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Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit: Qualifizierung der Erkenntnisse

Günter Saathoff ist seit dem 1. Oktober 2003 Mitglied des Vorstands der Stiftung EVZ. Zuvor war er nach Gründung der Stiftung im Jahre 2000 zunächst als Generalbeauftragter für die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen der Stiftung und die Auszahlungsprogramme tätig.

Günter Saathoff

Vor zehn Jahren endete mit der Gründung der Stiftung EVZ ein langer Verhandlungsprozess nicht zuletzt der historischen Bewertung der Folgen und Verantwortlichkeiten in Bezug auf die nationalsozialistische Zwangsarbeit. In den folgenden sechs Jahren wurden an mehr als 1,66 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter Leistungen aus Mitteln der Stiftung gezahlt. Während dieses Auszahlungsprozesses wurden durch alle Beteiligten neue Erkenntnisse zusammengetragen, aber auch Defizite im Wissen um die NS-Zwangsarbeit festgestellt. Schon während der Auszahlungen entschloss sich die Stiftung, ihr institutionell erworbenes Wissen nach und nach auch für die interessierte Öffentlichkeit und die Forschung zugänglich zu machen und die Dokumentation zum Thema zu erweitern. In diesem Jahr wurden bzw. werden wichtige Erkenntnisse in erweiterter Fassung präsentiert:

Im Verlauf der Antragstellung wandten sich viele ehemalige Zwangsarbeiter mit der Bitte um Nachweise an deutsche Archive. Zur systematischen Beantwortung dieser Anfragen wurde ein Archivverbund unter Leitung des Bundesarchivs gegründet. Das daraus entstandene Wissen wurde für die Erstellung des Online-Portals www.zwangsarbeit.eu genutzt, das dem Nutzer die Möglichkeit bietet, gezielt nach Beständen in regionalen, nationalen oder Gedenkstätten-Archiven aus ganz Europa zu suchen. Seit August diesen Jahres ist auf der Plattform auch die Liste der „anerkannten anderen Haftstätten“ einsehbar, die von der Stiftung EVZ im Rahmen des Auszahlungsverfahrens erarbeitet wurde. Diese umfasst über 3.800 solcher Lager, in denen die Gefangenen unter KZ-ähnlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Dieses Haftstättenverzeichnis wird in Eigenverantwortung des Bundesarchivs weitergeführt, systematisiert und mit jeweils neuen Erkenntnissen angereichert. 

In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden im Zuge der gesellschaftlichen Auseinandersetzung in Deutschland durch systematische Forschungen, wie auch durch Gedenkstättenarbeit und lokale Geschichtswerkstätten, viele Wissenslücken zur Zwangsarbeit im damaligen Deutschen Reich geschlossen. Im Verlauf der Auszahlungen wurde aber gleichfalls deutlich, dass die Forschung zur Zwangsarbeit in den während des Krieges besetzten Gebieten noch sehr lückenhaft ist. Deshalb wurden in einem Sonderprogramm der Stiftung EVZ seit 2008 dreizehn internationale Forschungsprojekte gefördert, die u.a. die Zwangsarbeit von Kindern in Polen, die damalige Situation von Roma in Transnistrien oder das Schicksal repatriierter Zwangsarbeiter in der Ukraine untersuchten. Die Forschungsergebnisse werden nun auf einer wissenschaftlichen Konferenz im November 2010 in Berlin vorgestellt und diskutiert (weitere Infos unter www.konferenz-zwangsarbeit.de). Diese wird – hoffentlich – auch weitere Forschungen in den jeweiligen Ländern anregen.

Das Thema ist in den vergangenen Jahren in mehreren Detail-Ausstellungen präsentiert worden. In der Regel behandelten die Ausstellungen bestimmte Länder (Polen, Tschechien etc.), bestimmte Regionen oder Unternehmen. Die Stiftung hat sich deshalb am Ende des Auszahlungsprozesses entschlossen, eine internationale Wanderausstellung zu initiieren und zu fördern, die das Thema umfassender behandelt. Diese von den Stiftungen Buchenwald und Dora eigenverantwortlich erstellte Ausstellung mit dem Titel „Zwangsarbeit - Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ wird am 27. September im Jüdischen Museum Berlin eröffnet. Sie wird das System der Zwangsarbeit mit den ideologischen Aspekten, den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen, den Akteuren und Profiteuren, den Lebensumständen verschiedener Opfergruppen wie auch den Umgang mit diesem Unrecht nach dem Krieg thematisieren (weitere Infos unter www.ausstellung-zwangsarbeit.org). In einem Begleitprogramm, das die Stiftung EVZ zusammen mit dem Jüdischen Museum organisiert, werden besondere Aspekte vertieft. Die Ausstellung soll im kommenden Frühjahr zunächst in Warschau und dann in weiteren Ländern zu sehen sein. Der Diskurs über die Geschichte und Folgen der Zwangsarbeit wurde bisher sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern zumeist in einem nationalen Kontext mit dem Fokus auf die Rolle und das Schicksal der eigenen Gesellschaft geführt. Die Ausstellung soll diesen Diskurs in einen internationalen Kontext stellen und Diskussionen über Ländergrenzen hinweg anregen. Damit will die Stiftung einen Beitrag leisten, diese Geschichte dauerhaft – verstanden wiederum als Systembestandteil einer rassistischen Politikkonzeption und „Kriegswirtschaft“ - in der europäischen Erinnerungskultur zu verankern.

Kontakt und Nachfragen

Martin Bock, Referent und Teamleiter

E-Mail: Bock [at] stiftung-evz [dot] de

 

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