Empfehlung Fachbuch

Heinrich Himmler

eine Biographie

Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler Verlag, (2008) 1037 S. € 39,95.
Von Isabel Heinemann

Seit längerem galten eine Darstellung zur Geschichte der SS auf dem aktuellen Stand der Forschung sowie eine wissenschaftlichen Standards genügende Biographie des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, als Desiderate der Forschung. Während die bislang einschlägige Arbeit zur SS von 1983 datiert[1], wurde die Biographie Himmlers bislang nur in Teilaspekten untersucht.[2]

Dieser Umstand verwunderte umso mehr, da es sich bei Himmler um den zweitmächtigsten Mann im Nationalsozialismus handelte, der den Terrorapparat und die Vernichtungspolitik des NS-Regimes prägte wie kein anderer. Hinzu kommt, dass mit der Edition seines Dienstkalenders der Jahre 1941/42 und seiner Tagebücher und Leselisten wichtige Quellen zur Verfügung stehen.[3] Diese Forschungslücke hat nun Peter Longerich, einer der profundesten Kenner des Nationalsozialismus, mit einer detaillierten Studie eindrucksvoll geschlossen.

Entgegen ihrem Untertitel ist die Arbeit jedoch weit mehr als eine „Biographie“ des SS-Chefs. Die Kapitel zu den Kriegsjahren gehören zum Besten, was bisher über die SS geschrieben wurde. Überzeugend arbeitet Longerich heraus, wie Himmler im Zweiten Weltkrieg mittels einer Politik des organisierten Massenmords auf eine umfassende „rassische Neuordnung“ Europas unter deutscher Vorherrschaft hinarbeitete, wobei der Holocaust die Grundbedingung, aber keineswegs den Schlusspunkt darstellen sollte. Eine forcierte Umsiedlungspolitik und die intensiven Rekrutierungen für die Waffen-SS dienten demselben Ziel, ebenso wie die Ausbeutung und Repression der Menschen in den besetzten Gebieten.

Durch diese Akzentuierung, aber auch durch die eindrucksvolle Bündelung des gegenwärtigen Wissensstandes zur Struktur und Organisation der SS sowie zur NS-Vernichtungspolitik wird die Arbeit die Forschung nachhaltig beeinflussen.

Aber, auch dies sei gleich zu Beginn gesagt, die psychologisierende Deutung Himmlers überzeugt nur partiell und die große Breite der Darstellung wird mit einigen quälenden Längen sowie gelegentlich geringer analytischer Tiefenschärfe erkauft. Zunächst einmal lässt die Lektüre der trotz ihres beträchtlichen Umfangs gut lesbaren Studie den Leser mit gemischten Gefühlen hinsichtlich des Erklärungspotentials des biographischen Ansatzes zurück: Abgesehen vom ersten Kapitel, das sich Himmlers ersten Lebensjahrzehnten bis zur
Machtübernahme der Nationalsozialisten widmet und seine persönliche Entwicklung in den Mittelpunkt der Darstellung rückt, tritt der Privatmann Himmler ab 1933 immer stärker hinter den Reichsführer SS zurück.

Ähnlich der wegweisenden Arbeit Ian Kershaws über Adolf Hitler, nimmt die Strukturgeschichte im Lauf der Darstellung ein immer größeres Gewicht ein, da sich Person und Amt eben nicht trennen lassen.[4] Die Bedeutung Himmlers für die Genese der SS und die Verbrechen des NS-Staates erschließt sich nur, wenn man sein Agieren als rassistischer Visionär, als versierter Machtpolitiker und rücksichtsloser Organisator im Zusammenhang analysiert. Dieser Problematik ist sich der Autor wohl bewusst, konzediert er doch bereits im Prolog, dass die „rein biographische Methode spätestens Mitte der dreißiger Jahre an ihre Grenzen“ stoße (S. 12), allerdings ohne statt dessen ein überzeugendes methodisch-inhaltliches Interpretament oder strukturierende Leitfragen anzubieten.

Der Hinweis, es gehe um eine „sinnvolle Verbindung von Biographie und Strukturgeschichte“ (S. 12) wirkt an dieser Stelle etwas blass, ebenso das Argument, dass im Nationalsozialismus „die Ausgestaltung politischer Macht nun einmal auf unauflösbare Weise mit der Biographie führender NS-Funktionäre verbunden“ gewesen sei (S. 13).

Im ersten Kapitel, das am ehesten als „Biographie“ zu bezeichnen ist, arbeitet Longerich anhand einer großen Quellenfülle heraus, welche Prägungen Heinrich Himmler in Kindheit und Jugend erfuhr: Das national-konservative, bildungsbürgerliche Elternhaus prägte den 1900 geborenen Sohn eines Gymnasiallehrers ebenso wie das für die Angehörigen der „Kriegsjungendgeneration“ des Ersten Weltkrieges typische Gefühl des Zuspätgekommenseins.

