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Topf & Söhne - Die Ofenbauer von Auschwitz

Annegret Schüle: Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Wallstein Verlag, Göttingen 2010, 464 Seiten, 29,90 €.
Von Ingolf Seidel

Mit „Industrie und Holocaust“ hat die Autorin Annegret Schüle eine Historiographie der Firma Topf & Söhne vorgelegt, die 1878 von Johannes Andreas Topf als feuerungstechnisches Baugeschäft gegründet wurde und die schließlich als Baufirma der Verbrennungsöfen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eine traurige Bekanntheit erlangte.

Der Bau von Krematoriumsöfen gehörte ursprünglich nicht zum Hauptgeschäft der Firma. Dieses lag auf dem Bau von Industriefeuerungsanlagen, Mälzereien und Brauereimaschinen sowie auf der Herstellung von Schornsteinen, Siloanlagen, gasdichten Fenstern und Türen. Im Ersten Weltkrieg wurde „die Produktion um Granaten, Geschützprotzen und andere Kriegsfahrzeuge erweitert“ (S.38). Schon vor Beginn des Krieges war Topf & Söhne mit 517 Mitarbeitern mehr als ein mittelständisches Unternehmen (S. 33). In Folge des Versailler Vertrages war die deutsche Industrie genötigt ihre Feuerungen von Stein- auf Braunkohle umzustellen. „Topf & Söhne reagierten darauf mit der Entwicklung von Braunkohlefeuerungen, die nicht nur in ihrer Dimension innovativ waren, sondern auch weil sie halb- oder vollmechanisch arbeiteten.“ (S.39)

Seit 1935 führten Ernst Wolfgang und Ludwig Topf als dritte Unternehmergeneration die zwischen 1929 und 1933 krisengeschüttelte Firma. Der Übernahme als Erben ging ein firmeninterner Machtkampf voraus, der unter anderem deshalb zugunsten der beiden Brüder entschieden wurde, weil sie in die NSDAP eintraten. „Topf &Söhne war nicht nur ab 1940 direkt an der Rüstungsproduktion beteiligt, auch seinen Wiederaufstieg nach 1933 verdankt das Unternehmen indirekt der Kriegsvorbereitung.“ (S.78) Durch den Bau von Großspeichern für Getreide mit „Begasungsanlagen zur Vernichtung von Getreideschädlingen“ (S.78), welche die Ernährung von Soldaten und Zivilbevölkerung im anvisierten Krieg ermöglichen sollten, sicherte man sich Staatsaufträge.

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 radikalisierte sich die Gewalt im NS-Staat sowohl nach außen als auch nach innen. Im so genannten Polen-Sonderlager in Buchenwald, das Ende September 1939 errichtet wurde, führte die SS ein erstes, „absichtlich herbeigeführte[s] Massensterben von Juden und Polen“ (S. 108)herbei. Die Anzahl der zu verbrennenden Toten stieg sprunghaft an. Ein Umstand, auf den sich die SS sichtlich vorbereitet hatte und weshalb sie bereits vor Kriegsbeginn mit der Firma Topf & Söhne in Kontakt gestanden haben muss. Bereits „am 17. Mai 1939 [wurde] eine Zeichnung für einen ‚fahrbaren, ölbeheizten Topf-Einschäscherungsofen‘ mit einer Muffel [Verbrennungskammer, IS]“ (S. 108) durch den Oberingenieur Kurt Prüfer fertiggestellt. „Vom November 1939 bis Februar 1941 hatte Kurt Prüfer mobile und stationäre Zweimuffel-Öfen an Dachau, Buchenwald, Gusen und ins Stammlager Auschwitz geliefert.“ (S. 129).

Mit der konfliktbedingten Kündigung von Seiten Prüfers im Jahr 1941 hätte sich für die Firma auch die Möglichkeit ergeben, aus den Geschäften mit der SS auszusteigen. Mit Kurt Prüfer verließ nämlich nicht nur der einzige Spezialist für den Ofenbau das Haus, er hatte auch gleichzeitig alle Kontakte mit den Bauleitungen der Konzentrationslager aufrechterhalten. Doch Liquiditätsprobleme veranlassten die Firmenleitung, Prüfer die notwendige Erlaubnis zum Arbeitsplatzwechsel nicht zu erteilen. Stattdessen erhielt der Ingenieur eine Gehaltsaufbesserung und die Brüder Topf hielten somit „auch an der Zusammenarbeit mit der SS fest“ (S.133).

Mit der zunehmenden Radikalisierung der Judenvernichtung wuchs auch der Druck die Leichen zu beseitigen. Vor allem im Stammlager Auschwitz reichten die Kapazitäten des Krematoriums nicht mehr aus, so dass rund 50.000 Leichen in Gruben verscharrt wurden. Es waren die Erfolge Kurt Prüfers bei der „Akquisition von Aufträgen in Auschwitz“, die firmenintern als Signal für die weitere Erschließung eines neuen Marktes verstanden wurden: „eines neuen und zukunftsträchtigen Marktes, auf dem man Massenbeseitigungsanlagen für Menschenleichen verkaufen konnte (…)“ (S. 168). In der Folge entwickelte der Firmeningenieur Fritz Sander, der kein Mitglied der NSDAP war, „eine industrielle Technologie für KZ-Krematoriumsöfen“ (S. 169).

