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Jugendliche erforschen die Geschichte des DP-Camps Düppel

Tanja Berg ist freie Referentin und Projektleiterin in der historisch-politischen Bildungsarbeit. Birgit Marzinka ist Projektleiterin von Lernen aus der Geschichte und Medienpädagogin in der historisch-politischen Bildungsarbeit.
Von Tanja Berg und Birgit Marzinka

Das außerschulische Projekt „Displaced Person-Camp Düppel“, setzt an lokalgeschichtlichen Erfahrungen der deutschen Nachkriegsgeschichte am Beispiel des besagten Camps an. Zwischen September und Dezember 2009 trafen sich acht 15 – 20jährige Berliner Jugendliche aus Düppel und dem benachbarten Stadtteil Schlachtensee mit dem Leitungsteam, um die Geschichte des Displaced Person-Camps Düppel gemeinsam zu erforschen.

Anlass des Projekts war, dass einige Monate zuvor die evangelische Gemeinde Schlachtensee eine kleine Ausstellung über das DP-Camp organisiert hatte und die Leiterin des Medienkompetenzzentrum Düppel, Tanya d´Agostino, die Ausstellung übernahm und sie erweiterte. Denn heute befindet sich auf dem ehemaligen Gelände des DP-Camps das Medienkompetenzzentrum Düppel sowie ein Ausbildungs- und Jugendzentrum, nachdem das Gelände in den 1960er Jahren komplett überbaut und neu gestaltet worden war.

Seit Ende 1945 kamen immer mehr jüdische Displaced Persons in die provisorisch eingerichtete Anlaufstelle in der Synagoge in der Rykestraße, deren Kapazitäten jedoch bald überschritten waren. Mit Unterstützung der US-Army wurden zwei Camps im US-amerikanischen Sektor eingerichtet: im südwestlichen Düppel (Bezirk Steglitz-Zehlendorf) und in Mariendorf (Bezirk Tempelhof). Eine dritte Einrichtung entstand im französischen Sektor in Wittenau.

Das ehemalige Wehrmachtsgelände in Düppel fungierte von 1946 bis zur Berliner Blockade 1948 als DP-Camp. Es wurde zu einer ersten Heimat für viele jüdische Flüchtlinge primär aus Osteuropa, die die Shoah in der Illegalität, in der ehemaligen Sowjetunion oder bei Partisanen und Partisaninnen überlebt hatten. Die DPs waren also mehrheitlich nicht Überlebende aus den KZ, sondern hatten auf anderen Wegen die Shoah überlebt. Trotzdem waren die Menschen durch den Verlust ihrer Familien, Freundeskreise und Lebenszusammenhänge, durch die Verfolgungserfahrungen, durch die extrem harten Lebensbedingungen unter dem NS-Regime und auch durch das Wissen, dass ihre bis dato vertraute Welt nicht mehr existierte, schwerst traumatisiert.

Die Jugendlichen haben diese und andere Informationen über das Leben im DP-Camp und über seine Bewohnerinnen und Bewohnern zusammengetragen. Dazu haben sie sich inhaltlich mit verschiedenen Epochen deutsch-jüdischer Geschichte auseinandergesetzt: vor 1933, 1933- 1945 und nach 1945.

Dabei ging es darum die Vielfalt und Bedeutung der deutsch-jüdischen Geschichte zu entdecken und vor Augen zu führen. Gleichzeitig reflektierten sie das jüdische Leben heute, die Shoah und ihre Folgen. Es ist genau diese Verbindung von historischen Fragen, ihrer Wirkungsmächtigkeit für die Gegenwart und einem lokalgeschichtlichen Ansatz, die dieses Projekt für alle Engagierten zu einer spannenden Herausforderung gemacht hat.