Himmler kompensierte die Tatsache, dass er 1918 als Offiziersanwärter nicht mehr zum Fronteinsatz kam, durch seine Selbststilisierung als Soldat und heroischer Kämpfer. nahm aber zunächst ein Studium der Agrarwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München auf, das er 1922 als Diplom-Landwirt abschloss. Aus seinen Tagebucheinträgen ergibt sich das Bild eines mitteilungsfreudigen, zugleich sozial inkompetenten und bindungsscheuen jungen Mannes, dessen Verhältnis zu Frauen sich besonders prekär gestaltete.

Seine Vorstellung von „Anständigkeit“, die er sexuellen wie religiösen Anfechtungen gegenüberstellte und zur persönlichen Leitmaxime erhob, sollte er später zu einem Kernbestandteil der SS-Weltanschauung machen. Zur NSDAP fand Himmler in den Jahren 1922 und 1923, sein politischer Aufstieg begann jedoch erst Anfang der 1930er-Jahre mit dem Aufbau der SS. Die Festigung der Weltanschauung des jungen Parteiaktivisten fiel in die Jahre 1923 und 1924, wie Longerich anhand Himmlers Leselisten herausarbeitet: Antisemitismus, Rassismus, extremer Nationalismus, Demokratiefeindlichkeit gehören ab jetzt zu seinen Kernüberzeugungen.

Mit dem Verlobungs- und Heiratsbefehl der SS Ende 1931, der von SS-Männern und ihren potentiellen Ehefrauen den Nachweis rassischer und gesundheitlicher Tauglichkeit verlangte, hielt Himmler erstmals seine Vorstellung der „Auslese und Erhaltung des rassisch und erbgesundheitlich guten Blutes“ (S. 137) in Programmform fest.

Kapitel zwei und drei des Buches sind dem Aufbau und der Konsolidierung der SS im nationalsozialistischen Staat gewidmet. Longerich präsentiert eine sorgfältige Analyse von Himmlers steilem Aufstieg vom Kommandeur der politischen Polizei in Bayern zum Chef der SS und Polizei als einem jeglichen normativen Beschränkungen enthobenen Staatsschutzkorps. Bei der reichsweiten Vereinheitlichung des Terrorapparates in Händen der SS bewies Himmler sowohl die nötige Skrupellosigkeit, so bei der Ausschaltung der SA-Führung im Juni 1934, als auch überraschendes diplomatisches Geschick wie bei der sukzessiven Übernahme der politischen Polizei der Länder durch die SS.

Neben der Verschmelzung von SS und Polizei, die 1939 mit der Gründung des Reichssicherheitshauptamts ihren Abschluss fand, war der Aufbau des Konzentrationslagersystems unter der Ägide der SS von imminenter Bedeutung für die Ausgestaltung des Repressionsapparates.

Die Einsetzung von Theodor Eicke, dem späteren Inspekteur der Konzentrationslager und Führer der SS-Totenkopfverbände, als erstem Lagerkommandanten des Konzentrationslagers Dachau „ in welchem zahlreiche künftige Kommandeure ihre Ausbildung und Initiation
durchliefen „ wertet Longerich überzeugend als „Musterfall für die Strategie des Reichsführers-SS, gescheiterte Existenzen durch eine Mischung aus disziplinierender Strenge, fürsorglichem Gestus und dem Anschein persönlichen Vertrauens [...] gefügig zu machen“ (S. 162).

Dieser Praxis folgte Himmler auch im Umgang mit seinen SS-Führern allgemein, indem er zahlreichen Angehörigen der Kriegsjugendgeneration eine neue wirtschaftliche Perspektive und soziale Zugehörigkeit bot, wodurch er sich eine loyale Gefolgschaft schuf. Charakteristisch für Himmler war, dass er sich selbst als „Erzieher“ seiner Truppe in
weltanschaulichen wie persönlichen Fragen betrachtete und nicht anstand, den Lebenswandel seiner Männer mit väterlicher Strenge und voyeuristischer Neugier zu überwachen.

Wichtig sind auch die Ausführungen zu SS-Familie, da hier zum einen am Beispiel niedriger
Heirats- und Kinderzahlen innerhalb der SS die Widersprüche zwischen Weltanschauung und Praxis exemplarisch werden. Zum anderen wird deutlich, wie sehr Himmler gerade auf diesem Feld seinen persönlichen Lebenswandel und seine Einstellungen zu Sexualität, Familienplanung und „Anständigkeit“ auf die SS zu übertragen bestrebt war - indem er, der
eine außereheliche Beziehung mit seiner Sekretärin unterhielt (aus der zwei Kinder hervorgingen), beispielweise auch seinen Männern die “Zweitehe“ empfahl.

