Empfehlung Unterrichtsmaterial

Der Geschichtscomic „Die Suche“

Julia Franz ist Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (Diplom) und derzeit Doktorandin am Fachbereich Erziehungswissenschaften/Psychologie der Freien Universität Berlin. Dissertationsprojekt: "Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit und Fremdheit bei Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund". Außerdem ist sie Mitarbeiterin im Anne Frank Zentrum.
Von Julia Franz

„De Zoektocht“ (dt.: Die Suche), gezeichnet von Eric Heuvel, wurde als didaktischer Geschichtscomic vom Anne Frank Haus (Amsterdam) entwickelt und unter anderem ins Deutsche, Französische, Polnische, Ungarische, Hebräische und Japanische übersetzt. Im März 2010 erschienen zusätzlich zur deutschen Ausgabe neu entwickelte Unterrichtsmaterialien mit Aufgaben zur Reflexion inhaltlicher Schwerpunkte im Verlag Westermann/Schroedel. Da die Materialien auf der Grundlage der praktischen Erprobung in Schulklassen entwickelt wurden, liegen bereits umfangreiche Erfahrungen und didaktische Empfehlungen vor.

Die Geschichte

„Die Suche“ ist eine fiktionale Familiengeschichte, die auf tatsächlichen Ereignissen und Schicksalen beruht und die Rollen von Opfern der Judenverfolgung, ihren Helfern, den Zuschauern und den Tätern anschaulich macht. Historische Fakten und Zusammenhänge sind in einen narrativen Rahmen eingelassen, der zwei Zeitebenen umfasst. In der Gegenwart reist Esther Hecht aus den USA zur Bar Mizwa ihres Enkels Daniel nach Amsterdam, wo sie als Kind jüdischer Emigranten gelebt hat. Sie trifft dort ihre Freundin Helena wieder, deren Vater als Polizist an der Deportation ihrer Eltern beteiligt war. Esther und Helena erzählen ihren beiden Enkeln von ihrer Freundschaft während der Besatzung der Niederlande. Sie begeben sich auf die Spuren der Familie Hecht während der Zeit des Nationalsozialismus. Esther, die alleine floh und untertauchte, kennt die Familiengeschichte jedoch nur teilweise. Eine entscheidende Rolle spielt der frühere Nachbarsjunge Bob, der den gesellschaftlichen Ausschluss als Jude nicht hinnehmen wollte und schließlich zusammen mit Esthers Eltern deportiert wurde. Für seine Großmutter Esther macht Daniel ihn in Israel ausfindig. Von Bob erfährt Esther mehr über die Razzia, die Deportation, das Elend im Konzentrationslager Auschwitz und darüber, was mit ihren Eltern geschah. Am Ende der Erzählung hat Esther schmerzhafte Gewissheit. Im Kreis ihrer Familie und Freunde beklagt sie, dass die Erinnerung an ihre Eltern in all den Jahren immer schwächer geworden ist. Helena hat das Familienfotoalbum der Hechts aufbewahrt und gibt es Esther nun zurück. So werden am Ende von Esthers Suche die Zeitebenen des Comics zusammengeführt.

Die Darstellung

„Die Suche“ folgt einem didaktischen Konzept: Die Protagonisten verkörpern die gesellschaftlichen Rollen der Opfer, Helfer, Zuschauer und Täter. Die fiktionale Erzählung vermittelt historisches Wissen über die Familiengeschichte: in Rückblenden wird die Emigration der Hechts aus Karlsruhe gezeigt, ihre neue Perspektive in den Niederlanden und wie diese durch den Einzug der Wehrmacht zunichte gemacht wurden. Zudem transportieren Zeichnungen, die auf historischen Fotografien basieren, wesentliche Aspekte wie zum Beispiel den Boykott jüdischer Geschäfte und die Auswirkungen rassistischer und antisemitischer Gesetze. Diese Bilder erinnern an bekannte Fotografien, sie setzen aber auch eigene Akzente. Leichter zugänglich als ein Text, aber weniger überwältigend als historische Fotos wird in „Die Suche“ der Mord an den europäischen Juden gezeigt. Zahlreiche Sequenzen lassen sich auch herausgelöst nutzen, um Diskussionen zu vertiefen. Die Genauigkeit der Darstellung wurde durch Beratungen eines internationalen Expertenteams sichergestellt. Zugleich verweist „Die Suche“ auf die Begrenztheit ihres Zugangs zur Vergangenheit. Dass die Ankunft in Auschwitz nicht realistisch gezeigt werden kann, zeigt ein schwarzes Panel an (Siehe Abbildung 1 in der Fotostrecke. Durch Anklicken vergrößert sich die Grafik).

