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„Rasse“ und „Raum“

Christoph Kamissek, Studium Neuere und Neueste Geschichte, Philosophie und Völkerrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin. Derzeit DAAD-Stipendiat und Doktorand am Europäischen Hochschulinstitut Florenz mit einem Promotionsprojekt zum Thema Militär und Globalisierung im deutschen Kaiserreich.
Von Christoph Kamissek

Wie würde Europa heute aussehen, wenn die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Der britische Schriftsteller Robert Harris zeichnet in seinem 1992 erschienenen Roman „Fatherland“, einer literarischen Bearbeitung dieser Phantasie, die Alptraumversion eines bis zum Ural eroberten Kontinents unter deutscher Herrschaft im Jahre 1964. Die jüdische Bevölkerung wurde vollständig ausgerottet, das Dritte Reich ist im Besitz von Atomwaffen und befindet sich mittlerweile in einem „Kalten Krieg“ mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

Was bei Harris wie die überspitzte und unwahrscheinliche Antwort auf eine nicht ganz erst gemeinte „Was wäre wenn“-Frage klingt, sollte für deutsche Bevölkerungswissenschaftler und Raumplaner nach dem „Endsieg“ in Ost- und Ostmitteleuropa brutale Realität werden. Nach der raschen Eroberung Polens, dessen westlich gelegene Landesteile als „Reichsgaue“ Danzig-Westpreußen und Wartheland 1939 dem Reich einverleibt wurden, entwickelten Stellen im Umkreis des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler weitreichende Vorhaben zur Besiedlung des Landes und zur Deportation der einheimischen Bevölkerung.

Die Planungshauptabteilung beim „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ (RKFdV), als welcher Himmler seit dem 7. Oktober 1939 in Personalunion fungierte, legte im April/Mai 1940 „Planungsgrundlagen für den Aufbau der Ostgebiete“ vor. Angestrebt wurde die Abschiebung von 3,4 Millionen polnischen Bürgern aus den annektierten Gebieten als Voraussetzung für die „Festigung des deutschen Volkstums und die endgültige Gewinnung des durch das Schwert gewonnenen Bodens“. Im Gegenzug sollte eine entsprechende Anzahl deutscher Kolonisten hier angesiedelt werden, um einen „Wall deutschen Volkstums in Gestalt eines tief gestaffelten Gürtels germanischer Bauernhöfe“ zu errichten.

„Rasse“ und „Raum“, diese beiden Vorstellungen waren entscheidend für die bevölkerungspolitischen Zukunftsplanungen der Nationalsozialisten. Die neu eroberten Gebiete boten die Grundlage für den ersehnten „Lebensraum“, den das angeblich eingeengte deutsche Volk seit langem so dringend zu benötigen schien. Hier sollte der „Bevölkerungsüberschuss“ angesiedelt und das deutsche „Volkstum“ in einer vorgeblich natürlichen und „gesunden“ bäuerlichen Lebensweise vor dem „rassischen“ Niedergang gerettet werden. Die nicht-deutschen Einwohner der dafür benötigten riesigen Territorien mussten diesen Zielen weichen, allenfalls einer kleinen Minderheit wurde die Aussicht auf eine „Germanisierung“ gegeben. Für den Rest war die Abschiebung nach Osten oder ein Dasein als zwangsarbeitende „Heloten“ für die deutsche „Herrenrasse“ vorgesehen.

Mit dem erfolgreichen Verlauf des Krieges gegen Frankreich und vor allem in Erwartung eines raschen Sieges nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 rückten diese Pläne nicht nur in den Bereich des scheinbar tatsächlich Möglichen. Ihre Reichweite wurde im Höhenrausch des Triumphes ins Phantastische gesteigert, die vorgesehenen Methoden zu ihrer Durchführung drastisch radikalisiert.

Ein weiteres Konzept, das in der zweiten Hälfte des Jahres 1941 im Zusammenspiel von RKFdV und dem von Reinhard Heydrich geleiteten Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) entstand und nun auch den Titel „Generalplan Ost“ (GPO) trug, sah die Verschiebung der deutschen „Volkstumsgrenze“ um 1000 Kilometer nach Osten vor. Nun sollten auch die baltischen Staaten, Weißrußland, Teile der Ukraine, die Region um Leningrad und die Krim in die Siedlungspläne einbezogen werden. Der innerhalb von 30 Jahren vorgesehenen Einwanderung von etwa 10 Millionen Deutschen stand die Vertreibung von 31 Millionen „Fremdvölkischen“ gegenüber, 14 Millionen sollten in den besetzten Gebieten als Zwangsarbeiter verbleiben.

Der weitere Kriegsverlauf, insbesondere nach der deutschen Niederlage vor Stalingrad 1942/43, machte die baldige Realisierung dieses gewaltigen und mörderischen Vorhabens zwar immer unwahrscheinlicher. Entgegen späterer Schutzbehauptungen der an der Ausarbeitung beteiligten Wissenschaftler blieb der Plan aber nicht folgenlos. Bereits frühzeitig begannen die deutschen Behörden in Übereinstimmung mit den Zielvorgaben des GPO mit der „Aussiedlung“ der polnischen Bevölkerung aus den annektierten Gebieten, später im November 1942 auch aus dem unter deutscher Besatzungsverwaltung stehenden sogenannten „Generalgouvernement“ im östlichen Polen.

Die hier angewandte äußerste Brutalität machte deutlich, dass die zur Deportation vorgesehenen Menschen nicht nur umgesiedelt, sondern gleichzeitig auch durch Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit deutlich dezimiert werden sollten. Das Kalkül, Teile der Bevölkerung der eroberten Gebiete bereits im Verlauf des Krieges durch eine gezielte Hungerstrategie zu vernichten, bestimmte auch die Pläne für den Krieg gegen die Sowjetunion. „Zig Millionen Menschen“, so sahen es Wirtschaftsexperten der Wehrmacht vor, sollten hier verhungern, damit die deutschen Truppen aus dem Land ernährt werden konnten.

