skandal.

Das erwähnte Schulbuch enthält vor allem in der Darstellung der Juden im Mittelalter langjährig gehegte antijudaistische Topoi: „Die Juden blieben ungeachtet ihres Reichtums gewöhnlich aus der städtischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Der spitze Judenhut und gelbe Kleidung sonderten die Juden auch äußerlich vom christlichen Bürgertum ab“ (Band 2, S. 67). In prägnanter Form beinhaltet die Beschreibung im Schulbuch die drei klassischen G's (Geld, Ghetto, gelber Fleck) der antisemitischen Beschreibung: Juden hatten viel Geld, Juden mussten im Ghetto wohnen und sie mussten besondere Kleidung tragen.

Doch wie sieht es heute aus? Hier ein Blick in einige in den Schulen gebräuchlichen Werke. So heißt es in Geschichte und Geschehen 2 (2005)nach wie vor dem klassischen Klischee folgend und in mehrfacher Hinsicht falsch: „1215. Die christliche Kirche schließt Juden in ganz Europa aus dem Handwerk und vom Landbesitz aus. Sie müssen zudem an ihrer Kleidung erkennbar sein.“ (S.168, Übersicht). Abgesehen von der falschen Gleichsetzung von kirchlicher Vorschrift und gesellschaftlicher Realität werden hier Aussagen zum Handwerk und zum Landbesitz frei erfunden. Die Aussage bezieht sich auf das IV. Laterankonzil 1215. Doch die Quelle gibt diese Aussage nicht her (Lateran IV von 1215, vgl. Text auf www.juedischegeschichte.de). Die Einrichtung von Ghettos wird in dem Schulbuch abenteuerlich vorverlagert: „Schon seit etwa 1000 n. Chr. gab es das Verbot eines direkten Zusammenlebens von Juden und Christen: In den Städten entstanden Judenviertel oder Judengassen.“

In Zeitlupe, einem Hauptschulbuch, heißt es: „Juden und Christen kleideten sich auch gleich. Deshalb mussten die Juden seit dem 13. Jahrhundert einen gelben Fleck als Erkennungszeichen tragen. Die Kirche und der Kaiser wollten die Juden ausgrenzen. Ihre Wohnviertel, die sie nach der Zerstörung wieder aufgebaut hatten, wurden zu Gettos.“ (Zeitlupe, Bd. 1, S. 103, 2003). Die radikalste Form des Ghettoklischees auch in ihrer zeitlichen Einordnung findet sich in Zeiten und Menschen 2 (S.116, 2005): „In den Städten des Deutschen Reiches entstanden seit dem 11. Jahrhundert ummauerte Stadtviertel, die ausschließlich für Juden bestimmt waren.“ Ghettos sind aber nun mal kein Phänomen des Mittelalters, sondern der Frühen Neuzeit. Soweit zu Ghetto und Gelber Fleck.

Dann zum Geld: Ein alle Schulbücher durchziehendes Grundproblem ist die falsche Vorstellung vom christlichen Zinsverbot. Es wurde in der Realität nie respektiert, bildete aber die Grundlage des Gerüchts vom Quasi-Monopol jüdischer Geldverleiher und ihren hohen Zinsen (Wucher) als Grund für Hass und Verfolgungen. Das Vorurteil wird durch das Erklärungsinteresse des Anti-Antisemitismus gestützt, der in den »materiellen Beweggründen« ein einfaches und scheinbar zeitloses Motiv findet. Die Perpetuierung dieses Vorurteils kann somit als universelles Phänomen bezeichnet werden: Das Vorurteil, dass seiner negativen Wertung entledigt ist, bleibt gleichwohl ein Vor-Urteil im ursprünglichen Sinn des Wortes. Die Problematik der anti-antisemitischen Intention ist dabei, dass in den entsprechenden Darstellungen in Schulbüchern und anderswo diese Vorurteile zwar verurteilt, aber in der Sache kaum durch Urteile im Sinne einer adäquaten historischen Beurteilung ersetzt werden. Über das Thema Zins, Wucher, Christen und Juden gibt es seit fast 150 Jahren eine umfangreiche fachwissenschaftliche Literatur, die aber offenbar bislang keine Chancen hatte in die allgemeine Geschichtsschreibung und von da aus in Schulbücher und letztlich ins allgemeine Geschichtsbewusstsein vorzudringen (vgl. dazu Stichwort des Monats „Geld“ bei www.pz-ffm.de).

Fazit: Der Anspruch des Geschichtsunterrichts Geschichtserzählungen kritisch zu überprüfen und Mythen zu dekonstruieren, lösen die Schulgeschichtsbücher noch immer nicht ein. Hartnäckig halten sich vielmehr die dominanten Erzählformen des Ausgrenzungs- und Verfolgungsnarrativs über Juden,in dem auch alte Stereotypen fort existieren.

 

Kommentar hinzufügen