Diese Leerstelle macht deutlich, dass Abbildungen sich dem Geschehenen nur annähern können und gibt Raum für Vorstellungen, Fragen und Diskussionen.

Zweifel an der Darstellung des Holocaust in Comics sind verbreitet. Kann eine Bildgeschichte dieses Thema angemessen wiedergeben, und falls ja, in welchem Stil? Gelegentlich wird der im Comic „Die Suche“ verwendete Stil Ligne Claire als zu kindlich und naiv kritisiert. In Deutschland wird Ligne Claire überwiegend mit „Tim und Struppi“ von Hergé in Verbindung gebracht. Durch die universellen Gesichtszüge der abstrakt gezeichneten Figuren lassen diese Zeichnungen eigene Interpretationen und Identifikation zu. Sie sind auf das Wesentliche reduziert, präzise Konturen und flächige Farben bestimmen Körper und Kleidung. Grausamkeit und Gewaltszenen werden in „Die Suche“ nicht direkt gezeigt. Die jugendliche Zielgruppe an die Geschichte des Holocaust heranzuführen, ohne sie zu überwältigen, ist ein Balanceakt. Durch die Vorstellung des Geschehens zwischen den Panels transportiert der Comic aber weitaus mehr als das Abgebildete. Diese Eigenschaft sequenzieller Kunst wird zum Beispiel genutzt, um Massenerschießungen darzustellen (Siehe Abbildung 2).

Die Erschießung selbst wird nicht gezeigt. Es spritzt kein Blut, die Opfer des Massenmordes werden nicht als Leichen in der Grube gezeigt, sondern im Moment vor der Tat, als Menschen, voller Schrecken, von Nahem. Vorher und nachher sind die Täter im Fokus. Dennoch ist die nicht abgebildete Tat, die Erschießung, das Thema dieser kurzen Sequenz. Durch die Abfolge der Panels wird sie gegenwärtig. Zugleich wird an diesen drei Panels deutlich, dass sie nicht nur durch einen Zeitrahmen miteinander verbunden sind. Die Sequenz thematisiert die Situation der SS-Männer, die an der Erschießung beteiligt sind, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Panels führen uns nicht nur eine zeitliche Abfolge, sondern Aspekte einer Frage vor Augen: wie konnten die Täter so etwas tun?

Aus der Frage nach dem Zeichenstil ergeben sich für die Bildungsarbeit durchaus produktive Fragen: Welcher Stil wird dem Thema Holocaust gerecht? Was soll die Darstellung auslösen? Was ist „realistisch“? Dass Stil weder richtig noch falsch sein kann, reizt zum Nachdenken über die eigenen Erwartungen.

Pilotprojekt

Bereits während der Konzeption des Comics wurden erste Entwürfe im Schulunterricht getestet. Anschließend wurden „Die Suche“ und begleitende Arbeitshefte mit Schulklassen erprobt: in den Niederlanden, in Deutschland, Ungarn und Polen. Das Berliner Anne Frank Zentrum hat 2008 ein umfangreiches Pilotprojekt in Deutschland durchgeführt. Schulklassen der siebten bis zur zehnten Jahrgangsstufe erarbeiteten sich mit den Materialien ein Verständnis der Handlungsspielräume von Verfolgten, Tätern, Helfern und Zuschauern. Dabei zeigte sich, dass sich „Die Suche“ auf unterschiedliche Weise nutzen lässt: als Einstieg in die Thematik, als Ergänzung zum Geschichtsbuch, zur Vertiefung und Reflexion des Umgangs mit der Vergangenheit. Außerdem hat sich der didaktische Fokus auf gesellschaftliche Rollen und Dilemmasituationen für verschiedene Schularten und Level als geeignet erwiesen. In den Befragungen und Beobachtungen der Schulklassen, die das neue Material erprobt haben, wurde aber auch deutlich, dass insbesondere die Auseinandersetzung mit Tätern und Zuschauern didaktisch unterstützt werden muss. Wenig überraschend fällt die Urteilsbildung oft schwer, geht es doch für viele auch um die eigenen Groß- und Urgroßeltern.

„Die Suche“ kam bei den meisten Schülerinnen und Schülern sehr gut an (Siehe Abbildung 3).