Ebenso wurden bereits während des Krieges Anläufe zur Ansiedlung deutscher Kolonisten im Baltikum und in Polen unternommen, die allerdings weit hinter den Zielvorstellungen der völkischen Raumplaner zurückblieben. Schon die Unterbringung relativ geringer Zahlen von „Umsiedlern“ erforderte die vorhergehende Vertreibung der ansässigen Bevölkerung, die eigentlich erst für die Zeit nach einem erfolgreichen „Endsieg“ vorgesehen war. An dieser Stelle berührten sich die Siedlungspläne auch mit der Vernichtung der europäischen Juden.

Die selbstgeschaffenen Zwänge und praktischen Probleme, die sich aus der Versorgung von Millionen entwurzelter Menschen unter Kriegsbedingungen ergaben, spornten die deutschen Besatzer zu immer radikaleren „Lösungen“ an. Die bevölkerungspolitischen Vorhaben trugen zu der Entscheidung bei, die inzwischen weitgehend in Ghettos zusammengepferchte jüdische Bevölkerung nicht mehr – wie ursprünglich noch vorgesehen – in weitere Umsiedlungen einzubeziehen, sondern an Ort und Stelle zu ermorden. Als das „Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“ im April 1942 ausführlich zur ersten Version des GPO Stellung nahm, merkte der begutachtende Beamte an, die vom RSHA zugrundegelegten Bevölkerungszahlen seien nur zutreffend, wenn davon ausgegangen werde, „daß die etwa 5 bis 6 Mill. Juden, die in diesem Raume wohnen, schon vor der Evakuierung beseitigt sind“.

Sowohl die „Tragweite seiner Zielsetzungen als auch die Radikalität der Mittel, mit denen diese Ziele erreicht werden sollten“ lassen den „Generalplan Ost“ in der Tat als „historisch einmalig“ erscheinen (Czesław Madajczyk). Trotz oder gerade wegen seiner Monstrosität lohnt es aber nach den Vorläuferprojekten und Denktraditionen zu fragen, welche die Entwicklung eines derart gigantischen und skrupellosen Vorhabens erst ermöglicht haben.

Bereits Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass die Rasse- und Raumphantasien der Nationalsozialisten ohne das Erbe des europäischen Kolonialismus nicht zu verstehen sind. Tatsächlich sprachen manche SS-Planer davon, ein „deutsches Indien“ in Osteuropa errichten zu wollen. Auch die Vernichtung indigener Bevölkerungen war der überseeischen Expansion nicht fremd, allerdings in der Regel eher als Nebenfolge der Eroberung durch die Einschleppung von Krankheiten oder die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen.

Allerdings mussten die Nationalsozialisten koloniale Herrschaftsmethoden nicht erst nach Europa zurückbringen. Wenn Heydrich im Oktober 1941 davon sprach, es gelte in den „Osträumen der alte Kolonisationsgedanke, der aber im Gegensatz zur früheren Kolonisation der Ordensritter und baltischen Barone den Gedanken hat, daß die Kolonisation von uns getragen wird, vom Blut“, dann stellte er das Projekte einer „ethnischen Flurbereinigung“ in Osteuropa in die Tradition der mittelalterlichen Ostsiedlung. Er markierte aber zugleich auch die Unterschiede zu diesem Erbe: das Fehlen jeglichen zivilisatorischen Ehrgeizes gegenüber fremden Völkern und den biologischen Rassismus, der unterschwellig bereits die Bereitschaft zum Massenmord enthielt. Diese Besonderheiten trennen den „Generalplan Ost“ auch von jüngeren Vorgängerprojekten, wie etwa den Planungen der kaiserlich-deutschen Armee im Ersten Weltkrieg, einen „polnischen Grenzstreifen“ zur militärischen Sicherung gegenüber Russland anzulegen, für den ebenfalls großräumige Umsiedlungen vorgesehen waren.

Entscheidend für die Radikalität, mit der Hitler und seine Rassekrieger eine „neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse“ in Europa anstrebten, war neben diesen Traditionen die Dynamik des Krieges selbst. Dieser eröffnete aus Sicht der Täter ungeahnte praktische Möglichkeiten, setzte gewöhnliche Moralvorstellungen außer Kraft und führte zu immer umfassenderen planerischen Höhenflügen. In späteren Versionen des GPO, der nun zu einem „Generalsiedlungsplan“ erweitert werden sollte, forderte Himmler 1942 die „Zusammenfassung der früheren Pläne […] in groben Strichen auch schon für Böhmen und Mähren, sowie miterwähnt [sic] Elsaß-Lothringen, Oberkrain und Süd-Steiermark“ sowie die „totale Eindeutschung von Estland und Lettland sowie des gesamten Generalgouvernements“. Die Verwirklichung dieser Forderungen hätte noch weit mehr Opfer gefordert, als am Ende des Krieges 1945 zu beklagen waren. Das Gesicht Europas wäre heute ein furchtbar anderes.

 

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Zur Diskussion: Raum und Rasse / Generalplan Ost: von Christoph

Sehr geehrter Herr Kamissek,

herzlichen Dank für Ihren interessanten Artikel!

1. Ich danke für folgende drei wichtige, zutreffende Kernaussagen:
1.1. – Sie nennen zutreffend den Grundrahmen, die Zielstellung der ns-Ostsiedlung und die vorgesehene Germanisierung bis zum Uralgebirge.
1.2. Sie nennen zutreffend die vorsätzliche Hungerstrategie von zig Millionen Hungertoten als nüchterne Friedensplanung direkt vor dem Überfall auf die Sowjetunion;
1.3: Sie bennennen mit der geplanten Behandlung der normalen, nichtjüdischen Bevölkerung endlich auch einmal den Kerninhalt des Generalplan Ost. Danke!

