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Die Judenratfrage in der Geschichte der Shoah

Kurzfassung des Beitrages in englischer Sprache zur  Tagung „POLITICHE DI SOPRAVVENZA ALLE PERSECUZIONI“ der “Accademia Galileiana di Scienze, Lettere ed Arti” in Padua, Oktober 28/29 2010.

Wolf Murmelstein

Um Verständnis für sprachliche Unzulänglichkeiten wird gebeten. Die Nazis wollten nicht, der Verfasser konnte daher nicht, Deutsch lernen wie Goethe.

Der Begriff Judenrat, oder auch Ältestenrat, umfasst sowohl die Mitglieder der Jüdischen Gremien welche unter der Nazi Herrschaft gebildet wurden als auch die „Verantwortlichen Persönlichkeiten“ welche als „Judenältester“ oder auch, abfällig, „Oberjude“ bezeichnet wurden und in tragischer Weise in die Geschichte der Shoah eingegangen sind. Neben den „Judenältesten“ und den Mitgliedern der Judenräte ist auch die Rolle von deren  Mitarbeitern zu betrachten.

Nach der Machtergreifung bedienten sich die Nazis der vorgefundenen Organe der Jüdischen Gemeinden und der Reichsvertretung der Juden. Die Leiter dieser Organisationen mussten immer mehr Aufgaben mit immer weniger Mittel bewältigen und standen unter immer stärkerem Druck. In Wien und in Prag gingen die Nazis sofort schärfer vor. Hauptaufgabe war die Organisation der Auswanderung unter wachsenden Schwierigkeiten. Im Oktober 1939 musste in jeder Stadt in Polen ein Judenrat gebildet werden.

Bei der Ernennung der „Verantwortlichen Persönlichkeit“ griffen die Nazis auf die vorgefundene jüdische Führung, wenn diese nicht geflüchtet war, zurück. In anderen Fällen kamen die Ernennungen durch Zufall. Rumchowsky – Lodz/Litzmannstadt – war der älteste unter den Männern, die die SS bei der Besetzung der Kultusgemeinde vorfand. Czerniakow – Warschau – war schon in der Wochen der Belagerung vom polnischen Bürgermeister ernannt worden und wurde dann von den Nazis bestätigt. Weidmann – Prag – war der einzige Beamte, den die SS im Sitz der Kultusgemeinde antraf. In diesen und anderen Fällen hatten sich Präsidenten und Vizepräsidenten rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Fast alle dieser „Verantwortlichen Persönlichkeiten“ wurden ermordet, nur einige haben überlebt.

Gegen den von Hanna Arendt und anderen – die zu dieser Zeit in Sicherheit waren – erhobenen Vorwurf, dass mit der Annahme der Ernennung  diese Persönlichkeiten die Deportationen erleichtert haben, kann man auf die Meinungen der Rabbiner - die zur Zeit mit ihren Gemeinden waren – dass es eine Pflicht war die Bürde der Verantwortung auf sich zu nehmen und zu retten was noch zu retten war, hinweisen. Ein Rabbiner meinte „ein staatliches Gesetz ist Gesetz, auch wenn es ein schlechtes Gesetz ist“.  

Bekanntlich kamen in 1933 die Nazis formell nach den Spielregeln der Weimarer Verfassung an die Macht. Das Dritte Reich war, bis zur Kapitulation von Mai 1945, ein international anerkannter Staat mit dem andere Staaten diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen unterhielten und Verträge schlossen. Der  von der UdSSR in August 1939 geschlossene Freundschaftsvertrag gab dem Dritten Reich freie Hand für den Angriff auf Polen und ermöglichte so die Ausdehnung und Verschärfung der Shoah.  Die Gesetze gegen die Juden – „Schlechte Gesetze“ – wurden auf internationaler Ebene als innere Angelegenheiten des Deutschen Reichs, und dessen Verbündeter, betrachtet. In den von der Wehrmacht überrannten Staaten hatten die militärischen Befehlshaber den Regeln gemäß kapituliert; die Regierungen waren meistens nach London geflüchtet. Die Judenräte konnten keinesfalls stärker sein.

Die Judenräte hatten, in Deutschland und den besetzten Gebieten, keinen Zutritt zu entscheidenden Amtsträgern; von Anfang an blieben Eingaben und Denkschriften unbeantwortet. Sie mussten vor Funktionären und SS Männern mittleren und niedrigen Ranges, die selber bespitzelt waren, erscheinen und immer schärfere, in groben und drohenden Ton gegebene, Weisungen entgegennehmen. Einsprüche waren undenkbar und Ansuchen um Erleichterungen mussten mit, für einen Nazi verständlichen, Argumenten vorgetragen werden; etwaige Zusagen galten aber nur, wenn sie eingehalten wurden. In einigen der verbündeten Staaten – Bulgarien, Rumänien, Slowakei, Vichy-Frankreich – war Zutritt zu höheren Amtsträgern möglich; etwas konnte erreicht werden.

