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Kritische politische Bildung. Ein Handbuch

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Bettina Lösch / Andreas Thimmel: Kritische politische Bildung. Ein Handbuch. Schwalbach/Ts. Wochenschau Verlag (2010) 455 Seiten, 49,80 Euro.

Ingolf Seidel

Das vorliegende Handbuch hebt sich von anderen Handbüchern zur politischen Bildung dergestalt ab, dass es sich nicht allein auf die schulische Bildung konzentriert und konkrete didaktisch-methodische Frage weitgehend ausklammert. Stattdessen wollen die Herausgeber/inn/en, Bettina Lösch und Andreas Timmel die Notwendigkeit einer gesellschaftskritischen politischen Bildung herausstreichen, die sich gegen eine marktförmige Zurichtung von Bildungsangeboten stellt, die ihre Zielgruppen als „Kunden“ tituliert und sich selbst vermehrt wirtschaftlichen Effizienzkriterien unterordnet, bei denen die Evaluationen, Innovationen, Kompetenzen oder Formate (S. 21) eine zunehmend größere Rolle spielen als aufklärerisches Denken und Mündigkeit oder die Erlangung politischer Urteilsfähigkeit (S. 392f). Dazu erscheint ein kritisch-reflexiver Blick auf die didaktische und pädagogische Praxis ebenso notwendig, wie eine Reflexion der institutionellen Einbindungen von politischer Bildung und deren aktuelle Veränderungen.

Dies geschieht in vierundvierzig sehr unterschiedlichen Aufsätzen, die in vier Oberkapitel gegliedert sind. Diese sind folgendermaßen betitelt:

1. Grundlagen und Erfordernisse kritischer politischer Bildung

2. Kritische Sozialwissenschaften als theoretische Bezugspunkte

3. Reflexiver Blick auf die didaktische und pädagogische Praxis

4. Institutionelle Kontexte politischer Bildung

In einer knappen Einleitung umreißen Lösch und Timmel den Begriff der kritischen politischen Bildung, der sich von idealisierten und minimalistischen Politik- und Demokratieverständnis und die Auseinandersetzung mit „Rassismus, Geschlechterverhältnissen, sozialen Klassenverhältnissen und der Ausbeutung von Natur“ (S. 8) einschließt. Indirekt wird sich also von Konzepten eines demokratischen Verständnisses abgegrenzt, das die demokratische Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern auf den Urnengang und auf die Mitwirkung im klassischen Parteien- und Institutionengefüge begrenzen will.

Die kritische politische Bildung stellt keinen neuen utopischen Großentwurf dar. Vielmehr stehen im Handbuch recht unterschiedliche gesellschaftkritische Betrachtungsweisen, zum Teil ergänzend oder auch widersprüchlich, nebeneinander. Der Fokus liegt jedoch immer auf der Subjektorientierung (S. 303f), wie sie Albert Scher betont, auf der „Selbstbefreiung durch Selbstaufklärung“ (S. 22) und auf einer ideologiekritischen Herangehensweise. Dem liegt wie bei Alex Demirovic ein Bildungsbegriff zugrunde, der Bildung als Prozess der Aneignung kollektiver Möglichkeiten von Erkenntnis und kultureller Praktiken sieht, die den Individuen „ein neues Verhältnis zu sich und zu den sozialen Verhältnissen“ ermöglicht (S. 72). Die theoretischen Referenzpunkte reichen von der politischen Ökonomie á la Karl Marx, Hegemoniekonzepten von Gramsci (S.193ff), der Kritischen Theorie von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, und dessen Erziehung nach Auschwitz (S. 77ff) bis hin zur Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas, Michel Foucaults Gouvernementalität (S. 169ff)und den Sozioanalysen von symbolischer Herrschaft und Habitus im Anschluss an Pierre Bourdieu (S. 181ff).

Diese Bezugspunkte bieten viel Bekanntes und auf den ersten Blick mag man den Eindruck von einer gewissen Menge alten Weins in neuen, bildungspolitischen Schläuchen gewinnen. Doch bieten vertiefende Beiträge wie der von Astrid Messerschmidt wichtige und zeitgemäße Anknüpfungspunkte für praxisrelevante Diskussionen um politisch(-historische) Bildung in Einwanderungsgesellschaften und in einer zunehmend globalisierten Welt. Professorin Messerschmidt zeigt die Notwendigkeit auf, eine „doppelte Perspektive“ einzunehmen, mit der Auswirkungen kolonialer und nationalsozialistischer Welt- und Selbstbilder in den Blick genommen und unterschieden werden können“ (S. 254). Es geht also um die Vermeidung der Erzeugung von Opferkonkurrenzen, um die Auseinandersetzung sowohl mit aktuellem Antisemitismus und mit Rassismus in Bildungsprozessen, und darum, dass auch die pädagogisch Verantwortlichen – seien sie Lehrkräfte oder außerschulische Bildner/innen -ihr eigenes Involviertsein (S. 257)in Herrschaftsverhältnissen reflektieren.

An die Reflexion des eigenen Standpunktes der Didaktik knüpft auch die Ausführungen von Frank Nonnenmacher an, der betont, dass ein kritischer Politikunterricht nicht nur offene Curricula benötigt, in denen allenfalls Themen- und Problembereiche vorgegeben werden (S.461), die interdisziplinär behandelt werden sollten. Zudem sei nicht nur ein Bewusstsein über Schule als wenig demokratische Zwangsinstitution bei den Lehrkräften notwendig, sondern eine zunehmende Ausweitung demokratischer Spielräume um den Widerspruch zwischen „Demokratie lernen und leben“ und der Realität aufzulösen. Hilfreich hierzu kann eine stärkere Integration der non-formalen politischen Bildung in die schulische Politikdidaktik sein, wie sie von der Sozialpädagogik zunehmend adaptiert werden, gerade um am Alltagswissen und den, gesellschaftlich kaum anerkannten, Kompetenzen so genannter bildungsbenachteiligter Jugendlicher anzuknüpfen, wie es Mark Otterbach vorschlägt (S. 339ff).

Kritische politische Bildung wendet sich also, so könnte eine Zusammenfassung lauten, mit dem Beharren auf einem fundamentalen Demokratiebegriff gegen den aktuellen Zeitgeist, der Zurichtung des gesamten Bildungssystem auf den Markt und will die künstliche Trennung von „Theorie, Wissen, Bildung einerseits und Praxis, Erfahrung, Aktion andererseits“ (S. 8) überwinden. Diesen heterogenen Ansatz zur Diskussion zu stellen ist, trotz des hohen Anschaffungspreises, sicherlich ein Verdienst des renommierten Wochenschau Verlages, in dem der Band erschienen ist.

 

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