Lernort

Der Erinnerungsort Topf & Söhne

Historisch-politisches Lernen an einem Täterort

Rebekka Schubert, M.A., ist pädagogische Mitarbeiterin am Gedenkort "Topf & Söhne" in Erfurt.
Von Rebekka Schubert

Nach einer 15 Jahre andauernden gesellschaftlichen Diskussion wird am 27. Januar 2011 der Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz im thüringischen Erfurt eröffnet. Der Fokus des Ortes liegt auf der Umsetzung der nationalsozialistischen Verbrechen durch Industrie und Privatwirtschaft. Er bietet damit neue Zugänge für das historisch-politische Lernen zum Nationalsozialismus und für die Auseinandersetzung mit Gegenwartsfragen nach Arbeit, Wirtschaft, Technik und Verantwortung.

Die historische Dimension

Als die SS nach Beginn des Zweiten Weltkriegs den Terror in den Lagern steigerte und Auschwitz-Birkenau 1942 zum Zentrum des Völkermordes an den europäischen Juden und an den Sinti und Roma ausbaute, war sie auf zivile Experten bei der Ermordung und Leichenbeseitigung angewiesen. Die Erfurter Firma J. A. Topf & Söhne belieferte sechs Konzentrationslager mit Leichenverbrennungsöfen und stattete die Gaskammern in Auschwitz-Birkenau mit Lüftungstechnik aus. Dabei handelten die Beteiligten nicht auf Befehl oder unter Zwang. Sie wussten genau, wozu die SS die von ihnen entwickelte Technik einsetzte. Auffällig ist, dass ihre Arbeit für die SS von der gleichen Alltäglichkeit bestimmt war wie andere Geschäftsaufträge auch. Das Töten von Menschen und die kostengünstige und brennstoffsparende Vernichtung ihrer Leichen sah man unter den Ingenieuren als technologische Herausforderung. Die Verantwortlichen waren weder fanatische Nationalsozialisten noch war der finanzielle Gewinn für das Unternehmen besonders hoch. Offenbar reichte es aus, dass der Massenmord staatlich gewollt war und einzelne Beteiligte persönliche Vorteile hatten.

Der Erinnerungsort Topf & Söhne

Das Kernstück des Erinnerungsortes ist die von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora 2005 erarbeitete Wanderausstellung „Techniker der 'Endlösung'. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“, die für die
dauerhafte Installation stark erweitert und um eine Außenausstellung ergänzt wurde. Die Ausstellung zeigt lange Zeit unzugängliche Firmendokumente und Zeichnungen, die mit der Eröffnung an den Ort ihres Entstehens – in das ehemalige Verwaltungsgebäude – zurückkehren. An historischen Orten der KZ-Ofenproduktion auf dem Betriebsgelände, das inzwischen mit einem Fachmarktzentrum neu bebaut wurde, machen Informationsstelen mit historischen Fotos die Geschichte nachvollziehbar. Zusätzlich visualisiert ein Außenmodell des Firmengeländes 1944/45 die industriellen und innerbetrieblichen Abläufe.

Pädagogische Angebote

Der außerschulische Lernort steht für Jugendliche ab dem neunten Schuljahr offen. Er hat für Auszubildende und Studierende technischer wie kaufmännischer Berufe eine besondere Relevanz durch seine berufsspezifischen Angebote. Gegen rechtsextreme und revisionistische Ansätze der Holocaust-Leugnung bietet der Ort eine wichtige Argumentationsbasis.

Fragen nach den Motiven der Einzelnen sowie nach den betrieblichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Mittäterschaft werden mittels des akteurszentrierten Zugangs betrachtet. Die historische Dimension regt zudem zur Reflexion an, wie durch das Handeln des Einzelnen als auch durch gesellschaftliche Strukturen die Humanität unserer heutigen Gesellschaft erreicht, verteidigt und gestärkt werden kann. In der pädagogischen Arbeit ist der dialogische Austausch die Grundlage, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer eigenen kritisch reflektierten Haltung zu befähigen. Für eine fundierte Auseinandersetzung stehen historische Quellen zur Betriebsgeschichte, Zeitzeugenberichte, Fotos und Schrifttum aus der Zeit des Nationalsozialismus zur Verfügung. Sie werden in ihrer Originalgröße und -farbigkeit gezeigt und sind didaktisch unter folgenden Themenstellungen aufbereitet: „Arbeit und Verantwortung“, „Technik und Vernichtung“, „Die 'Todesfabriken' in Auschwitz“, „Opfer und Gegner des Regimes bei Topf“, „Ehemals Nachbarn – dann Täter und Opfer“, „Nach 1945: Der Umgang mit der Schuld“.

Ein Seminarraum sowie eine Mediathek mit Fachliteratur und fünf Computerarbeitsplätzen stehen für die verschiedenen Projektangebote zur Verfügung. Je nach Interessenlage und Kenntnisstand können Gruppen aus vier in ihrer Intensität unterschiedlichen Angebotsformaten auswählen: dem geführten Ausstellungsrundgang, dem erweiterten Ausstellungsbesuch mit Quellenarbeit, den Tages- und Mehrtagesprojekten (in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern, wie z.B. der Gedenkstätte Buchenwald).

Kontakt:

Erinnerungsort Topf & Söhne – die Ofenbauer von Auschwitz
Sorbenweg 7
99099 Erfurt
Mail: topfundsoehne [at] erfurt [dot] de
Tel.: 0361 6555-1681
Internet: http://www.topfundsoehne.de
 

 

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