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Ich kann nicht vergeben

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Rudolf Vrba: Ich kann nicht vergeben. Meine Flucht aus Auschwitz. Vorwort von Beate Klarsfeld. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main (2010) 528 Seiten. 28 €.

Ingolf Seidel

Dieses Buch handelt in mehrfacher Hinsicht von Anomalien. Rudol Vrba erzählt chronologisch die Geschichte seiner Deportation in das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. In seiner autobiographischen Erzählung schildert der Autor, wie er sich der Verschleppung als 17-jähriger durch Flucht aus seiner slowakischen Heimatstadt Trnava zu entziehen suchte sowie die Geschichte seiner Festnahme an der ungarischen Grenze. Vrba beschreibt wie er 1942, im Anschluss an einen erneuten Fluchtversuch, in das Lager Majdanek deportiert wird und seine anschließende Überstellung nach Auschwitz. Die Existenz der Vernichtungslager und die Planung der Ausrottung der europäischen Juden ist bereits ein Umstand, der die Grenzen des normal Fassbaren überschreitet. Dass sich Vrba dem für ihn als Juden zugedachten Schicksal durch Mut und Widerstand sowie durch viele Zufälle entziehen konnte, macht ihn zu einem Teil einer „anormale(n) Minderheit“, wie Primo Levi schreibt. Im Universum der Vernichtungslager, welche Heinrich Himmlers SS schuf war das Sterben der Normalzustand, der in erster Linie den Jüdinnen und Juden, aber auch, den Sinti und Roma, Kommunisten, Polen, sowjetischen Kriegsgefangenen und anderen zugedacht war.

Vrba zeigt die Mechanismen der „Hölle von Auschwitz“ (S. 189) aus seiner subjektiven Sicht und ist bemüht die Welt von Auschwitz in nachvollziehbare Worte zu kleiden. Dazu gehört die Ankunft im Stammlager Auschwitz I, die Grausamkeiten von SS und Kapos, aber auch die Hilfe und Solidarität anderer Häftlinge, die eine weitere Anomalie darstellt, denn das Lager sollten nicht nur der Sterbeort für die dort Inhaftierten sein. Man wollte die, die nicht sofort in die Gaskammern selektiert wurden durch Arbeit, Hunger und grausame Lebensumstände auf einen Zustand herabwürdigen, der dem Bild entsprach, dass die nationalsozialistische Ideologie und der Antisemitismus von den Juden zeichnete. Durch seine Arbeit im so genannten Kanada-Kommando, in dem Häftlinge die Wertgegenstände und Kleidung der Deportierten im Effektenlager sammeln mussten, lernte Rudolf Vrba einen für ihn neuen Aspekt von Auschwitz kennen, den er als „kaltblütige Profitmacherei“ beschreibt, mit der die in dieser Todesfabrik die Ermordeten „mit ihrem Tod einen Beitrag zur deutschen Kriegsführung leisteten.“ (S. 229)

Es ist ein unbedingter Wille zum Überleben und zur Flucht, der Vrba aufrecht erhält. Er will Bericht erstatten von dem was in Auschwitz vor sich geht. Nach fast zwei Jahren, von denen er die letzten fast anderthalb Jahre in Auschwitz-Birkenau verbringt, gelingt ihm gemeinsam mit seinem Freund Alfréd Wetzler die Flucht im April 1944. Bevor Vrba sich im September 1944 den Partisanen anschließt, diktiert er gemeinsam mit Wetzler einen Bericht, der als Vrba-Wetzler-Bericht bekannt werden sollte. Beide wollen vor der drohenden Deportation und Ermordung der ungarischen Juden warnen und beschreiben ausführlich die Organisation und Funktion des Vernichtungslagers und den Massenmord in den Gaskammern.

Man merkt noch dem Buch die Enttäusch darüber an, dass dem Bericht kaum geglaubt wurde. „Der menschliche Verstand musste erst noch lernen, sich Massenmord im Ausmaß von Auschwitz vorzustellen“ (S. 412), schreibt Vrba. So wurden ab Mai 1944 ungefähr 440.000 ungarische Jüdinnen und Juden nach Auschwitz verschleppt und in der Mehrzahl ermordet. Doch die Veröffentlichung des Berichts in der Schweizer Presse und der folgende Druck der Alliierten waren Auslöser dafür, dass das ungarische Staatsoberhaupt, der so genannte Reichsverweser, Miklós Horthy sich Anfang Juli 1944 gezwungen sah, von weiteren Deportationen abzusehen. Auf diesem Weg wurden hunderttausende Juden noch gerettet und die autobiographische Erzählung liefert ein Zeugnis ab vom Widerstandswillen des Autors und vieler anderer Juden und Nicht-Juden.

Der Vrba-Wetzler-Bericht wurde ein zentrales Dokument in den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen und Rudolf Vrba meldete sich als Zeuge für den ersten Auschwitz-Prozess, der am 20. Dezember 1963 in Frankfurt am Main begann.

Die vorliegende Ausgabe von „Ich kann nicht vergeben“ ist eine Neuedition. Die Schilderung von Rudolf Vrba erschien nahezu zeitgleich zum Beginn des Frankfurter Prozesses unter dem Titel „I Cannot Forgive“. Die Neuherausgabe und –übersetzung dieses beeindruckenden zeithistorischen, Dokuments ist der Arbeit der Erziehungswissenschaftlerin Dagi Knellessen und des Mitarbeiters des Frankfurter Fritz Bauer Instituts, Werner Renz zu verdanken. Die beiden Herausgeber gewannen Beate Klarsfeld für ein Vorwort und ergänzten den ursprünglichen Text sparsam um Fußnoten zu Ereignissen und Personen oder dort, wo Vrba irrte und durch die neuere Forschungslage zu korrigieren war. Zudem leistet das Nachwort eine historische Einordnung des Textes und seiner Rezeptions- und Wirkungsgeschichte. Das Ergebnis ist eine die Person Rudolf Vrba würdigende und wissenschaftlich genaue Neuedition. Sie erinnert uns an die Präzedenzlosigkeit der Vernichtung des europäischen Judentums und daran, dass es ein anhaltendes geschichtspolitisches Anliegen sein sollte, dieser Geschichte mit ihrer Spezifik zu erinnern.

Eine Aussage von Rudolf Vrba gegenüber Claude Lanzmann findet sich auf der Homepage des Schöffling Verlages.

Der Vrba-Wetzler Bericht online (Quellensammlung „Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern des Deutschen Historischen Instituts, Washington)

 

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