Im Mittelpunkt steht eine multiperspektivische Sichtweise auf die nichtjüdisch-jüdische Geschichte der Nachkriegszeit in Deutschland, in der die Dimensionen jüdischer Existenz nicht allein auf die Kategorie Opfer reduziert wird. Zum Verständnis des historischen Kontextes setzten sich die Jugendlichen mit jüdischen Kulturen und Traditionen in Deutschland und Osteuropa auseinander. Hierbei wurden verschiedene Formen des Jüdisch- Seins – sowohl als ethnische und kulturelle als auch als religiöse Kategorie differenziert.

Das Verständnis der Komplexität jüdischer Existenz auch in der Gegenwart stellte für die Jugendlichen eine große Herausforderung dar, da sie Jüdisch-Sein entweder als „rassische“ Kategorie des NS-Staates kannten oder als Religionszugehörigkeit. Die Vielfältigkeit jüdischer Selbst- und Fremddefinitionen, der kulturellen, historischen und kontextabhängigen Definitionen waren neue Perspektiven für sie. Hierbei reflektierten sie auch immer ihre eigene Identität und eigene Denkmuster bzw. ihr Geschichtsverständnis.

Im Lernprozess standen deshalb Methoden im Mittelpunkt, die zum einen zur kritischen Reflexion der eigenen Denk- und Wissensstrukturen anregen sollten sowie Methoden, die ein selbstständiges und multiperspektivisches Geschichtslernen befördern. Deshalb haben wir auf eine Palette von Methoden der außerschulischen politischen Bildung und der historisch-politischen Bildung zu Nationalsozialismus und Holocaust zurückgegriffen, wie die Erstellung eines Zeitstrahls oder Begriffsassoziationen.

Die Beschäftigung mit der Interviewtechnik und die Befähigung zur technischen und inhaltlichen Gestaltung von Interviews war im Gegensatz zur thematischen Vorbereitung ein produktorientiertes Herangehen. Da es leider nicht möglich war Zeitzeugen bzw. Zeitzeuginnen zu interviewen, beschränkten wir uns auf zwei Experteninterviews, mit Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und dem Filmemacher Gabriel Heim. Zusätzlich füllten die Jugendlichen den eigens für das Projekt eingerichteten Weblog www.dp-camp.de mit Fotos, selbst geschnittenen Audiointerviews und Beschreibungstexten zu den einzelnen Workshoptagen.

Spannend für uns als Team war die Erfahrung, wie schwer es den Jugendlichen fällt, selbst wenn sie am historischen Ort recherchieren, diesen Ort als real und gestaltet zu erleben. Das heißt nicht nur intellektuell, sondern auch habituell den historischen Ort - von dem nicht mehr viel zu sehen ist – mit dem Heutigen zu verbinden. Gleichzeitig hat genau diese Auseinandersetzung mit einem „Ort ohne Erinnerung“, der Befragung einer Expertin und eines Experten, der Sichtung von Archivmaterial während eines Workshops im Jüdischen Museum Berlin, geholfen sich eine Zeit und einen Ort zu erarbeiten und zu erschließen.

Die Jugendlichen und wir als Team werden das Projekt fortsetzen. Im zweiten Teil soll es thematisch auf DP-Camps in ganz Berlin und um Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen erweitert werden. Zusätzlich ist ein Bezug zur Gegenwart durch den Besuch einer progressiven Synagoge, aber auch eine Vertiefung der Geschichtskenntnisse durch einen Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen geplant. Da die Suche von und die Kontaktaufnahme mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sehr schwierig ist, sind wir für weitere Hinweise sehr dankbar.

Träger des Projektes war im Jahr 2009 das Medienkompetenzzentrum Düppel (Tanya d´Agostino) in Kooperation mit der Gemeinde Schlachtensee (Phillipp Sapora und Pfarrerin Westerhoff). Pädagogisch durchgeführt wurde es von Lernen aus der Geschichte (Tanja Berg und Birgit Marzinka).

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie auf dem Weblog http://www.dpcamp.de

 

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