Zur Diskussion

»Du bist anders?" – Verfolgung von Jugendlichen im Nationalsozialismus

Constanze Jaiser, geboren 1964 studierte Literaturwissenschaft, evangelische Theologie und Psychologie in Berlin. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Von Constanze Jaiser

Wie kann der Raum des Internets als »Erinnerungsort« kreativ gestaltet werden? Welche zeitgemäßen Formen des Gedenkens erreichen (auch bildungsbenachteiligte) Jugendliche?
Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas entwickelt derzeit eine Online-Ausstellung, in der Jugendliche und Kinder porträtiert werden, die aus den unterschiedlichsten Gründen verfolgt wurden.
Die angebotene Darstellung von Biographien soll dazu anregen, über Gleichheit und Differenz nachzudenken. Will man überhaupt für die Geschichte interessieren, so gilt es herauszuarbeiten, inwiefern damalige Jugendliche mit Jugendlichen von heute Gemeinsamkeiten aufweisen. Am aussichtsreichsten erscheint es, an der emotionalen Ebene anzusetzen: Jugendliche damals wie heute haben Träume und Sehnsüchte, sie suchen nach Selbstbestimmtheit, wollen gehört und ernst genommen werden. Ihr jugendlicher Eigensinn, sich an gesellschaftlichen Strukturen zu reiben und sich Freiräume erobern zu wollen, kann als verbindendes Element dienen.

Assoziatives Lernen
Für die Online-Ausstellung, die ungefähr 25 Biographien Jugendlicher und Kinder beinhalten wird, trafen wir eine Reihe von Entscheidungen, mit Hilfe derer das Lernen am biographischen Beispiel, die Frage nach Gleichheit und Differenz bearbeitet werden können.
Die gewählten Personen sind ungefähr gleichaltrig wie die jugendliche Zielgruppe, also zwischen 15 und 21 Jahre. Sie zeichnen sich durch eine Vielfalt an Eigenheiten und Interessen aus: Sie schrieben Tagebuch oder Gedichte, machten Musik oder spielten Fußball. Ein Mädchen wie Vitka Kempner, die im Ghetto Wilna zu einer bewaffneten Widerstandsorganisation gehörte, wird nicht über die Opferkategorie »jüdisch« eingeführt, sondern in ihrem Selbstverständnis als aktiv Handelnde. Das, was Jugendlichen heute ihre Clique ist, war ihr die jüdische Partisanengruppe FPO (Fareinigte Partisaner Organisatzije), aber auch andere Menschen, mit denen sie auf unterschiedliche Weise verbunden war.
Jugendliche heute sind geschult darin, Wissen nicht linear aufzunehmen, sie brauchen keine klassische Erzählung einer Biographie, sie wollen eher selbstbestimmt, entdeckend lernen. Wichtiger ist es, über die beschriebene emotionale Ebene, assoziativ, Interesse für die Geschichte eines Jugendlichen zu wecken. Dies geschieht über ein Bild und einen Einstiegssatz, wie zum Beispiel: Vitka Kempner, die in Wilna einen Transportzug in die Luft sprengte, ist auf einem historischen Gruppenfoto der FPO mit Waffe in der Hand zu sehen; beim Anklicken des Bildes erscheint der Satz: »Vitka hatte sich schon früh entschieden, Teil des Widerstands zu werden und mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis zu kämpfen …«. Weitere Einstiegssätze – jeweils bebildert durch Fotos, Zeichnungen, Graffiti und ähnliches aus der heutigen Welt der Jugendlichen – könnten sein: »Vitka sagte zu ihren Eltern: ›Ich bleibe nicht, ich werde mit meinen Freunden fliehen!‹; »Vitka färbte sich die Haare, um möglichst deutsch auszusehen.«; »Vitka und ihre Freunde wollten den Mord an ihren Bekannten, Freunden oder gar Familienangehörigen aus dem Ghetto nicht kampflos hinnehmen.« Die Biographie kann von den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung also aus Fragmenten zusammengesetzt werden, die im Weiteren, über Dokumente, Fotos und Tonquellen vertieft werden können.

