Lernort

Lernen mit neuen Medien

zwei Beispiele aus dem Jüdischen Museum Berlin

Etta Grotrian ist Historikerin und seit 2001 Projektmanagerin für den Bereich Dokumentation und Neue Medien im Jüdischen Museum Berlin.
Von Etta Grotrian

Es ist klar, dass sich das Lernen im Museum vom Lernen in der Schule unterscheidet. Im informellen Kontext des Museums sind Lernerfahrungen und Wissenserwerb nach anderen Kriterien zu bemessen als im schulischen Kontext, dennoch kommt Museen als außerschulischen Lernorten eine wichtige Rolle zu. Um dieser gerecht zu werden, lassen sich vor allem neue Medien zur Aufbereitung und Verbreitung von Museumsinformation nutzen.

Museen können Informationen, Material und Zugänge bieten, die in der Schule weniger Raum finden. Sie haben Objekte und Kontexte zur Verfügung, die die schulische Bildungsarbeit bereichern können. Der museale Rahmen unterscheidet sich vom schulischen insofern, als der Umgang mit der Lerngruppe ein anderer ist, die Lernprozesse keinem Curriculum unterworfen sind und der Besuch im Museum sich als Abwechslung vom Schulalltag abhebt.

Museumspädagogik hat natürlich wenig Einfluss auf die spätere schulische Wirkung der musealen Lernerfahrung. Daher lohnt sich eine enge Kooperation zwischen Museumspädagogen und Lehrern: So kann im Museum gezielter Material entwickelt werden, das beim Umgang mit dem Thema auch über den eigentlichen Museumsbesuch hinaus eingesetzt werden kann. Das Museum ist auf Anregungen und Feedback durch Lehrkräfte angewiesen, um zu beurteilen, welche Themen des Museums im Unterricht aufgegriffen werden können und umgekehrt kann das Museum auf Fragen, die im Unterricht entstehen können, eingehen.

Das Rafael Roth Learning Center

Multimediale Geschichten im Rahmen von Führungen

Das Rafael Roth Learning Center im Untergeschoss des Jüdischen Museums Berlin bietet eine umfangreiche Medienanwendung, die an verschiedenen Computerstationen von einzelnen Besuchern oder in kleinen Gruppen erforscht werden kann und die zu verschiedenen Themen der deutsch-jüdischen Geschichte und der jüdischen Religion multimedial aufbereitete Geschichten bereitstellt.

Für Jugendliche ist die Computeranwendung ein besonderer Anziehungspunkt, weil sie hier selbst aktiv werden und im eigenen Tempo, den eigenen Interessen folgend, Fragen vertiefen können. Neben Lexikon, Kindergeschichte und Objektkatalog bieten mittlerweile 18 umfangreiche Geschichten - multimediale Erzählungen mit einer Fülle von Bild-, Text-, Ton- und Filmmaterial - die Möglichkeit, zu ganz verschiedenen Themen in unterschiedlichen Quellen zu stöbern.

Im Learning Center können Besucher die Lebensgeschichten verschiedener Persönlichkeiten wie z.B. des Jazzmusikers Coco Schumann oder historische Ereignisse wie die Revolution von 1848 in Europa und die geistesgeschichtlichen Ursprünge der jüdischen Emanzipation in der deutschen Geschichte kennen lernen oder historische Längsschnittthemen verfolgen. Einen Überblick über das Learning Center und seine Themen gibt es auf der Website des Jüdischen Museums Berlin unter http://www.jmberlin.de/main/DE/01-Ausstellungen/03-RRLC/00-RRLC.php.

Für Schulklassen wurden spezielle Angebote entwickelt, die das multimediale Repertoire des Learning Centers in den Museumsbesuch einbeziehen. Angeleitet durch einen Fragebogen können sich Schüler und Schülerinnen schriftliche Quellen, Filmen oder Interviews zum Thema erschließen und die Dauerausstellung besuchen, wo das entsprechende Thema in einer Führung vertieft wird. Eine abschließende Diskussion führt die Erkenntnisse zusammen.

Die eigene Recherche im Learning Center, die die Führung ergänzt, bereichert das Gespräch. Schülerinnen und Schüler bringen auf diese Weise ihren eigenen Zugang und ihre Fragen zum Thema in den Austausch ein, die dann mit der Referentin oder dem Referenten und den Mitschülern diskutiert werden können.

Ein Internetangebot für Kinder, Schüler und Lehrer

Auch über den Museumsbesuch hinaus können die Museumsthemen Eingang in den Unterricht finden. Ein Beispiel dafür ist der “on.tour”-Bus, mit dem das Team des Jüdischen Museums Berlin seit 2007 Schulklassen im ganzen Bundesgebiet besucht. Die Museumspädagogen bieten auf der Grundlage einer mobilen Ausstellung und eines Workshopangebots einen ersten Einstieg in das Thema deutsch-jüdische Geschichte an.