2. Daneben ergeben sich für mich weitere Fragen an den Völkerrechtler und Historiker:

2.1: Handelt es sich beim Generalplan Ost eigentlich um „Völkermord aus niederen Beweggründen“ oder „mit besonderer Schwere“? Mehrere Völker und Nationen sollten qualitativ wie quantitativ vollständig zerschlagen werden. Nachdem im Mai 2002 die kleine Berliner Agrarfakultät den GPO als „schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilte und der Leipziger Kommentar zu § 220a StGB (Völkermord) den Tatbestand schon recht früh gegeben sieht, hätte ich von Ihnen als Völkerrechtler eigentlich einmal eine Bestätigung in diese Richtung und Spezifizierung erwartet.

2.2: Wann endlich, Herr Kamissek, stellt sich die deutsche Geschichtswissenschaft, stellen sich die Kollegen Ihrer Zunft der Existenz des 100-seitigen, vollständigen Generalplan Ost der Berliner Universität vom Mai 1942 und geben eine deutschsprachige Einführung und Kommentierung ab? Seine Exzellenz, der Botschafter der Slowakischen Republik, schrieb uns vor sechs Jahren: „Schon beim flüchtigen Überblättern werden einem die ungeheuerlichen Ausmaße dieser Pläne bewußt (...). Die Öffentlichkeit hat das Recht darauf, die Details dieser ungeheueren Pläne zu erfahren, die Pflicht der Beteiligten ist es deshalb, diese Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ (http://gplanost.x-berg.de/embslowakei.htm ). Leider sinieren Sie ausschliesslich über die zu 90 Prozent verschollenen SS-Fassungen des Generalplan Ost und verweigern sehr nachhaltig die Benennung zahlreicher Bezüge zur deutschen Wissenschaft, z.B. der Einsatz von 10.000 deutschen und österreichischen Studierenden bei der Germanisierung in Polen im Rahmen des studentischen „Facheinsatzes Ost“. Wie stehen Sie, Herr Kamissek, zu den nunmehr 19 Jahre anhaltenden Quellen- und Datenfalschangaben bei Zitaten aus dem universitären Generalplan Ost, dessen Inhalt einfach unzutreffend und dreist einem SS-Hauptamt zugeschoben wird, siehe http://gplanost.x-berg.de/unigpo28051942ausstkat91.htm mit neuem Datum und in SS-Trägerschaft, bei/durch Prof. Dr. R. Rürup als TU-Historiker und langjährigem wissenschaftl. Direktor einer wichtigen Berliner Gedenkstätte; Originalansicht des Zitates nach Bundesarchiv Seite 94 hier: http://gplanost.x-berg.de/86unigpo.htm , Originalbriefkopf: http://gplanost.x-berg.de/Bilder/brief1.jpg ?
Bei aller Kontextualisierung und Herumgesäusel über SS und Wehrmacht kann ich mich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Sie ebenso elegant (für Aussenstehende kaum erkennbar) und konsequent die Vertuschung der Rolle der Wissenschaft in der Zeit des NS fortsetzen und eine Offenlegung oder gar Diskussion dabei radikal vermeiden wie der oben genannte Berliner Obervertuscher und leider auch die Majorität der deutschnationalen Akademiker.

2.3 Wunderbare Stichworte kaum mit Leben gefüllt (Zielstellungen, Vorläuferprojekte, DENKTRADITIONEN; Mentalitäten und Geistesgeschichte):

- Angesichts dieser schönen Stichworte und der von NS-Zwangsarbeitern als essentiell erachteten moralischen Genugtuung durch die wahrhaftige Benennung der Sachverhalte und Grundbedingungen von Okkupation und Ausbeutung durch Sklavenarbeit verwundert mich, dass Sie die Geistesgeschichte der NS-Zwangsarbeit unerwähnt lassen (der Uni-GPO sah an acht Stellen bereits „kolonnenweisen Einsatz von fremdvölkischen Arbeitskräften“ vor und Kalluluierte acht Milliarden Stunden Zwangsarbeit fest ein! Kann ns-Zwangsarbeit eventuell als Beiprodukt der radikalgenozidalen Raum- und Siedungsplanung des GPO angesehen werden?

- Beitrag der NS-Zwangsarbeiter zum Modernisierungsschub der deutschen Industrieanlagen als Basis des Wirtschaftswunders nach dem Krieg in Westdeutschland; leider habe ich dazu weder bei Ihnen noch sonst je bisher im Portal (unregelmässiger Besuch) je eine Aussage gefunden. Im Gegensatz zu Verkehrsanlagen und Wohnraum blieb die Masse der deutschen Industrieanlagen auch durch kriegsbedingte Verlagerung unter die Erde von Bombenschäden verschont und stellte die nüchterne, sehr günstige Ausgangslage für das westdeutsche „Wirtschaftswunder“ der 50er und 60er Jahre dar. In der deutschen Geschichtsschreibung dominiert an dieser Stelle leider die schnelle Würdigung des Fleisses des deutschen Arbeiters in konsequenter Ignoranz (bes. bis zum Jahr 1999/2000) der Wertschöpfungen und Leistungen von Kriegsgefangenen, Sklavenarbeitern und NS-Zwangsarbeitern/innen.