Selbstbehauptung und Widerstand
Auch auf historischer Ebene können nach und nach die Gemeinsamkeiten der aus unterschiedlichsten Gründen von den Nationalsozialisten ausgegrenzten, verfolgten und zum Teil ermordeten Jugendlichen sichtbar gemacht werden. Nicht die Jugendlichen damals sind anders in ihrer Vielfalt, anders sind vielmehr die Bedingungen, unter denen sie sich Freiräume zu erobern suchten, um ihre Würde kämpften, sich gegen staatlichen Terror und gegen lebensbedrohliche Gewalt zu behaupten versuchten.
Als zentrale Gemeinsamkeit, die die didaktische Aufbereitung der Biographien bestimmt, haben wir »Selbstbehauptung und Widerstand« gewählt. An den Ausnahmen lassen sich das Festhalten an Toleranz und Demokratie und der Kampf um Menschenwürde studieren.
Dadurch, dass wir nach dem Verbindenden in der europaweiten Verfolgung von Jungen und Mädchen fragen, wird in der Beschreibung der Einzelfälle plötzlich auch das Unterschiedliche deutlich. Im Falle eines Opfers der »Euthanasie«-Morde sind die persönlichen Handlungsspielräume und politischen Gegebenheiten sehr verschieden. Es ist schwer, ein aktives Eintreten für sich und andere zu dokumentieren, aber nicht unmöglich. Die Chance der biographischen Online-Ausstellung besteht darin, »Selbstbehauptung und Widerstand« sehr breit aufzufächern – auch als Aktivität, die einem Jugendlichen durch einen anderen Menschen zugutekam –, und damit einer Heroisierung Einzelner entgegen zu wirken.

Aktives Gedenken
Bei aller Stärkung für Verbindendes, muss es wiederum darum gehen, Einblick in die Differenz zu jugendlichen Lebenswelten heute zu geben. Im Falle von Vitka Kempner ist neben den unvorstellbaren Lebensbedingungen im Ghetto zu reden von den Massenerschießungen, die den Hintergrund bildeten sich zu wehren, obwohl die Aussicht auf Erfolg, selbst nur bezogen auf die Rettung des eigenen Lebens, gegen Null ging. Dennoch, bereits die Jugendlichen damals wollten Spuren und eine Mahnung für zukünftige Generationen hinterlassen, und kämpften darum, dass all die Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten.
Die Online-Ausstellung soll eine Auseinandersetzung unter den Jugendlichen anregen, zum einen zu der Frage »Warum kann ich heute anders sein?«, zum anderen zu individuellen und gemeinschaftlichen Formen des Gedenkens heute – eines Gedenkens, das, will es nicht inhaltsleer sein, immer ein Befassen mit konkreter, auch biographischer Geschichte bedeutet. Geplant sind verschiedene Möglichkeiten, selbst Erinnerungsspuren hinterlassen und sich mit eigenen Gedanken und Recherchen präsentieren zu können. So sollen eigene Bilder, die zur Biographie passend erscheinen, hochgeladen und Gegenwartsbezüge in einem Forum diskutiert werden können. Eingeladen wird dazu, weitere Biographien aus der eigenen (Herkunfts-)Region selbst zu recherchieren, um sie in das Online-Portal zu integrieren. Möglicherweise verspricht gerade die Bezugnahme auf Regionen, die in der eigenen Biographie Relevanz haben, im Weiteren einen Zugang zur eigenen Familiengeschichte, einem Fragen danach, wie die eigene Familie den Nationalsozialismus erlebte und den Holocaust erinnert.
Wenn es gelingt, eine ästhetische Gestaltung zu entwerfen, die Jugendliche anspricht, ist der Einstieg über das vertraute Medium auch in eine ferne, fremde Geschichte gesichert. Die jugendlichen Internetnutzerinnen und –nutzer sollen autonom navigieren und zwischen Geschichte und Gegenwart hin- und her gleiten dürfen.
Über die Beschäftigung mit der historischen Wirklichkeit einzelner junger Menschen kann ein Impuls des eigenen Erinnerns und Gedenkens ausgelöst werden. Ein Gedenken sollte jedoch nicht von vornherein bestimmt werden von gesellschaftlich normierten Formen, sondern muss individuelle Bezugnahme und Interpretation ausdrücklich zulassen. Denn letztlich soll es ja auch darum gehen, dass Jugendliche ihre eigene Haltung zu Menschenwürde und Menschenrechtsverletzungen einbringen und einen eigenen, tragfähigen Umgang mit Geschichte entwickeln.

 

Kommentar hinzufügen