In den Ghettos mussten die sehr bespitzelten Judenräte, für Ordnung, Verteilung von Lebensmittel, Gesundheitswesen, Soziales und Öffentliche Dienste sorgen und daher fachkundige Mitarbeiter haben. Die Rekrutierung von Arbeitskräften und die Organisation von Betrieben schien eine Überlebensmöglichkeit zu bieten. Aber die Taktik von Rumchowski - Lodz/Litzmannstadt - wie der Versuch von Eppstein – Theresienstadt – und anderer Judenräte ihre Gemeinschaft durch Arbeit für die Kriegswirtschaft zu retten schlugen fehl; alle starben als Märtyrer.     

Die Westmächte und der Jüdische Weltkongress hatten ab Sommer 1942 Informationen über die Gaskammern und Jan Karski vom Polnischen Widerstand gelangte im Januar 1943 nach London und dann nach Washington und berichtete über viele Einzelheiten der Todesmaschine. Nichts Nützliches wurde unternommen um den Juden zu helfen. Es ist unmöglich zu wissen was die ermordeten Judenräte damals wirklich über die Todesmaschine wussten. Die angebliche Behauptung von Leo Baeck damals, in 1942 oder 1943, schon gewusst zu haben, ist in mindestens zwei verschiedenen Fassungen (die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten) aus journalistischen Quellen, nicht aus einer Zeugenaussage vor dem zuständigen Gericht, bekannt. Die Judenräte der Slowakei bekamen in Mai 1944 genaue Informationen über Auschwitz; nach Theresienstadt kamen die ersten allarmierenden Nachrichten erst Ende Dezember 1944.

Das Andenken der vielen als Märtyrer gestorbenen und der Ruf der sehr wenigen überlebenden Judenräte wurden in 1945 Ziel von vielen, auf Hysterie und Verfolgungswahn zurückzuführenden, Anschuldigungen, welche aber Gehör fanden:

  1. Regierungen und Organisationen (Jüdischer Weltkongress, usw.) die nichts Nützliches unternehmen konnten um zu helfen oder, gar, verantwortungslos handelten.
  2. Kommunistische Regierungen in Ost-Europa, welche lokale Antisemiten und Mitläufer der Nazis für die neuen Regime gewinnen wollten.
  3. Personen die Zeugen ihres eigenen schuldhaften Verhaltens diskreditieren wollten.           
  4. Regierungen und private Nutznießer, die enteigneten jüdischen Besitz zurückhielten waren an Ablenkung interessiert; die überlebenden Judenräte waren da lästige Zeugen.
  5. Kommunisten und andere Linksgruppen die vor 1938/39 die Gefahr nicht erkennen wollten.

Dokumente jener Zeit des Schreckens mussten gemäß einer schwer verständlichen Sprachregelung verfasst werden. Nazi-Funktionäre (SS oder Zivil) übertrieben in den Berichten ihre eigene Fähigkeit Befehle auszuführen und Gehorsam (Mitwirkung) zu erzwingen. Berichte, Tagebücher und Erzählungen von Ghetto/Lager Insassen handeln von persönlichen Erlebnissen und drücken Meinungen oder Gefühle aus. Da die Verfasser nicht in der Nähe vom Judenrat standen und dessen schwierige Lage nicht kennen konnten sind solche Schriften nur mit größter Vorsicht zu benutzen.   

 

Beim Prozess Eichmann in 1961 bewies Ankläger Hausner seine Unkenntnis über die Geschehnisse mit ständigen Frage an Überlebende: Warum wurde kein Widerstand geleistet?

  1. Bei den Aufständen von Ghetto Warschau, Vernichtungslager Treblinka, usw. überlebten nur sehr wenige.
  2. Bei den Widerstandsbewegungen waren Juden nicht immer willkommen.
  3. Nur wenige waren den harten Bedingungen vom Leben und Kämpfen in Untergrund, Wäldern, Bergen, usw. gewachsen.    
  4. In Theresienstadt brach in der Nacht von 17 April 1945, ausgelöst von Lockspitzel, die Farce einer Revolution aus. Eine Wehrmacht Kompanie stand zur Unterdrückung von „Tumulten im Hinterland der Front“ in Bereitschaft. Das schnelle Eingreifen des Judenältesten Benjamin Murmelstein überzeugte die Menschen in die Ubikationen zurückzugehen. Die SS fand keine Menschenmengen auf den Straßen, die Nazis hatten keinen Vorwand mehr und das Rote Kreuz konnte am 5 Mai 1945 mehr als 20.000 (zwanzigtausend) Überlebende übernehmen.

Die treffendste Antwort auf die viele, unsinnige, Anschuldigungen gegen die Judenräte gab der letzte Kommandant von Theresienstadt, Karl Rahm, vor den Untersuchungsrichter vom zuständigen Volksgericht: „… Nee, so wars net, der Murmelstein hat uns keine Weisungen gegeben“.

 

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