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Verunsichernde Orte - Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik

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Barbara Thimm, Gottfried Kößler, Susanne Ulrich (Hrsg.): Verunsichernde Ort. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik, Frankfurt am Main (2010)    

Ingolf Seidel

Das Buch „Verunsichernde Ort. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik“ fasst die Ergebnisse des Bundesmodellprojekts „Gedenkstättenpädagogik und Gegenwartsbezug –Selbstverständigung und Konzeptentwicklung“ zusammen. Mit dem Band wird ein dreijähriger Prozess der Annäherung an die Rahmungen und Herausforderungen des  Berufsfeldes dokumentiert. Als Herausgeber/innen fungieren Barbara Thimm, Gottfried Kößler und Susanne Ulrich, die gleichzeitig die Steuerungsgruppe des Projekts gebildet haben.

Bis vor einigen Jahren war es nicht selbstverständlich vom Beruf Gedenkstättenpädagoge/-pädagogin zu sprechen. Wie der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Meseth im Verlauf der Tagung festhielt, haben die Aktivitäten in den Gedenkstätten zur Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus eine ähnliche Wandlung durchlebt, wie die Gedenkstätten selbst. Konnte man bis in die 90er Jahre hinein mit Recht noch von einer Sozialen Bewegung zum Aufbau und Erhalt der KZ- und Euthanasiegedenkstätten als Ort des Gedenkens und Erinnerns an den nationalsozialistischen Terror sprechen, so sind heute am Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis die Gedenkstätten weitgehend institutionalisiert und ein Teil der staatsoffiziellen Gedenkkultur geworden.

„Das vorherrschende Verständnis der Gedenkstätten als >>Lernorte<< mit gleichsam staatlichem Bildungsauftrag“ (S.39) sei, wie Imke Scheurich in ihrem Beitrag des Buches in Anlehnung an Meseth betont, bezeichnend für den pädagogisierenden Umgang mit der Erinnerung. Gleichzeitig besteht an die gedenkstättenpädagogische Arbeit, so konstatieren die Herausgeber/innen in ihrer Einführung, die in der Regel unhinterfragte Erwartung der Demokratieförderung und der Menschenrechtserziehung (S. 10).

Gleichzeitig bedeutet Pädagogisierung weder eine herausragende finanzielle Ausstattung der Arbeit in den Gedenkstätten noch die Existenz eines einheitlichen Berufsbildes. Dessen Beschreibung und die Formulierung von „erwünschten Qualitätsmerkmalen“ (S. 25) für alle diejenigen, die an den Gedenkstätten mit der Vermittlungsarbeit beschäftigt sind, ist eines der Ergebnisse des Modellprojekts, welches in Verantwortung der Stiftung Jugendgästehaus Dachau, des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt am Main gemeinsam mit der Akademie für Führung & Kompetenz am Centrum für angewandte Politikforschung durchgeführt wurde. Möglich wurde die Arbeit durch die wesentliche Förderung im Rahmen des Bundesprogramms „Vielfalt tut gut“ des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.

Das Berufsbild Gedenkstättenpädagogik formuliert maximale Zielvorstellungen an die Mitarbeiter/innen mit pädagogischem Auftrag (MpA), so die Sprachregelung der Steuerungsgruppe. Die 42 Kriterien des Berufsbildes - die eher einen Ist-Zustand der Arbeit der MpA beschreiben, als normative Forderungen an mögliche zukünftige Ausbildungsrichtlinien zu formulieren - sind in fünf Dimensionen unterteilt. „Ethische Dimension“, „Themen- und ortsspezifische Dimension“, „Politische Dimension – Wissen und Haltung“, „Methodische Dimension- Vermittlung und Haltung“ und „Selbstreflexive Dimension“ sind Kategorien, die anspruchsvolle Vorstellungen und Qualitätsmerkmale der beruflichen Inhalte widerspiegeln. Dazu gehören Ziele, die nach Selbstverständlichem klingen mögen, wie der Umstand, dass MpA „über Fachkenntnisse zur NS-Geschichte und NS-Ideologie (…)“ (S. 27) verfügen sollten. Weniger selbstverständlich dürfte leider die Zielvorstellung sein, dass die Mitarbeiter/innen sich nicht nur der Ziele, Chancen und Grenzen ihrer Arbeit bewusst sind, sondern unangemessene Formen der Instrumentalisierung (wie „Gedenkstättenbesuche als pädagogisches Mittel gegen rechtsextreme Haltungen“) problematisieren. Auch der Umstand, dass irritierendes Verhalten von Teilnehmenden als eine mögliche Lernchance begriffen wird, wie es in Berufsbild formuliert ist, und nicht automatisch als zu reglementierendes Verhalten bewertet wird, dürfte nicht zum Allgemeingut zählen. Umso wichtiger sind die vielzähligen Anregungen, die sich in den fünf Dimensionen präsentieren.