- Rolle der Raum- und Siedlungsplanung bei der wissenschaftlichen Begründung der Raumnot des deutschen Volkes: In den Materialien „Siedlung“ vom Dez. 1940 legte Prof. Dr. Konrad Meyer in radikalem ns-Nihilismus und Pessimismus nieder, dass - rein rechnerisch betrachtet - auch das Generalgouvernement nicht für die deutschen Siedlungsansprüche und landwirtschaftliche Lebensgrundlage und Autarkie Deutschlands ausreiche [Vorgang "Landbedarf für die notwendige Aussiedlung aus dem Altreich. RKF, Berlin-Dahlem, 3.12.1940: http://gplanost.x-berg.de/matsiedlgrkf12_1940.htm]. Dieser komische Urpessimusmus mit dem Unwillen, der Unfähigkeit zu lernen, sich zu verändern und Strukturanpassungen vorzunehmen ist extrem belastend für den sozialen Frieden jeder Gesellschaft und gehört aufgearbeitet, auch von Historikern.

Schwere Ignoranz und Verwirrung
Vor der Fortsetzung einer Diskussion hielte es es auch für wünschenswert, wenn Sie einmal den GPO der Berliner Universität auch lesen, welcher sogar ein Link auf der Projekthomepage Lernen-aus-der-Geschichte hat. Es ist unerfreulich, unerklärlich und vielleicht sogar eine Mißachtung der Opferperspektive, dass Sie trotz des Einsatzes von sechs Millionen Euro zur offiziellen DFG-Aufarbeitung des Generalplan Ost auch für Historiker an der TU und der Humboldt-Uni die Grundaussagen der vier Vollversionen des Berliner Generalplan Ost ignorant durcheinanderwirben und immer noch nicht zur Kenntnis genommen haben, dass der in Relikten vorhandene Generalsiedlungsplan vom Okt./Dez. 1942 einen deutlich geringeren Raumanspruch hatte als der Plan der Universität vom Mai 1942.

In Hoffnung auf mehr Pluralismus bei der Quellenauswahl zukünftiger Artikel, mehr Mut zur akademischen Selbstkritik und mehr Internationalität in der gespiegelten Meinungsvielfalt

dankt und grüsst

Matthias Burchard
Projektkoordinator

Verein zur Voelkerverstaendigung mit Mittel-, Sued- und Osteuropa e.V./
Общество поддержки взаимопонимания народов между Средней, Южной и Восточной Европы
Towarzystwo Pojednania między Narodami w Europie Środkowej, Południowej i Wschodniej
Association for the Promotion of Understanding with the People of
Middle, Southern and Eastern Europe

Email:-Adresse: gplanost(at)berlin.de
Web: http://gplanost.x-berg.de

Antwort von Christoph Kamissek an Herrn Burchard

Sehr geehrter Herr Burchard,

herzlichen Dank für Ihr Interesse an meinem Beitrag zum "Generalplan Ost" und die von Ihnen aufgeworfenen Fragen. Besonders freut mich Ihre Zustimmung zu den o.g. Kernaussagen und dass Sie diese im Ganzen für zutreffend halten. Wenn diese Inhalte durch meine Zusammenfassung des Diskussionsstandes einigermaßen deutlich hervorgetreten sind, hat der Text seinen Zweck als Einführung und Anregung zu einer weiteren vertiefenden Beschäftigung mit dem Thema schon erfüllt.

Danke auch für Ihre kritischen Kommentaren, wobei ich generell anmerken darf, dass bei der kurzen und pointierten Zusammenfassung eines derart komplexen und sich über Jahre entwickelnden historischen Diskussionszusammenhanges wie des "Generalplans Ost" auf wenigen Seiten Schwerpunktsetzungen und Auslassungen bzw. Verkürzungen unvermeidbar sind. Zu meinem Bedauern sind diese von Ihnen teilweise als bewußte Unterschlagungen oder gar "Vertuschungen" gedeutet worden, ein Vorwurf, den ich meinerseits allerdings entschieden zurückweisen muss. Ich denke, Ihre Unterstellung eines immer noch bestehenden "Schweigekartells" in den Reihen der an den nationalsozialistischen Planungen und Verbrechen beteiligten Wissenschaften oder Institutionen ist nicht (mehr) zutreffend. Sie weisen in Ihren Anmerkungen selbst auf die mittlerweile umfangreichen kritischen Forschungen und auch Ausstellungen zur Geschichte etwa der DFG oder auch der Humboldt-Universität im Nationalsozialismus hin, die diese lange bestehende Lücke inzwischen schließen. Ich denke, es tut der Diskussionskultur gut, diese Anstrengungen zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen und von persönlichen und fachlichen Vorwürfen wie "Ignoranz" oder auch der Unterstellung politischer Absichten im Interesse einer sachgerechten Auseinandersetzung mit einem derart wichtigen Thema Abstand zu nehmen.

Zu den von Ihnen aufgeworfenen Einzelfragen:
.
Sie finden in meinem Beitrag den Begriff "Völkermord" in der Tat nicht explizit verwendet. Dies ist ausschließlich meiner - offensichtlich voreiligen - Annahme geschuldet, dass die moralische und auch rechtliche Schwere der hier dargestellten Planungen ganz eindeutig die Einstufung als Genozid im Sinne der Völkermord-Konvention der Vereinten Nationen rechtfertigt und ich der Ansicht war, dass auf diesen Umstand nicht eigens hingewiesen werden muss. Dies ist meines Wissens auch nie bestritten worden oder müßte heute noch geklärt und richtiggestellt werden. Zu berücksichtigen ist natürlich, dass die hier angeführten Zusammenhänge weitgehend im Planungstadium geblieben sind, diese im Falle ihrer Durchführung aber eindeutig als genozidal zu qualifizieren gewesen wären.

