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Homosexualität zum Thema machen oder warum Heterosexismus ein Problem für die Bildungsarbeit ist!

Von Tanja Berg und Birgit Marzinka

Wir möchten in diesem Artikel auf mögliche Schwierigkeiten in der Bildungsarbeit in und außerhalb von Schule aufmerksam machen, wenn die Geschichte(n) von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* (LGBT [1]) thematisiert werden.

In schulischen Rahmenlehrplänen oder Unterrichtsmodulen werden bestimmte historische Epochen als relevant vorgegeben. Diese Pläne und Module legen auch den Kanon an zu bearbeitenden Themenstellungen fest, die Geschichte(n) von Lesben und Schwule/LGBTs haben weder als Verfolgungsgeschichte noch als Emanzipationsbewegungen oder als Querschnittthema einen (hohen) Stellenwert. Auch in der außerschulischen historisch-politischen Bildung stehen diese Themen nicht weit oben auf der Agenda. Die Geschichtsschreibung konzentriert sich nach wie vor primär auf die Geschichte der sogenannten Mehrheitsgesellschaften. Damit einher gehen Themen und Informationen, die Heterosexualität unausgesprochen als Normalität setzen. Solche heterosexuellen Deutungsmuster sind z. B. heterosexuelle Eheschließungen von Adligen, auch Informationen über Affären von bedeutenden Männern, Familienchroniken usw. Daneben finden andere Lebenswelten oder sexuelle Orientierungen zumeist keine Beachtung. Die Geschichte(n) von LGBTs werden, wenn überhaupt, als Randthemen betrachtet.

Die feministische Geschichtswissenschaft hat u.a. die Einbeziehung der Kategorien Geschlecht, sexuelle Orientierung, Mehrheit - Minderheiten usw. in die Forschung integriert. Damit konnten neue Facetten von Geschichte sichtbar gemacht und bearbeitet werden, so wurden auch didaktische Ansätze und historische Quellen zu diesem Thema entwickelt. Bei der Vermittlung von Geschichte in der Bildungsarbeit – schulisch und außerschulisch - lassen sich mit Blick auf die Geschichte(n) von Lesben und Schwulen/LGBTs mehrere Ebenen exemplarisch herausstellen, die eine Auseinandersetzung mit diesen Themen in der Praxis häufig erschweren.

Das Spiel mit Identitäten

Für Individuen spielt die Entwicklung von unterschiedlichen und pluralen Identitäten eine wichtige Rolle. Im Laufe des Lebens werden immer neue Identitätsfacetten und –entwürfe dem eigenen Selbstbild hinzugefügt. Identitäten entwickeln und verändern sich.

Eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Lebenskonzepten und sexuellen Identitäten ist deshalb auch für die Geschichtsvermittlung interessant, da aus dieser Perspektive historische Bilder einer Zeit deutlich vielfältiger und damit auch realitätsnäher entworfen werden können. Für die Auseinandersetzung mit den Geschichte(n) von Lesben und Schwulen spielt die Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht eine wesentliche Rolle. Die Geschichte(n) von Lesben und Schwulen oder auch allgemein die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität legen gesellschaftliche Rollenbilder und geschlechtsspezifische Vorstellungen offen. Damit verbunden ist auch die Bewertung von Heterosexualität und Homosexualität. So liegen vielen Vorurteilen und Ausgrenzungs- bzw. Verfolgungsgeschichten von Lesben und Schwulen/LGBTs diskriminierende Vorstellung zugrunde u.a. Lesben wären „Mannweiber“ und Schwule „Feminin“.

Für Jugendliche spielt der Findungsprozess der eigenen Identitäten und der sexuellen Orientierung eine wichtige Rolle. Hier ist eine Anknüpfungsstelle für die Arbeit mit Jugendlichen. In den diversen historischen Epochen waren Personen mit ihren Identitäten, mit der Entdeckung ihrer sexuellen Orientierung und den gesellschaftlichen Geschlechterverständnissen befasst. Am Beispiel verschiedener Lebenswelten und Lebensrealitäten lässt sich dies auch heutigen Jugendlichen vermitteln. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung damit, dass gesellschaftliche und moralische Wertvorstellungen nicht statisch sind, sondern von Herrschaftssystemen und Machtverhältnissen abhängen. Auch die Sicht auf und die Möglichkeiten von (lesbischen) Frauen und (schwulen) Männern haben sich genau wie die Geschlechterrollen verändert.

Die Problematik des Ansprechens

Wer Lesben und Schwule und ihre Geschichte(n) thematisiert, wird selbst schnell als lesbisch oder als schwul eingestuft. Da eine Auseinandersetzung mit diesen Themen in der Schule oder in der außerschulischen, historisch-politischen Bildung primär von Lesben und Schwulen aufgegriffen wurde, hat sich eine Art „Coming-out“ damit verbunden. Egal wer die Geschichte(n) von Lesben und Schwulen anspricht, setzt sich in der Regel auch mit der Angst vor Diskriminierungen durch Jugendliche, durch Kollegen und Kolleginnen, durch Eltern auseinander. Es entsteht die diffuse Angst, eine Angriffsfläche zu bieten.