Der Zweck der Öfen, als auch der Entlüftungsanlagen für Gaskammern, welche die Firma lieferte, war sowohl der Firmenleitung, als auch den beteiligten Ingenieuren und Monteuren bekannt. Immerhin geschah der die Montage der Anlagen in Anwesenheit von Monteuren der Firma Topf & Söhne, die zwischen 1942 und 1943 monatelang in Auschwitz-Birkenau arbeiteten (S. 196f). Außerdem waren Firmenmitarbeiter für Tests direkt bei der Ermordung und Verbrennung von Häftlingen anwesend (S. 209f). Für die involvierten Männer stellte sich die möglichst große Zahl an Leichen, die zu beseitigen waren vor allem als technische Herausforderung dar. Sie waren in der Regel keine fanatischen Antisemiten. Der in Auschwitz anwesende Monteur Heinrich Messing war ein Mitglied der KPD und wurde 1933 ebenso verfolgt wie einzelne andere kommunistische Firmenmitarbeiter. Die Autorin charakterisiert schlicht die „Motivationsstruktur von Prüfer, Sander und ihren Kollegen“ (S. 171) als unideologisch und schäbig: Die Männer wollten mit „ihren Produkten optimale technische Lösungen (…) realisieren und damit konkurrierenden Firmen den Rang ablaufen.“ (S. 171)

Letztlich entspringt solches Denken und Fühlen bei aller Widerwärtigkeit der instrumentellen Vernunft unter kapitalistischen Produktionsbedingungen im deutschen Vernichtungskrieg, der seinen speziellen Hintergrund darin hatte, dass Antisemitismus und Rassismus im NS-Staat zur gesellschaftlichen Normalität geworden waren. Ähnlich wie die „ganz normalen Männer“ (Christopher Browning) des Polizeibataillons 101, die sich unter den Kriegsbedingungen an Erschießungen und Massenmord allmählich gewöhnten, erscheinen auch die Ingenieure und Monteure von Topf & Söhne weder als herausragend gestörte oder grausame Männer. Sie taten in ihrem Selbstverständnis nur ihre Arbeit und hielten es für ihre „Pflicht, in Deutschland lebend die Gesetze [ihres, IS] Landes zu achten und zu befolgen“ (S. 211). So jedenfalls äußerte sich Karl Schultze in seinem Verhör vom 1948. Dabei wurde weder auf die Firma Topf & Söhne, noch auf deren Mitarbeiter ein unmittelbarer Zwang ausgeübt, der die Einzelnen im Falle der Verweigerung ihrer Tätigkeit in Lebensgefahr gebracht hätte. Es ist genau die bürgerliche Kälte, von der Theodor Adorno als notwendiger Vorbedingung von Auschwitz sprach, die in diesen Männern ihre Gestalt annahm.

Nach 1945 blieben alle Monteure von Topf & Söhne, die in den Lagern arbeiteten, unbehelligt. Ludwig Topf vergiftete sich am 31. Mai 1945 selbst mit Zyankali um einer möglichen Verhaftung zu entgehen (S. 248). Sein Bruder Ernst Wolfgang Topf setzte sich in die westlichen Besatzungszonen ab. Aufgrund der mangelnden Zusammenarbeit der Besatzungsmächte und durch Vertuschungsmaßnahmen der ehemaligen Komplizen in Erfurt – unterstützt von der örtlichen SED und der Kriminalpolizei - verlief das Entnazifizierungsverfahren gegen Topf im Sande und er blieb unbehelligt. Drei Ingenieure Sander, Prüfer und Schultze wurden von den Sowjetbehörden abgeurteilt und erhielten 25 Jahre Arbeitsbesserungslager. In der DDR wurde der Betrieb als volkseigener Betrieb weiter geführt.

Erst nach jahrelangem zivilgesellschaftlichem Engagement und einer befürwortenden Stellungnahme des Buchenwalder Stiftungsdirektors Volkhard Knigge und einer historischen Expertise der Autorin Annegret Schüle ist es in diesem Jahr möglich, dass in Trägerschaft der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora auf dem ehemaligen Firmengelände von Topf & Söhne ein Gedenkort eröffnet wird. Der Gedenkort erhält ein gedenkstättenpädagogisches Konzept. (Lesen Sie dazu auch den Beitrag von Rebekka Schubert in unserem Magazin). Somit kann das hier besprochene Buch nicht nur als wichtiges Werk zur weiteren Erforschung der Geschichte des Holocaust gelesen werden. An der Geschichte der Firma Topf & Söhne wird exemplarisch deutlich, wie viel Eigeninitiative und Engagement auch von ziviler Seite in den Prozess der Vernichtung der europäischen Juden und den Massenmord an unzähligen Anderen einflossen. Die Wege zur Täterschaft führten über viele, für sich kleine, Entscheidungen zum Mitmachen. Das Buch eignet sich somit sehr gut für Lehrkräfte zur eigenen Vorbereitung auf einen Besuch des Ortes.

 

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