Zu Ihrer Begriffsverwendung noch der Hinweis, dass aus rechtlicher Perspektive ein Völkermord als rassistisch motiviertes Verbrechen immer "aus niederen Beweggründen" geschieht und daher die von Ihnen angeführten Begriffsverbindungen eigentlich Doppelungen sind, die in Rechtsprechung und juristischer Literatur so nicht gebraucht werden. Auch darf ich auf die Differenz zwischen dem allgemeineren Tatbestand des "Verbrechens gegen die Menschheit" ("Menschlichkeit", wie in deutschen Übersetzungen häufig angegeben, ist eigentlich ein irreführender Begriff; die Verbrechen sind nicht deshalb besonders verdammungswürdig, weil sie natürlich "unmenschlich" sind, sondern weil sie sich gegen die "Menschheit" als solche richten, daher auch "Menschheitsverbrechen" und nicht "Menschlichkeitsverbrechen") und dem spezielleren des "Völkermords" oder "Genozids" hinweisen. Gerade im Sinne der von Ihnen angemahnten Opferperspektive sollten von den Nationalsozialisten geprägte reichlich euphemistische Begriffe wie "Zerschlagung" hier aber unbedingt vermieden oder als solche gekennzeichnet werden, wo es sich um die massenhafte Ermordung von Menschen handelt.

Wie gesagt halte ich die von Ihnen angeführte Dringlichkeit, mit der sich die Geschichtswissenschaft der wissenschaftlichen Beteiligung an diesen oder anderen Planungen und ideellen oder praktischen Vorbereitungen von NS-Verbrechen stellen soll, für nicht mehr gegeben. Inzwischen existiert umfangreiche kritische Literatur, etwa zur sogenannten "Ostforschung" oder eben auch dem "Generalplan Ost" und der Verstrickung von zahlreichen Wissenschaftlern in diesen, die meines Wissens von keinem/er seriösen Historiker/in bestritten wird. Diese Forschungsergebnisse sind durchaus, wie etwa im Rahmen der Ausstellung "Wissenschaft, Planung, Vertreibung", auch öffentlich präsentiert worden. Die Auslassung dieser Beteiligung im vorliegenden Text ist keiner von Ihnen unterstellten "Verweigerung" geschuldet, sondern schlicht der Kürze des im Rahmen eines solchen Textes zur Verfügung stehenden Raumes, für die ich um Verständnis bitten muss.

Die von Ihnen eingeführte strikte Trennung zwischen dem "universitären Generalplan Ost" und den Planungen in den Stäben der SS halte ich angesichts der personellen und inhaltlichen Verschränkung dieser Konzeptionen, die sich etwa an den Mehrfachmitgliedschaften von Konrad Meyer sowohl in wissenschaftlichen wie auch in Parteiinstitutionen unschwer ablesen lässt, eher für irreführend (Meyer war eben zugleich SS-Oberführer, Professor für Agrarwissenschaft, Leiter der Planungsabteilung im Stabshauptamt des RKF usw.). Wir haben es hier mit Planungen zu tun, die von Wissenschaftlern durchaus engagiert und überzeugt, aber eben auch im Auftrag von politischen Einrichtungen durchgeführt worden sind. Daher erfolgt hier auch keine "unzutreffende" oder "dreiste Zuschiebung" an SS und Wehrmacht, sondern nur eine Andeutung dieser Wechselbeziehung. Auf die Beteiligung dieser Institutionen hinzuweisen ist daher keinesfalls "Gesäusel". Ich lese in Ihren Anmerkungen im Gegenteil leider eine Tendenz, in sicher berechtigter Empörung über die unrühmliche und ohne Frage eminent wichtige Rolle der Wissenschaft, die Bedeutung dieser Einrichtungen als Initiatoren und Vollstrecker der Vertreibungspolitik etwas herabzuspielen. Erkennt man diese Verschränkung an, so tritt auch die von Ihnen angesprochene und offenbar für äußerst dringlich gehaltene Frage der Datierung einzelner Planentwürfe m.E. etwas in den Hintergrund, obwohl Genauigkeit hier natürlich geboten ist.

Die erhaltenen Texte der verschiedenen Planversionen sind darüber hinaus durchaus in kritischen wissenschaftlichen Editionen zugänglich, denen im Text gefolgt wurde. Ebenso existieren natürlich deutschsprachige Einführungen und Kommentierungen (s.u.). Die Varianten sind in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen auch benannt worden und sollten nicht "durcheinandergewirbelt", sondern in ihrem inneren Zusammenhang dargestellt werden. Dass in Meyers Vorschlägen vom Mai/Juni 1942 (dem von Ihnen offenbar sogenannten "universitären" GPO) ein geringerer Raumumfang bzw. eine geringere Intensität der Siedlungs- und Vertreibungsvorhaben vorgesehen war, ist von Heinrich Himmler seinerzeit kritisiert worden und sollte in der Überarbeitung zum "Generalsiedlungsplan", aus dem im Text auch zitiert wird, behoben werden (Schreiben des Reichsführers-SS an Ulrich Greifelt/Stabshauptamt RKF v. 12. Juni 1942; zusammen mit Meyers GPO abgedruckt bei Czeslaw Madajczyk (Hg.): Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, München/New Providence/London/Paris: K.G. Saur 1994). In seinen Bemerkungen zum "Generalsiedlungsplan" vom 12. Januar 1943 hat Himmler dann abermals eine räumliche Umarbeitung und Erweiterung angemahnt. Warum Sie daher annehmen, dass der in der Tat nur unvollständig erhaltene "Generalsiedlungsplan" einen "deutlich geringeren Raumanspruch" hatte als die GPO-Version vom Sommer 1942 ist mir leider nicht klar. Vor allem aber stellt sich dann die Frage, welche Schlussfolgerungen wir aus diesem Umstand zu ziehen hätten? Ihren Andeutungen entnehme ich, dass sie offenbar den "universitären GPO" für den maßgeblichen und radikaleren und damit auch die beteiligten Wissenschaftler und nicht die Partei- und Staatsstellen für zentral verantwortlich halten? Aus dem Diskussionszusammenhang der Jahre 1942/43 wird aber auch deutlich, dass sich die "wissenschaftlichen" Planer im Zweifel nach den Zielvorgaben der politischen Führung zu richten hatten und richteten und nicht umgekehrt.

