Empfehlung Comic

"Die Entdeckung"

Ein Comic zur Besatzungszeit in den Niederlanden.

Eric Heuvel: Die Entdeckung. Herausgegeben vom Anne Frank HausWiderstandsmuseum Friesland. Zu bestellen beim Anne Frank Zentrum Berlin.

Der Comic „Die Entdeckung“ ist der inhaltliche Vorläufer von „Die Suche“, die beide für den Einsatz in der historisch-politischen Bildungsarbeit, vor allem in der 7. bis 10. Jahrgangsstufe, entwickelt wurden. Die Comics wurden von Eric Heuvel gezeichnet und vom Anne Frank Haus Amsterdam herausgegeben. Sie liegen in mehreren Sprachen vor und können auf Deutsch beim Anne Frank Zentrum Berlin bestellt werden.

Während „Die Suche“ vor allem das Schicksal einer jüdischen Familie während des Holocausts zeigt, beschäftigt sich „Die Entdeckung“ mit einem anderen Aspekt des Zweiten Weltkrieges: der NS-Besatzungszeit in den Niederlanden. Ein niederländischer Junge mit dem Namen Jeroen konfrontiert seine Großmutter Helena durch seine neugierigen Fragen mit der Vergangenheit der Familie und des Landes im Zweiten Weltkrieg.

Ausgangspunkt der Erzählung ist ein spannender Dachbodenfund: Jeroen entdeckt Fotos, Zeitungsausschnitte und Tagebuchaufzeichnungen seiner Großmutter. Ausgehend davon beginnt Helena, ihrem Enkel von den Ereignissen von der Machtergreifung Hitlers bis zur Befreiung der Niederlande zu erzählen. Beide Zeitebenen werden durch beständige Nachfragen Jeroens verknüpft.

Wie „Die Suche“ ist „Die Entdeckung“ in einem klaren, präzisen Stil gezeichnet. Die Zeichnungen sind stark konturiert und mit leuchtenden Farben gemalt, Personen werden vereinfacht-abstrahiert dargestellt. Leider hat der Zeichner sich neben diesem Stil jedoch auch dazu entschieden, den einzelnen Personengruppen klare Merkmale zuzuweisen: unerklärlicherweise sind beinahe alle Juden mit schwarzen Haaren gezeichnet; niederländische Nicht-Juden schienen dagegen immer blonde oder rote Haare gehabt zu haben. Dagegen sind seltsamerweise alle Deutschen groß und kräftig gebaut.

Die besondere Stärke des Comics liegt jedoch darin, dass es Heuvel gelingt, historisch-fundiert die komplexen Zusammenhänge des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden und vor allem die unterschiedlichen Einstellungen, Befürchtungen, Hoffnungen, Ängste und Verhaltensweisen der Menschen zu illustrieren. Helena beginnt ihre Erzählungen zu dem Zeitpunkt, als sie ihre spätere beste Freundin Esther kennen lernt: Esther ist Jüdin und verließ Deutschland nach der Machtergreifung Hitlers mit ihren Eltern. Sie gingen in die Niederlande.

Heuvel lässt Helena die Situation in den Niederlanden während des Krieges erzählen: eine skeptische oder freundliche Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge, die Hoffnung auf Neutralität nach dem Überfall auf Polen, die Gerüchte und unterschiedlichen Nachrichten über die die Bevölkerung diskutiert, die Bombardierung Rotterdams und schließlich der Einmarsch der Wehrmacht und die Besatzungszeit.

Auch hier gelingt es Heuvel, differenziert die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Menschen darzustellen. Exemplarisch abgebildet werden diese auch innerhalb Helenas Familie: der Vater ist ein opportunistischer Kollaborateur und Weggucker, die Mutter versucht, die Familie über den Krieg zu retten, kann ihren Mann aber nicht beeinflussen, ein Bruder fällt als Soldat, der zweite Bruder kämpft im Widerstand.

Neben diesem individuellen, aber doch so beispielhaften Positionierungen werden die „großen Kriegsereignisse“ gezeigt, aber immer aus der Perspektive Helenas, die erzählt, was sie selbst erlebt oder gehört hat: die Nachrichten vom Überfall auf die Sowjetunion, die zunehmende Ausgrenzung der niederländischen Juden aus der Gesellschaft und schließlich ihre Deportationen, das Leben in der Armee durch die Briefe ihres Bruders.

Auf diese Weise erfährt der Leser auch von niederländischen Ereignissen während des Krieges, mit denen deutsche Schülerinnen und Schüler weniger vertraut sein dürften. Helena berichtet vom Generalstreik in den Niederlanden 1941, der Arbeit der Widerstandsgruppen, vom Krieg im Pazifik am Beispiel der niederländischen Kolonie Niederländisch-Indien (heute Indonesien), wo Helenas Tante Riek lebte, von der langen Hoffnung auf Befreiung seit der Landung der Alliierten in der Normandie 1944, vom „Verrückten Dienstag“, des Tages der Euphorie angesichts der vermeintlichen Befreiung und vom so genannte Hungerwinter 1944/1945. Die endgültige Kapitulation der deutschen Wehrmacht erlebte Helena in Friesland.

Ihr langer Weg nach Hause demonstriert die Stimmung in den Niederlanden kurz nach der Befreiung: Die Freude der Menschen, die Vergnügungssucht und Aufdringlichkeiten alliierter Soldaten, die Verhaftungen von Kollaborateuren, denen auch ihr Vater zum Opfer fiel und die Schur von Frauen, die mit den Nazis zusammen gearbeitet haben sollen. Dieser niederländische Blickwinkel offenbart auch den Umstand, dass im Mai 1945 der Krieg im Pazifik noch längst nicht vorüber war und dass das Ende des Krieges die Unabhängigkeit für die niederländischen Kolonien bedeutete.

Dem Comic „Die Entdeckung“ gelingt es auf klare Weise, auch deutschen Schülerinnen und Schülern (und nicht nur diesen) weniger bekannte Aspekte des Zweiten Weltkrieges näher zu bringen. Die deutsche Besatzung eines unserer Nachbarländer ist ein Kapitel, das neue Blickwinkel auf diesen Krieg bieten kann. Der vorliegende Comic bietet – trotz bereits angesprochener Mängel - einen wunderbaren, differenzierten Einstieg in dieses Thema.

Der Comic endet dort, wo er begonnen hat – in der Gegenwart – und knüpft bereits die Verbindung zum Nachfolgecomic „Die Suche“: Jeroen trifft auf einer Gedenkfeier die jüdische Kindheitsfreundin seiner Großmutter, Esther. Im zweiten Band wird Esther Jeroen, ihrem eigenen Enkel sowie ihrer alten Freundin Helena von ihren Kriegserlebnissen erzählen.

„Die Suche“ war der erste Comic, der speziell für die Bildungsarbeit geschrieben wurde. Er hat einige Aufmerksamkeit erhalten und Fragen nach der Einsetzbarkeit von Comics im Unterricht sowie nach den Möglichkeiten der Darstellung des Holocausts provoziert.

Auch Lernen aus der Geschichte beschäftigte sich mit diesem Medium und hat sich in dem Newsletter „Comics in der historischen Bildung“ der Frage gewidmet, welche Rolle dieses Medium in der historisch-politischen Bildungsarbeit spielen kann.

Auf unserem Portal finden Sie außerdem zwei lange Beiträge zu „Die Suche“: einer beschäftigt sich mit dem Comic selbst, ein zweiter stellt die dazu erschienenen Unterrichtsmaterialien vor.
 

 

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