Die Nähe der formulierten Merkmale zur gedenkstättenpädagogischen Praxis resultiert aus dem Umstand, dass zwölf Gedenkstättenmitarbeiter/innen als Projektgruppe an der Durchführung des Projekts beteiligt waren. Eine externe fachliche Begleitung gewährleistete Monique Eckmann, die als Professorin an der Fachhochschule für Sozialarbeit in Genf wirkt.

Dieser Kernbereich des Berufsbilds Gedenkstättenpädagogik wird in der vorliegenden Publikation begleitet von einem einleitenden Aufsatz von Wolf Kaiser, in dem er den Stand der derzeitigen Praxis in der historisch-politischen Bildung zusammenfasst, einem Theorieteil sowie von einem Praxiskapitel und einem Bildteil. Dabei sind die theoretischen Reflexionen und die praktischen Übungen durchaus als Einheit zu sehen. In den Ersteren werden die hinter den Qualitätsmerkmalen stehenden Grundlagen vermittelt. Die unterschiedlich gewichteten Beiträge von Verena Haug, Imke Scheurich, Gottfried Kößler, Susanne Ulrich, Oliver von Wrochem, Monique Eckmann, Christian Geißler und Helmut Wetzel eint, dass sie für eine Anerkennung von Diversität, unterschiedlichen Geschichtsnarrativen der Teilnehmenden an gedenkstättenpädagogischen Maßnahmen plädieren. Es sei eine Aufgabe der Mitarbeiter/innen von Gedenkstätten die „sehr unterschiedlichen Erinnerungsmilieus und nationalen Narrative der Teilnehmenden zu erkennen, ja sogar anzuerkennen.“ (Eckmann, S. 68). Ein solcher anerkennungspädagogischer Ansatz ist für das allgemeine Geschichtslernen im schulischen Bereich ebenso relevant, wie Christian Geißlers Forderung nach einer inklusiven (Gedenkstätten-)Pädagogik, die unterschiedliche soziale Positionen von Lernenden und Lehrenden wenigstens thematisiert, die sich aus „Kategorien wie geschlechtlicher Zugehörigkeit, sexueller Orientierung, Alter und Bildungsstand, religiöser Zugehörigkeit oder Gesundheitszustand ergeben“ (S. 70). Ebenso durchzieht den Band eine Auseinandersetzung mit dem Gegenwartsbezug als einer Grundkategorie der Geschichtsdidaktik und der Beschreibung des „Spannungsfeld(s) zwischen der öffentlich formulierten Anspruchshaltung gegenüber der pädagogischen Praxis (…) und den realen Anforderungen in Alltagssituationen“ (S. 50), wie es Gottfried Kößler vornimmt vor dem Hintergrund einer auch in Form und Inhalt demokratischen Bildungspraxis, die Susanne Ulrich einfordert.

Für den Praxisteil wurden aus einem Pool von fünfundzwanzig Übungen, die für Fortbildungen im Projekt entwickelt wurden, einige ausgewählt, die „auch alleine oder in einer kleinen Gruppe durchführbar sind“ (S. 111) und so den Leser/innen durch das eigene Ausprobieren eigene Reflexionsprozesse ermöglichen soll. Sicherlich können diese Übungen keine der Fortbildungen ersetzen,  die zukünftig von den acht, im Projektzeitraum ausgebildeten, Trainerinnen und Trainerangeboten werden.

Es erscheint abschließend beinahe müßig auf den hohen Nutzen von „Verunsichernde Orte“ für die gedenkstättenpädagogische Praxis hinzuweisen. Erwähnenswerter ist dagegen es, dass nicht nur die außerschulische Bildung von den Projektergebnissen profitieren kann. Es wäre wünschenswert, wenn in die schulische Bildung, entgegen aktueller technokratischer Trends, der prozessuale Charakter von Lernen und Lehren und die Selbstreflexion der eigenen sozialen Positionen von Didaktiker/innen und Pädagog/innen stärkeren Eingang fänden.

Informationen zu Fortbildungen gibt es bis Dezember 2010 bei der Projektleiterin Barbara Thimm, E-Mail: thimm [at] mmsz-dachau [dot] de

Folgende Projektseiten stehen online ab Ende 2010 zur Kontaktaufnahme und für Informationen zur Verfügung:

www.weiterbildung-gedenkstaettenpaedagogik.de und www.verunsichernde-orte.de

 

 

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