In Kürze:

Auf die Bedeutung der Zwangsarbeit von Millionen Menschen bis zu ihrer Vernichtung habe ich in meinem Beitrag deutlich, wenn auch vielleicht zu kurz, hingewiesen. Diese zieht sich wie von Ihnen angesprochen nicht nur durch den GPO, sondern auch durch zahlreiche andere "Projekte" der Nationalsozialisten, wie etwa die Konzentrationslager und die "Vernichtung durch Arbeit" in der Shoah und steht mit diesen natürlich in einem engen ideengeschichtlichen und auch praktischen Zusammenhang. Mit dem Beitrag der Zwangsarbeit zur "Modernisierung" der deutschen Wirtschaft sprechen Sie sicher ein interessantes Thema an, das allerdings außerhalb des Fokus meines Textes lag.

Ich hoffe, dass ich damit zumindest einige Ihrer Fragen beantworten konnte und danke Ihnen nochmals für Ihre Kommentare.

In der Hoffnung auf mehr Sachlichkeit bei künftigen Debatten und mehr Aufmerksamkeit für bzw. größeres Vertrauen in das kritische Bewußtsein und die wissenschaftliche Aufrichtigkeit Ihrer Diskussionspartner und Kollegen

Ihr

Christoph Kamissek

Generalplan Ost hier: Ihr Diskussionsbeitrag "Rasse" und "Raum"

Sehr geehrter Herr Kamissek,

als ehemaliger Student (1968) des vormaligen Chefplaners Heinrich Himmlers für die Vernichtung der slawischen Bevölkerung Osteuropas, Prof. Dr. Konrad Meyer, an der von seinem ehemaligen, später als „minder belastet“ geltendem „Sonderbeauftragten des RFSS für Fragen der Landschaftsgestaltung“, Heinrich Wiepking, 1947 gegründeten Fak. IV der TU Hannover und als Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der AntifaschistInnen möchte ich mich zu Ihrem Diskussionsbeitrag äußern.

Dankbar nehme ich zunächst zur Kenntnis, dass Sie bereit sind, die Monströsität des Generalplans Ost nicht nur als reale Lebensbedrohung der seinerzeit spätestens seit Kriegsbeginn unmittelbar Diskriminierten anzuerkennen, sondern auch das Wissen hierüber in die Fachwelt und die heute Lebenden hinein zu tragen.
Letzteres erscheint mir deshalb so wichtig, weil mir die Losung meines antifaschistischen Verbandes: „Alles, was vergessen wird, geschieht.“ als die zutreffendste erscheint.

Und dennoch muss ich grundsätzliche Kritik äußern.
In Ihrem Beitrag agieren zwei Personen: Himmler und Heydrich wie zwei Dämonen, die (im Sinne von Kurt Finker) über die damals Agierenden gekommen sind. Sie sprechen von „Stellen im Umkreis des ´Reichsführers SS `, die „weitreichende Vorhaben“ entwickelten. Aber Träger der elaborierten Vernichtungsplanung waren weitere konkrete Personen und nicht „Stellen“ , Personen, die auch Namen und Funktionen hatten und die die „Eliminierung polnischen Blutes“, konkreter Menschen also, und zwar solcher Menschen, die „Rasse-Experten“ zuvor in Reihenuntersuchungen identifiziert hatten, konkret vorbereitend betrieben.
Warum benennen Sie sie nicht und auch die sie tragenden Institutionen? Zwang zu Beitragskürze will mir als Begründung in dieser Hinsicht nicht genügen. Denn: aus der Geschichte lernen, heißt m.E. auch, Täter und nicht Monster zu benennen. So z.B.: Himmlers Chefplaner Konrad Meyer, ehemaliger Wissenschaftsfunktionär der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Leiter des Agrarwissenschaftlichen Instituts der Berliner Universität und hoher SS-Offizier, aber auch wissenschaftliche Raumplanungs-Kapazität der Adenauer-Ära an der TU Hannover.
Den 11. Absatz Ihres Beitrages könnte ich wohl vorbehaltlos mittragen. Allen übrigen entnehme ich einen mehr oder weniger verniedlichenden oder verharmlosenden Tenor. Stellvertretend sei hier nur die (korrekterweise in Anführungszeichen ) verwendete Begrifflichkeit der „Aussiedlung“ genannt, die tatsächlich brutaltste Vertreibung war und nicht mit der völkerrechtlich gedeckten „Umsiedlung“ der Deutschen Bevölkerung in den Nachkriegszeiten in einen (Sprach-)topf gehört, auch wenn die betroffenen Menschen hierfür nur schwerlich Verständnis aufbringen.
Und ein weiteres Beispiel sei mir erlaubt:
Nein, es war nicht die „Dynamisierung des Krieges selbst“, die – wie Sie ausführen –die Radikalität der Vernichtungsplanung förderte. Der Krieg war nur notwendiges Mittel zur schrankenlosen Umsetzung des radikalen „Wollens“. Die Radikalität war aber vor Kriegsbeginn eher größer als später. Und Meyer plante ab Auftragsannahme 1939 ohne die jüdischen Bevölkerungsanteile, wo doch die Wannsee-Konferenz erst im Januar 1942 stattfand. Die Radikalität war das Kennzeichen des „arischen“ SS-Elite-Ordens.