Die Unterrichtsmaterialien

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse wurden die Unterrichtsmaterialien in Zusammenarbeit mit dem Bildungshaus Schulbuchverlage Westermann Schroedel entwickelt. Orientiert an der 9. Jahrgangsstufe, teils mit Binnendifferenzierung, liegen Arbeitsblätter zu acht verschiedenen Schwerpunkten vor: Comic als Medium, die Frage nach Fiktionalität und historischer Wirklichkeit, die Rollen von Opfern, Helfern, Zuschauern und Tätern, Holocaust im Comic und Formen der Erinnerung heute. Zu jedem Schwerpunkt gibt es verschiedene Arbeitsblätter, so dass die Materialien flexibel einsetzbar sind (Siehe Abbildung 4).

Zwar erschließt sich vieles auch intuitiv: die Darstellung zeitlicher Abläufe, parallele Ereignisse, Perspektivwechsel etc. Um Medienkompetenz und die piktorale Lesefähigkeit auszubilden, bedarf es jedoch einer Reflexion des Mediums und seiner Erzählweise.

Die Fähigkeit, Darstellungen zu hinterfragen, ist eine wesentliche Voraussetzung für einen kritischen, reflektierenden Umgang mit Geschichte. Dadurch lassen sich die Widersprüchlichkeit unterschiedlicher Perspektiven und die Komplexität des historischen Geschehens nachvollziehen. Geschichtscomics haben ein besonderes Potenzial: sie werfen Fragen auf, ob die Darstellung angemessen ist, was überhaupt darstellbar ist und aus welcher Perspektive Geschichte erzählt wird. Das daraus entstehende Nachdenken über Ansprüche wie Objektivität und Authentizität lässt sich dann auch auf Filme, Fotos und andere Darstellungen übertragen. So werden zum Beispiel auf einem Arbeitsblatt Comiczeichnung und Fotografie vom Fackelzug der SA 1933 durch das Brandenburger Tor gegenübergestellt (Siehe Abbildung 5).

Der Vergleich zeigt die Intention des Zeichners, der durch eine Änderung der Perspektive die Gesichter der SA-Männer zeigt und einen Kommentator hinzufügt: er weist damit auf die Inszenierung hin, an der sich die SA-Männer aktiv beteiligen. Damit entsteht ein Kontrast zum Foto, dessen Komposition erkennbar Propagandazwecken dient. Die bekannte Tatsache, dass es sich um einen Ausschnitt aus einem Film der Nationalsozialisten handelt, für den der Fackelzug durch das Brandenburger Tor nachträglich nachgestellt wurde, verhindert nicht, dass das Foto unmittelbar mit dem historischen Ereignis am 30. Januar 1933 identifiziert wird. Hier entsteht durch die Verfremdung in der Zeichnung eine kritische Distanz zur Repräsentation des Ereignisses. Jugendliche können auf diese Weise eine Sensibilität für das Problem entwickeln, dass die meisten Bilder aus der NS-Zeit aus der Täterperspektive entstanden sind, die sich so bis heute fortsetzt.

Um Schülerinnen und Schüler in der Bildung eines eigenen, kritischen Urteils zu unterstützen, bieten die Aufgaben einen empathischen Zugang zu Menschen in Entscheidungssituationen. Bei der Erprobung des Comics zeigte sich, dass diese Auseinandersetzung gelang, wenn die Jugendlichen sie mit ihren Erfahrungen verknüpfen konnten. In einer schwierigen Situation eine Entscheidung zu treffen, die Folgen abzuwägen, die das Handeln für einen selbst und für andere hat, über persönliche Verantwortlichkeit nachdenken: auf diese Weise können Bezüge zur Lebenswelt hergestellt werden. Der historische Kontext wird dadurch nicht nivelliert, sondern erst tiefer, nämlich unter Anwendung ethischer Kategorien erfasst (Siehe Abbildung 6).

Die Materialien greifen die Frage nach der angemessenen Darstellung mit diversen Methoden auf, um Medienkompetenz zu fördern. Die Beobachtung, dass Schülerinnen und Schüler gern die Rolle der Experten für Lernprozesse einnehmen und über ihre eigene Auseinandersetzung reflektieren, hat mehrere Aufgabenstellungen beeinflusst. So wird in einer Gruppendiskussion auf der Grundlage eines „Placemat“ (Siehe. Abbildung 7) nach Empfehlungen für Lehrkräfte gefragt:

„Die Suche“ und die begleitenden Materialien für Lehrerinnen und Lehrer sind zu bestellen über den Westermann Schulbuchverlag sowie das Anne Frank Zentrum.

 

 

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