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Ausstellung „Wissenschaft – Planung – Vertreibung“

Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten

Von Markus Nesselrodt

Die Ausstellung „Wissenschaft – Planung – Vertreibung“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) stellt die enge Verbindung akademischer Forschung, rationaler Planung und Forschungsförderung im Dienste der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik dar. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Geschichte der DFG entstand diese, im September 2006 eröffnete, Wanderausstellung zum „Generalplan Ost“.

Der „Generalplan Ost“ vom Mai 1942 sah vor, Millionen von Menschen aus dem besetzten Polen und der Sowjetunion zu vertreiben. An ihre Stelle sollten Deutsche und „Volksdeutsche“ treten. Lediglich einige Tausend Menschen – so die Planung – sollten bleiben, um Zwangsarbeit für das nationalsozialistische Deutschland zu verrichten. Die Ausstellung zeigt, wie der Plan in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Experten entstand.

Die Ausstellung ist in drei thematische Einheiten aufgeteilt. Zunächst wird die Vorgeschichte des „Generalplan Ost“ und die Rolle der Wissenschaft beleuchtet. Danach werden die Planungen für eine ethnische Neuordnung Osteuropas während des Zweiten Weltkrieges vorgestellt. Im dritten Teil wird schließlich ein Blick auf Umsiedlung, Vertreibung und Völkermord von 1939 bis 1945 geworfen.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist die Frage nach Kontinuitätslinien vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis in den Nationalsozialismus. Der im Jahre 1920 gegründete Vorläufer der DFG, die „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“, beteiligte sich früh und dezidiert am wissenschaftlichen Nachweis für die angebliche Unrechtmäßigkeit des Versailler Vertrages. Besonders den Geistes- und Sozialwissenschaften wurde die Aufgabe übertragen, die historische, geographische, rechtliche und ökonomische Zugehörigkeit der abgetretenen Territorien zum Deutschen Reich herauszustellen. Mit finanzieller Hilfe der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ wurden bereits vor der Zeit des Nationalsozialismus „rassenkundliche“ Forschungen gefördert und zahlreiche Arbeiten zum „Grenz- und Auslandsdeutschtum“ verfasst. Die Eingliederung in die neuen Machtverhältnisse nach dem 30. Januar 1933 fiel deshalb großen Teilen der 1929 umbenannten "Deutschen Gemeinschaft zur Erhaltung und Förderung der Forschung" leicht.

Bei der Erstellung des „Generalplan Ost“ lieferten Wissenschaftler den NS-Planern mit finanzieller Förderung der Forschungsgemeinschaft Detailkenntnisse aus den Bereichen der Agrar- und Raumforschung, Soziologie, Geographie, Geschichte und „Rassenforschung“. Exemplarisch für viele Andere widmet sich die Ausstellung ausführlich der Schlüsselfigur der deutschen Ostraum- und Germanisierungsplanungen: dem Umsiedlungsplaner Konrad Meyer.

Der Berliner Agrarwissenschaftler Meyer trat 1933 in die SS ein und beschäftigte sich früh mit den ideologischen Grundlagen des „schwarzen Ordens“ (in Anlehnung an die Farbe der SS-Uniformen). Bis 1939 gelang es ihm selbst, diverse Schaltstellen in der deutschen Forschungslandschaft zu besetzen. In seiner Funktion als Leiter der Planungsabteilung des „Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums“ wirkte er entscheidend an der Vertreibung von Millionen von Menschen mit. Andere Wissenschaftler erstellten Gutachten, boten sich als Experten an oder leisteten Grundlagenforschung für die nationalsozialistische Ost-Politik. Die Ausstellung macht sichtbar, dass die massenhafte Vertreibung und Deportation der einheimischen Bevölkerung nur durch die Zuarbeit zahlreicher Wissenschaftler möglich war. Ferner wird deutlich, wie die ungeheuren Umsiedlungspläne zur Radikalisierung der Judenpolitik und schließlich zur Shoah beitrugen.

Nach dem Krieg gelang es vielen der beteiligten Wissenschaftler, erneut Positionen in Wissenschaft und Forschung zu bekleiden. Der „Generalplan Ost“ wurde dabei in seiner Bedeutung lange relativiert. Eine Festschrift der Akademie für Raumforschung und Landesplanung besagte noch im Jahre 1960: „In Wahrheit haben weder Raumordnung noch Raumforschung mit dem Nationalsozialismus auch nur das geringste zu tun.“ Es ist ein Verdienst dieser Ausstellung zu zeigen, dass dem nicht so war.

Die Ausstellung ist als nächstes in der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vom 02.06. bis 30.07.2010 zu sehen. Dort können Sie auch den kostenlosen Katalog zur Ausstellung erhalten.

Kontakt bei Fragen zur Ausstellung

Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Bettina Schneider, E-Mail: bettina [dot] schneider [at] dfg [dot] de, Tel.: 02228 885-2140

Mehr zum Generalplan Ost lesen Sie im Beitrag von Christoph Kamissek.

Auf den Seiten der DFG können Sie die Ausstellung online „besuchen“.

 

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