Aber natürlich wuchs die Kühnheit der Worte noch mit den Siegen, so in der Münchener Studentenzeitung „Die Bewegung“. In der Folge 8 (1941), S.7. Dort schreibt Meyer (also mein späterer Hochschullehrer von 1968 und seinerzeitiger Lehrstuhlinhaber an der Berliner Universität sowie als Planungsbeauftragter des RKF zur Germanisierung der im Osten eroberten Gebiete):

„Das Ziel einer planvollen Siedlungsstrategie wird es sein müssen, in großzügiger Gestaltung den Raum bis ins kleinste restlos einzudeutschen. Wer heute noch mit dem Gedanken spielt, als dünne Herrenschicht von Großgrundbesitzern das polnische Volkstum überschichten zu können und damit der Eindeutschung Genüge zu leisten, der hat weder aus der Geschichte des Ostens noch aus dem erschütternden Erleben der volksdeutschen Passion des Herbstes 1939 gelernt. Wir müssen uns heute darüber im klaren sein, daß der Osten erst in dem Augenblick wirklich für alle Zeiten deutsch bleiben wird, in dem aus dem geschlossenen deutschen Siedlungsraum alles fremde Blut, das die einheitliche Geschlossenheit des grenzdeutschen Volkstums irgendwie gefährden könnte, restlos entfernt ist. Vor allem wird vom ersten Augenblick des Eindeutschungsvorgangs darauf zu achten sein, daß diese eindeutige Bereinigung der Volkstumslage im ländlichen Sektor so schnell wie möglich restlos durchgeführt wird. Das völkische Neuland wird nicht nur von deutschen Besitzern bewirtschaftet und rentenmäßig gestützt werden dürfen, sondern auch - und zwar bis in den entlegensten Winkel hinein - von deutschen Fäusten bebaut werden müssen.“

Und als Ersatz für das „restlos“ entfernte fremde Blut wusste Heinrich Wiepking, sein Landschaftsplaner und spätere Gründer der Grünen Fakultät, an der ich studierte, im Jahre 1941 anspruchsvolle Anforderungen zu formulieren:
„Besonderer Beachtung bedürfen die Unterschiede im Leistungsvermögen unserer deutschen bäuerlichen Stämme. Nur Leistungsmenschen dürfen zur Ansiedlung kommen! Erbbiologisch heißt das: Selbst Leistungstypen als vereinzelte Ausbildungen des menschlichen Erbganges sind rücksichtslos auszuschalten. Mindestens muß die Leistung der Sippe nachgewiesen werden, bis ins dritte und vierte Glied! Sicherer aber ist es, die Leistung ganzer Landschaften der Auswahl unserer neuen Bauern zugrunde zu legen.“

Damit aber nicht genug. Nach seiner Emeritierung 1969 erinnerte sich der Planungsmassenmörder Meyer nicht nur seiner mit seinem Landschaftsplaner verbrachten „schönen gemeinsamen Zeit in Berlin“, sondern hoffte auf die „Kontinuität des Wollens“ der Nachwachsenden, so sie denn nur „rechtwinklig an Leib und Seele“ beschaffen sind (Meyer an Wiepking, 15.12.1969).

Ein bisschen Nachricht davon hätte ich mir auch von Ihnen gewünscht und vielleicht auch noch von der Verleihung des Wiepking-Preises an Nachwuchskräfte seines Faches durch die Deutsche Gartenbaugesellschaft von 1822 bis ins Jahr 1994 hinein.
Aber mit diesen Kritikpunkten will ich mich besser zurückhalten, bin aber gerne bereit, Näheres auszuführen, wenn Sie Wert darauf legen .
Denn alles in allem bin ich Ihnen ja für Ihren Beitrag dankbar.
Mit freundlichen Grüßen

Helmut Schmitz
Bissendorf
helmut [dot] schmitz [at] osnanet [dot] de

Krieg und Bevölkerungspolitik - Antwort auf Helmut Schmitz

Sehr geehrter Herr Schmitz,

auch Ihnen herzlichen Dank für Ihre engagierte Reaktion auf meinen Beitrag zum „Generalplan Ost“ (GPO) und Ihre weiterführenden Kommentare.

Eindrucksvoll und äußerst wichtig erscheinen mir vor allem Ihre auf eigenem Erleben beruhenden Hinweise auf die oftmals ungebrochenen Karrieren beteiligter Wissenschaftler wie Konrad Meyer in der Nachkriegszeit. Damit geben Sie den Verantwortlichen ein Gesicht und einen Namen, während sich mein Beitrag in der Tat eher mit dem Plan als mit den Planern beschäftigt hat und damit offenbar etwas zu abstrakt geblieben ist. Allerdings darf ich wiederholen, dass es im Rahmen einer so gedrängten einführenden Darstellung nicht möglich ist, eine Gesamtgeschichte des GPO, geschweige denn der nationalsozialistische Siedlungs- und Vertreibungspolitik insgesamt, zu schreiben, die allen Aspekten, Personen und Institutionen gerecht würde. Auch daher bereichern Ihre Ergänzungen das Bild sehr.

Selbstverständlich sind Hitler, Himmler, Heydrich und der Nationalsozialismus insgesamt nicht wie „Dämonen“ über die deutsche Gesellschaft gekommen, sondern aus dieser selbst hervorgegangen und konnten sich, nicht nur in den Wissenschaften, auf einen breiten ideologischen Konsens und eine aktive Mitwirkungsbereitschaft stützen, ohne die ihre Verbrechen nicht möglich gewesen wären.

Trotzdem kann ich einen „verniedlichenden oder verharmlosenden Tenor“ in meinen Ausführungen, in denen die monströsen Dimensionen der tatsächlichen und geplanten Verbrechen, wie auch die Brutalität der angewandten Methoden, dargelegt werden, nicht erkennen. Mit welcher Gewalt die unter Begriffen wie „Umsiedlung“ zusammengefassten Maßnahmen durchgeführt worden sind und welche mörderischen Konsequenzen diese für die Millionen von Opfern hatten, ist deutlich benannt und allein die Zahl der betroffenen Menschen spricht denke ich hier für sich.