Über dieses mobile Vor-Ort-Angebot und den Museumsbesuch in Berlin hinaus möchte das Museum Lehrern und Schülern Informationen zum Thema zur Verfügung stellen und eine Vertiefung anregen. Hierbei spielt das Internet eine wichtige Rolle, weil das Museum hier auch orts- und zeitunabhängige Angebote machen kann.

Im November 2009 veröffentlicht das Jüdische Museum Berlin - im Rahmen der Neugestaltung des gesamten Webauftritts - ein neues Internetangebot, das sich speziell dem Bildungsbereich widmet: http://www.jmberlin.de/kinder-schueler-lehrer. Die Website soll nicht nur Lehrer ansprechen, die sich auf den Museumsbesuch oder die Behandlung der Museumsthemen im Unterricht vorbereiten wollen, auch Schüler verschiedenen Alters oder Familien können die Website nutzen, um einen ersten Zugang zum Thema zu finden, Anregungen für den Museumsbesuch oder für zu Hause zu erhalten.

Alle Angebote des Museums, die speziell für Lehrer mit ihren Schulklassen bzw. auch für Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit geeignet sind, werden auf der Website gebündelt. Jede dieser Zielgruppen richtet ganz unterschiedliche Fragen und Erwartungen an das Museum und kann das Informationsangebot auf der Website nach eigenen Interessen sortieren. Neben diesem zielgruppenorientierten Zugang lassen sich die Inhalte auch nach der Art des Angebots erschließen: Veranstaltungen vor Ort im Museum, Materialien für zu Hause, online oder im Unterricht.

  • Im Museum gibt es: Führungen, Workshops, Projekttage, Fortbildungen oder das Ferienprogramm, die online vorgestellt werden und Lehrern oder interessierten Jugendlichen die Buchung von Angeboten im Rahmen des Bildungsprogramms des Museums erleichtern sollen.
  • Online können Spiele aus der Ausstellung und dem Medienangebot des Learning Centers ausprobiert werden.
  • On.tour ist das Museum, wenn es mit dem on.tour-Bus Schulen besucht, die sich für eine Teilnahme an dem Projekt bewerben - die Dokumentation der bisherigen Termine und des gesamten Programms werden online vorgestellt.

Für zu Hause oder den Unterricht gibt es Quellensammlungen, Arbeits- und Informationsmaterialien. Das Museum hofft, auf diese Weise Lehrkräfte darin zu unterstützen, den Museumsbesuch durch Material für den Einsatz im Unterricht oder online zu vertiefen oder auch völlig unabhängig vom Museumsbesuch, Schüler für neue Fragestellungen zu interessieren. Dafür ist es wichtig, dass sich neben den beiden genannten Sortierkriterien - Zielgruppe und Art des Angebots - thematische Spuren durch die Seite ziehen, auf themenverwandte Angebote hingewiesen wird, denen die Nutzer zielgruppen- und ortsunabhängig folgen können, um so weitere Anregungen zu erhalten.

Die Funktion, Themen zu vertiefen, erfüllt auch das Glossar der Seite, das sich derzeit erst in einem Anfangsstadium befindet und künftig weiter ausgebaut wird - auch durch Fragen, die Kinder, Jugendliche oder Lehrer an das Museum richten. Das Glossar soll Nutzerinnen und Nutzer entsprechend ihrer unterschiedlichen Vorkenntnisse zum Thema abholen und ihnen ermöglichen, sich inhaltlich Neues zu erschließen.

Mit der Kinder-Schüler-Lehrer-Website ist ein Anfang gemacht. Das Prinzip ist implementiert und soll weiter ausgebaut werden. Dies soll vor allem durch einen verstärkten Austausch des Museums mit Lehrern und Schülern erfolgen. Anregungen und Anfragen, die das Museum erreichen, werden aufgegriffen.

Es ist geplant, Lehrern eine Plattform zu geben, in der die Erfahrungen mit den Themen, die das Museum behandelt, oder die mit dem Museumsbesuch gemacht werden, an andere Lehrer weitergeben werden können. In den kommenden Monaten wird die Seite um Projektdokumentationen und -ergebnisse ergänzt, die dazu beitragen sollen, selbst neue Ansätze und Ideen für die Bildungsarbeit innerhalb und außerhalb des Museums zu entwickeln.

Es ist dem Museum wichtig, dass sich die online-Angebote zielgruppenübergreifend verschränken. Manche Inhalte richten sich in erster Linie an Lehrer, andere sprechen Schüler oder Familien an. Dennoch gibt es kein von vornherein getrenntes Angebot für die unterschiedlichen Nutzer. Ein Text, den eine Lehrerin mit in den Unterricht bringt, kann auch für einen Schüler hilfreich bei der Referatsvorbereitung sein. Das Museum ist nicht der Ort, an dem mit festen Erwartungen operiert wird. Die Kinder-Schüler-Lehrer-Website soll sich - wie das Museum - zu einem lebendigen Ort entwickeln, der von Diskussionen und Austausch lebt.

 

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