Zur Diskussion

Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen

Günther Jikeli ist Mitbegründer des Internationalen Instituts für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung Berlin - London. Er promoviert derzeit zur Thematik von Antisemitismus bei Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund.

Günther Jikeli

Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist nach wie vor kaum beforscht, weder in seiner Art noch in seiner Verbreitung. Einzelne Umfragen aus verschiedenen europäischen Ländern, Statistiken zu antisemitischen Vorfällen und anekdotische Berichte von Lehrerinnen und Lehrern weisen jedoch deutlich darauf hin, dass zumindest bestimmte Formen von Antisemitismus unter Muslimen weiter verbreitet sind, als unter anderen Bevölkerungsgruppen.

Wieso ist das so? Welche antisemitischen Vorstellungen sind besonders populär und was kann im Bereich Pädagogik dagegen getan werden?

Zunächst einmal gilt festzuhalten, dass Antisemitismus ein weit verbreitetes Phänomen ist und sich nicht auf Muslime beschränken lässt. Das verstärkt das Problem. Gerade wenn es um Hetze gegen Israel geht, werden offen judenfeindliche Äußerungen von jungen Muslimen beispielsweise im schulischen Kontext häufiger toleriert. Zum einen da „die Muslime“ zu derartigen Äußerungen angeblich aufgrund des Nahostkonflikts einen besonderen Grund hätten. Zum anderen, da auch ein nicht unerheblicher Teil der verantwortlichen Pädagogen Israel gegenüber eher negativ eingestellt sind und deshalb das Problem ausblendet. Aber ein vielleicht noch gewichtigerer Grund, ist die Ohnmacht gegenüber Antisemitismus, von der eine Reihe von Lehrerinnen und Lehrern berichten.

Gegen dieses Ohnmachtsgefühl mag mehr Wissen über die Hintergründe und Einflussfaktoren helfen.

Im Rahmen eines international angelegten Forschungsprojekts wurden knapp 120 Jugendliche, die sich als Muslime definieren, in Berlin, Paris und London ausführlich zu ihren Einstellungen zu Juden befragt (1). Die Ergebnisse zeigen erstaunliche Parallelen in den drei Ländern und vier grobe Argumentationsmuster, wie muslimische Jugendliche begründen, dass sie keine Juden mögen:

  1. „Klassischer“ Antisemitismus wie Verschwörungstheorien und Stereotype wie das der vorgeblich reichen Juden;
  2. Begründungen von feindlichen Einstellungen gegen „die Juden“ mit dem Nahostkonflikt;
  3. Begründungen von negativen Einstellungen gegen „die Juden“ mit der eigenen Religionszugehörigkeit oder auch mit der ethnischen Zugehörigkeit, also beispielsweise „wir Muslime mögen keine Juden“ und letztlich
  4. negative Einstellungen gegen Juden, bei denen auf jegliche Begründung verzichtet wird. Negative Einstellungen gegen Juden sind bei dieser Haltung gewissermaßen selbstverständlich. Dies kommt beispielsweise bei dem Schimpfwort „Du Jude“ zum Vorschein, was ja nur funktioniert, wenn damit etwas Negatives assoziiert wird.

Damit zeigt sich, dass nur ein Argumentationsmuster spezifisch für Muslime ist: wenn direkt mit der religiösen Identität oder auch „dem Islam“ und der Feindschaft gegen Juden in der Geschichte des Islams argumentiert wird, die angeblich eine Judenfeindschaft begründen. Allerdings besteht so ein Muster bei einem großen Teil der Befragten tatsächlich.

Muslimische Jugendliche, die sich explizit gegen Judenhass aussprechen, sind meist diejenigen, die ein kritisches und selbstbewusstes Verhältnis zu ihrer religiösen und ethnischen Identität und auch zum Elternhaus haben. Für diese ist es kein ausreichender Grund Juden nicht zu mögen, nur weil sie gehört haben, dass „die Muslime“ oder „die Araber“ Juden nicht mögen. Solche Jugendlichen können dennoch gläubig sein und sich zu ihrer religiösen und ethnischen Gemeinschaft zugehörig fühlen.

Die Faktoren warum sich Jugendliche antisemitisch äußern sind zahlreich. Neben dem Freundeskreis und familiären Umfeld spielen sicherlich die Medien eine Rolle, sowohl ausländische wie inländische. Auch letztere beinhalten oft antisemitische Muster. Ausländische Medien beeinflussen Jugendliche eher indirekt über die Eltern oder über bestimmte Bilder, da die meisten Jugendlichen eher inländische Medien konsumieren. Hetzvideos und entsprechende Musik und Texte finden Jugendliche zunehmend im Internet. Islamische Organisationen wie Moscheen und dort stattfindende Korankurse spielen für einige Jugendliche eine Rolle und können, je nach Ausrichtung, ein sehr rigides Islamverständnis prägen, welches die Einheit „der Muslime“ betont und beispielsweise den Nahostkonflikt oder auch den Krieg in Afghanistan als Krieg gegen „die Muslime“ darstellt in dem dann Juden schnell zu Feinden erklärt werden können.

Wenn auch einige Jugendliche aggressiven Judenhass mit einem hohen Gewaltpotenzial zeigen, so sind die meisten antisemitischen Argumentationen fragmentarisch. Die Stereotype sind meist diffus und die Jugendlichen sind sich ihrer vorurteilsbeladenen Einstellungen oft gar nicht sicher. In einigen Freundeskreisen und in manchem familiären Umfeld sind offen judenfeindliche Einstellungen allerdings die Norm. Das macht es Jugendlichen schwer, sich diesen zu entziehen, was aber möglich ist, wie einige Interviewpartner bewiesen. Einzelpersonen sowie für die Jugendlichen wichtige Institutionen wie die Schule, die diese Norm explizit nicht teilen, sind der wichtigste Grund sich von antisemitischen Normen zu lösen.

Was heißt das für die Pädagogik? Schülerinnen und Schüler sollten gestärkt werden in der Entwicklung ihrer individuellen Persönlichkeit und im kritischem Denken. Die muslimische Identität ist nur eine unter vielen, die nicht essentialisiert werden sollte. Weder gibt es ein „Muslim-Gen“, noch ist eine Feindschaft unter Muslimen gegen Juden natürlich. Gleichzeitig darf es keine Toleranz für antisemitische Äußerungen geben - auch nicht gegenüber Angehörigen einer in der Gesellschaft oft diskriminierten Minderheit.

Anmerkung

(1) Die Studie wird durchgeführt von der International Study Group Education and Research on Antisemitism und vergleicht antisemitische Argumentationsmuster unter Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund in Berlin, Paris und London. Das Zentrum für Antisemitismusforschung begleitet das Projekt unter anderem im Rahmen einer Betreuung einer mit dem Projekt verbundenen Dissertation des Autors bei Prof. Dr. Wolfgang Benz. Die Ergebnisse werden 2011 veröffentlicht.

 

Kommentar hinzufügen