An der These der radikalisierenden Funktion des Krieges für die Reichweite der nationalsozialistischen Massenverbrechen möchte ich im Einklang mit einem mittlerweile überwiegenden Teil der historischen Forschung gleichwohl festhalten. Dies geschieht wiederum nicht in entschuldigender oder verharmlosender Absicht. Vielmehr lassen sich diese meiner Meinung nach gar nicht angemessen verstehen, wenn wir davon ausgehen, dass hier ausschließlich ein bereits feststehender „master plan“ durchgeführt worden ist, der bereits frühzeitig und in allen Einzelheiten das spätere Vorgehen vorgab und dann einfach exekutiert wurde. Dies hieße, den Nationalsozialisten und ihren Helfern in Wissenschaft, Verwaltung oder Armee eine fast prophetische Weitsicht und Konsequenz zuzubilligen, sie damit doch wieder ein Stück weit zu dämonisieren und eben nicht als menschliche Täter zu begreifen, die in konkreten Situationen gehandelt haben.

Gerade an der Unsicherheit der NS-Führung über die konkrete Gestaltung der Besatzungspolitik in den rasch eroberten Gebieten in ganz Europa, die inzwischen durch detaillierte Einzelstudien nachgewiesen ist, lässt sich erkennen, dass es so einen Plan nicht gab, sondern dass Vorgehen der Täter immer wieder durch erzwungene Improvisationen und ad hoc-Entscheidungen gekennzeichnet war, welche dann schrittweise zu einem immer brutaleren Vorgehen führten (auf die Unsicherheit der NS-Führung in der Besatzungspolitik und das Fehlen eines langfristigen Planes wird wiederholt und plausibel hingewiesen bei Mark Mazower: Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, München: 2009, der den Forschungsstand exzellent zusammenfasst).

Das von Ihnen angesprochene Beispiel der Vernichtung der europäischen Juden illustriert dies sehr deutlich. Zwar sprachen die Nationalsozialisten bereits frühzeitig und immer wieder von einer angestrebten „Endlösung der Judenfrage“. Was sich hinter diesem Tarnbegriff verbarg und wie diese durchgeführt werden sollte, war aber selbst den Akteuren in den zentralen Institutionen wie der SS oder den Besatzungsverwaltungen lange nicht klar. Ihr Hinweis auf die berüchtigte Wannsee-Konferenz illustriert diese Dynamik, beruht offenbar aber auf der immer noch verbreiteten Ansicht, dass erst hier die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung beschlossen worden sei. Tatsächlich war diese bereits seit dem Sommer 1941 im Gange, allerdings sicher noch nicht im Jahre 1939. Zu diesem Zeitpunkt hantierten die Organisatoren der späteren Vernichtung wie Eichmann und andere immer noch mit verschiedenen und rasch wechselnden Aussiedlungs- und Vertreibungsplänen, die gerade der dynamischen und nicht vorhersehbaren Kriegsentwicklung angepasst wurden.

Der Plan einer systematischen und industriell betriebenen Ermordung aller europäischen Juden nahm erst mit dem Scheitern dieser Vorhaben immer konkretere Gestalt an und erhielt entscheidende Impulse gerade von den bei den großangelegten Umsiedlungsvorhaben auftretenden Schwierigkeiten und Verzögerungen (für diesen Zusammenhang darf ich beispielhaft auf die eindrucksvolle Studie von Götz Aly verweisen: „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt am Main: 1995). Obwohl hier sicher allgemeine ideologische Zielvorstellungen bereits seit langem bestanden, verfügten auch Planer wie Konrad Meyer über keine Vorstellung von deren genauer Durchführung und Reichweite. Dies erklärt auch die immer wieder erfolgten Änderungen der Planentwürfe und die Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Meyer, Himmler, dem Ostministerium und anderen beteiligten Stellen.

Gerade die Ansiedlung deutscher „Kolonisten“ in den eroberten Gebieten erhielt erst mit dem Abschluss des sogenannten „Hitler-Stalin-Paktes“ und der anschließenden „Rückführung“ deutscher Minderheiten aus der Sowjetunion eine praktische Dimension und wurde konkret planbar. Die von ihnen angesprochene Idee der Bewirtschaftung der eroberten „Kolonialgebiete“ ausschließlich durch „deutschstämmige“ Siedler mag von akademischen Theoretikern wie Wiepking zwar formuliert worden sein. Diese stieß aber in der Praxis rasch an deutliche Grenzen, die wiederum durch den Krieg selbst gesetzt wurden, da einfach nicht genügend Menschen zur Ansiedlung zur Verfügung standen und die Deportation der polnischen Bevölkerung aus den annektierten Gebieten dort zu einem eklatanten Arbeitskräftemängel führte. In diesem Sinne war die rhetorische Radikalität vielleicht „vor Kriegsbeginn eher größer als später“. Im Hinblick auf die praktische Durchführung allgemeiner und vager ideologischer Zielvorstellungen ist aber bemerkenswert, dass die Schwierigkeiten vor Ort nicht zu einem Abbruch der Siedlungs- und Vertreibungsvorhaben führten, sondern – vor allem im Hinblick auf die jüdische Bevölkerung – immer radikaler durchgesetzt wurden. Diese Dynamik lässt sich ohne die Wirkung des Krieges selbst nicht angemessen verstehen.

Nochmals mit herzlichem Dank für Ihren Beitrag und die Möglichkeit zu einer weiterführenden Diskussion

Ihr

Christoph Kamissek