Insbesondere für Lesben und Schwule/LGBTs geht dabei auch die Frage einher, ob sie sich einer solchen „Intimisierung“ an ihrem Arbeitsort bzw. in ihrem Team aussetzen wollen. Plötzlich steht nicht mehr die eigene Tätigkeit sondern die sexuelle Orientierung und damit auch ein Teil der eigenen Identitäten und des Privatlebens im Fokus der Öffentlichkeit.

Gerade als Teamerin oder Teamer bzw. Lehrerin oder Lehrer müssen wir uns mit den Diskrepanzen zwischen Eigenwahrnehmungen und Fremdwahrnehmungen auseinandersetzen. In den pädagogischen Prozess fließen beide ein. Es gilt eine Offenheit und ein Klima zu schaffen, in dem es möglich wird, Themen unabhängig der eigenen „Betroffenheit“ anzusprechen. Je selbstverständlicher das Thema behandelt wird, desto weiter tritt die damit einhergehende „Intimisierung“ in den Hintergrund, sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Kolleginnen und Kollegen.

Praktisch gesehen bietet es sich an z.B. anhand von allgemeinen, philosophischen Texten aus dem Alten Griechenland oder Rom, der 1920 Jahre oder der 1970er das Thema Homosexualität und Heterosexualität und darin eingebettet, die Vorstellungen über Frauen und Männer sowie über den Stellenwert von Sexualität für das Menschenbild, zu behandeln. Es kann auch gut sein, zu konkreten historischen Personen und deren Umgang mit ihren lesbischen oder schwulen Identitäten und Erfahrungen zu arbeiten. Dabei ist es jedoch ratsam einzubinden, dass die Lebensrealitäten von Lesben und Schwulen durch viele andere Faktoren, wie Klasse, Geschlecht, politische Haltung, ökonomischer Status, Zugang zu Bildung usw. stark divergieren.

In welchem Fach sollte das Thema der Sexualität behandelt werden?

Es steht in Frage, ob eine Auseinandersetzung mit Homosexualität nicht eher ein Auftrag zur Sexualerziehung und nicht der Geschichtsvermittlung ist. Immerhin geht es bei der Arbeit mit Jugendlichen um junge Menschen, die auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und sexuellen Orientierung sind. Natürlich ist die Auseinandersetzung mit Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität usw. auch ein Thema der Sexualerziehung, aber eine sexuelle Orientierung ist mehr als Sexualität. Sie schlägt sich nieder in der Lebensgestaltung, in gesellschaftlichen Chancen und Risiken, in Anerkennungskulturen oder rechtlichen Absicherungen der eigenen Lebensform. In Deutschland spielt dabei der §175 StGB eine zentrale Rolle, da er gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stellte (s. auch Artikel von Dr. Jens Dobler).

Der Kampf um Gleichberechtigung führte (zeit-)historisch auch immer zu gesellschaftlichen, politischen und theoretischen Auseinandersetzungen. Insbesondere der Kampf gegen die Diskriminierungen von Lesben und Schwulen und die Erfolge im Rahmen von Gleichstellungen auf juristischer, ökonomischer oder gesellschaftlicher Ebene ist noch nicht abgeschlossenen. Bis heute ist eine Gleichstellung von lesbischen und schwulen Paaren mit heterosexuellen nicht vollzogen, es gibt z.B. Unterschiede im Steuer-, Adoption- und Eherecht.

Außerdem geht es hierbei auch nicht allein um die Geschichte von Lesben und Schwulen/LGBTs, sondern auch darum, Heterosexismus in der Geschichtsvermittlung entgegen zu wirken und auf die Verengung von Perspektiven im historischen Denken aufmerksam zu machen.

Für Lehrkräfte kann sich die Frage eröffnen, ob das Thema nicht zu heikel, zu sehr politisiert und zusätzlich geeignet ist, junge Menschen durcheinanderzubringen? Das kann natürlich passieren, aber viel wahrscheinlicher ist es, dass junge Menschen lernen, dass es Lesben und Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle usw. seit jeher in Gesellschaften gegeben hat und dass es ganz normal ist, lesbisch, schwul, hetero oder bisexuell … zu sein. Dass es vielmehr die gesellschaftlichen Verhältnisse und Werte sind, die so gestaltet werden, dass die eine oder andere sexuelle Orientierung stärker gefördert und als normal angesehen wird. Mit dieser multiperspektivischen Geschichtsvermittlung lässt sich auch zeigen, dass es sich lohnt, gegen Diskriminierungen vorzugehen, dass es Erfolge gibt und Menschen etwas an Gesellschaften verändern können.

Anmerkung

[1] LGBT ist ein aus dem Englischen stammender Begriff, der sich jedoch als Abkürzung auch im Deutschen durchgesetzt hat; LGBT schlüsselt sich folgendermaßen auf: Lesbian, Gay, Bisexual and Transpeople. Auch wenn es in diesem Artikel primär um die Geschichte(n) von Lesben und Schwulen geht, muss auch die Perspektive von bisexuellen und trans*Menschen berücksichtigt und mitgedacht werden. Wir benützen deshalb sowohl LGBT als auch nur Lesben und Schwule.

Literaturhinweise für Methoden

Auf der Webseite von „Kompetent für Demokratie“ werden Handbücher vorgestellt: http://www.kompetent-fuer-demokratie.de/homophobie_213.html.

 

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