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Russland und Polen nach der Tragödie von Smolensk

Die Ausgabe 199/10 der von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) herausgegebenen Russland-Analysen macht eine Bestandsaufnahme der polnisch-russischen Beziehungen nach dem Flugzeugunglück bei Smolensk Anfang April 2010. Darin versammelt sind Kommentare und aktuelle Analysen sowie grafisch aufbereitete Umfrageergebnisse, die ein Stimmungsbild der russischen Gesellschaft zu Polen und dem Massaker von Katyn widerspiegeln.

Der Politologe Kai-Olaf Lang ist davon überzeugt, dass der Flugzeugabsturz der polnischen Präsidentenmaschine „überraschenderweise einen positiven Schub für die polnisch-russischen Beziehungen“ gebracht hat. Seit dem Regierungswechsel in Polen im Herbst 2007 ist eine Phase der Entspannung in den polnisch-russischen Beziehungen angebrochen, die die versöhnlichen Gesten nach dem tragischen Unfall zum Teil erklären kann. Die neue Regierung unter Donald Tusk verfolgt eine Strategie des „Realismus statt ineffizienter Unnachgiebigkeit“, wie es der polnische Außenminister Sikorski ausdrückte. Damit ist unter anderem ein Dialog mit Russland gemeint, der Polens bisherigen vorrangigen Bezugspunkt in der Ostpolitik, die Ukraine, in Frage stellt. Auch in Russland selbst hat sich einiges getan, indem Polens Sperrpotential innerhalb der EU erkannt wurde und nun von Seiten Russlands der Wunsch bestehe ein „interaktives Verhältnis mitzugestalten“, so Lang.

Lang weist daraufhin, dass auch internationale und strategische Rahmenbedingungen zu einer verbesserte Verständigung geführt haben, etwa durch die Neuausrichtung der US-Politik gegenüber Russland. So spannungsreiche Themen wie Sicherheitspolitik und Energiefragen seien somit etwas in den Hintergrund gerückt.

Lang warnt allerdings davor anzunehmen, dass nun eine Phase der konfliktfreien Kooperation beider Länder angebrochen sei, das Störungspotenzial internationaler Themen wie Energiesicherheit und Sicherheitspolitik mit Blick auf das umstrittene amerikanischen Raketenabwehrsystem, ist immer noch vorhanden.

Interessant ist die Auswertung der Umfrageergebnisse des russischen Lewada-Zentrums. Sie veranschaulichen das Wissen russländischer Bürger über die Massenerschießungen von Katyn im Jahr 1940 durch die Rote Armee. 43% der Befragten hatten davon immerhin gehört (47% dagegen noch nicht), aber immerhin 28% der Befragten hielten Hitler-Deutschland verantwortlich dafür (19% die stalinistische Führung der UdSSR) – ein wenig erstaunliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass dies bis 1992 Bestandteil sowjetischer Propaganda war.

Auf die Frage ob Putin, im Namen Russlands, für die Ermordung der polnischen Offiziere in Katyn um Verzeihung bitten soll, verneinten 46% der Befragten, 18% bejahten sie. Dieses Meinungsbild spiegelt zum Teil wohl Russlands umstrittenes Selbstbild als Rechtsnachfolger der Sowjetunion wider. Gerade in juristischen Streitigkeiten, etwa um die Rehabilitierung von Opfern von Verfolgung durch die sowjetischen Machthaber, wird eine Verantwortung des heutigen Russland nicht selten abgelehnt.

Aufgrund ihrer Aktualität und einiger überraschender Befunde eignen sich die Umfrageergebnisse gut als Diskussionsgrundlage.

Zum kostenlosen Dossier der Russland-Analysen.
 

 

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