Empfehlung Fachbuch

Hauptstadt des Holocaust. Orte nationalsozialistischer Rassenpolitik in Berlin

David Koser, Roman Schmidt: Hauptstadt des Holocaust. Orte nationalsozialistischer Rassenpolitik in Berlin. Stadtagentur, Berlin 2009, 231 Seiten. € 22,90.

Mit dem kleinen Band „Hauptstadt des Holocaust“ ist ein weiteres Buch im Format eines Stadtführers über Stätten nationalsozialistischer Herrschaft und des Terrors in der ehemaligen Reichshauptstadt erschienen, in dem auch Ort aus dem nahe liegenden brandenburgischen Umland Erwähnung finden. Der Titel mag ein wenig reißerisch gewählt sein und erscheint im Vergleich zu den behandelten Themen auch als zu kurz greifend.

Die Autoren David Koser und Roman Schmidt behandeln in den sieben Kapiteln des ersten Teils nicht nur die NS-Rassenpolitik und die Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, sondern widmen sich ebenso anderen Bereichen der Auswirkungen nationalsozialistischer Ideologie. Dementsprechend werden Zwangssterilisationen und Krankenmorde ebenso angesprochen wie Zwangsarbeit, das Eigenbild der nationalsozialistischen Deutschen als Herrenrasse, der Krieg und die Versuche einer sogenannten Germanisierung in den unterworfenen Staaten und letztlich der Komplex von Zwangsarbeit. Eine bruchlose Unterordnung dieser Aspekte des NS unter den Holocaust, wie sie der Titel suggeriert, verwischt die jeweiligen begrifflichen Spezifika, zumal „Hauptstadt des Holocaust“ keine Analyse, sondern eine Beschreibung von Orten der NS-Herrschaft liefert.

Im Anschluss an die historischen Kapitel finden sich die Beschreibungen von 104 Ereignisorten, die farblich den jeweiligen Kapiteln zugeordnet sind und somit gut in einen geschichtlichen Zusammenhang gestellt werden können. Zu den ausgewählten Orten gehören solche der Täter, wie das ehemalige Rasse- und Siedlungsamt der SS in der Kreuzberger Hedemannstraße, aber auch Orte der Verfolgten und Opfer, so beispielsweise die bekannte Neue Synagoge in der Oranienburgerstraße.

Das vorliegende Buch hat seinen Wert für alle, die einen groben Überblick über die Berliner Orte der Geschichte von Nationalsozialismus, Holocaust und NS-Massenverbrechen bekommen wollen. Im direkten Vergleich mit Standardwerken, zum Beispiel “Wege der Erinnerung“ von Stefanie Endlich, kann der besprochene Band allein des unterschiedlichen Umfangs wegen nicht bestehen. Eine Leseprobe finden Sie hier.

 

Hauptstadt des Holocaust vs. Wege der Erinnerung

Die beiden Bücher haben ganz verschiedene Themen und eine verschiedene Zielgruppe:

"Hauptstadt des Holocaust" ist viel mehr als ein Gedenkstätten-Band: Es erzählt die Geschichte des Nazi-Rassismus von Anfang bis Ende, anhand je eines Orts-Beispiels in Berlin (Berlin eignet sich dafür natürlich besonders gut). Prima für jeden, der schnell in den wichtigsten Aspekt der deutschen Geschichte 1933-1945 eintauchen möchte und auch die Täter und ihre Büros beim Namen genannt wissen möchte, aber (noch) nicht den langen Atem des Geschichtsprofessors und Bücherwurms mitbringt - also für eher junge und moderne (=ungeduldige) Leser.

Und es stellt den Holocaust an den Juden systematisch in seinen Zusammenhang mit Euthanasie, Herrenrassen-Politik, Kriegsgefangenen-Vernichtung und Zwangsarbeit. Auch zu Aspekten, zu denen heute gar keine offizielle Gedenkstätte existiert, werden sonst unbeachtete Orte aufgeführt. Der Fokus ist europäisch und Vogelperspektive, der Erzählfaden reicht bis 1945.

"Wege der Erinnerung" ist nicht nur als Aufzählung (vermutlich) aller Berliner Gedenkstätten verdienstvoll, sondern vor allem als Standardwerk für die Geschichte der Erinnerungs- und Aufarbeitungskultur. Orte, wo kein Relikt oder wenigstens eine Gedenktafel ist, kommen nicht vor. Zwar liest es sich aber ein bisschen wie eine Mischung aus Telefonbuch und Kurzgeschichtenband, aber für Leute mit Vorwissen, Muße und Interesse an Lokalgeschichte sehr interessant und bei seinen speziellen Themen zweifellos ein unverzichtbares Standardwerk. Der Fokus ist die Lokalebene, das Hauptgewicht der vielen nur wenig verbundenen Erzählstränge liegt nach 1945.