Welche tödliche Wirksamkeit Himmlers Vorstellungen von „Zucht“, “Auslese“ und „Ordnung“ während des Zweiten Weltkrieges im besetzten Europa entfalteten, zeigt sich eindrücklich in den Kapiteln vier bis sechs. Hier ist es Longerichs Verdienst, die SS-dominierte Siedlungspolitik und die von Himmler als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums angestrebte „völkische Neuordnung“ endgültig aus dem Arsenal der phantastisch-abstrusen Visionen geholt und auf ihre machtpolitische Wirksamkeit überprüft zu haben:

Weil Himmler in Übereinstimmung mit Hitler in Europa längerfristig ein „großgermanisches
Imperium“ errichten wollte, wurden Millionen „Untermenschen“ ihrer Existenzgrundlage beraubt, vertrieben, umgesiedelt und ermordet. Insbesondere die Massenvernichtung der europäischen Juden, bei deren Konzeption und Umsetzung die SS die Schlüsselrolle spielte, bekam durch die längerfristige Zielsetzung eines deutsch dominierten und nur von
“Angehörigen guten Blutes“ bewohnten Herrschaftsraumes bis zum Ural ihre spezifische Radikalität.

Galt doch Himmler und seinen Umsiedlungsfunktionären die „Entfernung“ aller Juden aus dem Planungsgebiet als Grundbedingung jeder „Germanisierung“. Die “Endlösung“ sollte den Beginn einer noch umfassenderen ethnischen Neuordnung Europas darstellen.

Wichtig ist der Hinweis auf die besondere Bedeutung des Jahres 1942: Im Sommer 1942 - die Entscheidung zum systematischen Massenmord an den europäischen Juden war getroffen und die Umsetzung lief auf Hochtouren - stand Himmler an einem Punkt, an dem fast alles möglich erschien. Mittels forcierter Anstrengungen im Bereich der Siedlungspolitik und bei der Rekrutierung nicht-deutscher Menschen für die Waffen-SS gedachte er die rassistische Beherrschung und Neuordnung Europas voranzutreiben.

„Was hier 1942 ansatzweise sichtbar wird, ist eine an Brutalität, machtpolitischer Hemmungslosigkeit und Unmenschlichkeit kaum noch zu übertreffende Utopie - eine Utopie, die Himmlers ganz persönliche Handschrift trägt und die er glaubte, innerhalb kürzester Zeit in die Tat umsetzen zu können? (S. 593).

Himmlers neue Zuständigkeiten für die „Bandenbekämpfung“ in den besetzten Ostgebieten, also der Freibrief zur forcierten Ermordung von Zivilisten, insbesondere von Juden, sowie seine Versuche zum Aufbau eines SS-Rüstungsimperiums gestützt auf die Ausbeutung von
Konzentrationslagerhäftlingen sind weitere Facetten im Bild der extremen Kompetenzausweitung der Reichsführers SS in der zweiten Hälfte des Jahres 1942, der augenscheinlich den Sieg des Dritten Reiches fest vor Augen hatte.

Dass Himmlers Pläne durch die Kriegswende Ende 1942 letztlich zum Scheitern verurteilt waren und in Chaos und Auflösung mündeten, bremste den Elan des Reichsführers SS keineswegs. So begann er, seine Aktivitäten auf die Garantie der inneren Sicherheit in
Deutschland und den besetzten Gebieten zu verlagern und akkumulierte so ein einzigartiges Machtmonopol, unter anderem als Innenminister und Befehlshaber des Ersatzheeres.

Auch Moral und Selbstverständnis des „neuen Ordens“ waren für Himmler zur Erreichung machtpolitischer Ziele flexibel einsetzbar. Dies verdeutlicht unter anderem die berüchtigte Posener Rede von Oktober 1943. Himmler führte aus, man habe „abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen“, den Judenmord gemeinsam durchgestanden und sei dabei “anständig“ geblieben (S. 709). Diesmal diente der Appell an die Anständigkeit der SS-Granden jedoch nicht ihrer erzieherischen Disziplinierung, sondern der Bestätigung ihrer Mitwisser- und Komplizenschaft angesichts dieses größtmöglichen Verbrechens.

Fazit: Peter Longerich hat mit seiner Studie zur SS unter Heinrich Himmler zweifellos ein Standardwerk vorgelegt. Insbesondere im ersten Kapitel gelingt ihm eine anschauliche Darstellung von Himmlers Charakter und Persönlichkeit. Wenn sich ein biographischer Zugang zu Himmler finden lässt, dann mittels der überaus flexibel verwandten, zugleich
völlig inhaltsleeren Formel „Anständigkeit“, die Ehebruch ebenso einschließen konnte wie Massenmord.

Ein zweiter wichtiger Faktor bleibt der Hang Himmlers, sich als „Erzieher“ zu gebärden, den er schon in seiner Jugend auszuleben begann, später dann als SS-Chef perfektionierte. Dagegen vermag die psychologisierende Diagnose einer bereits im Kindesalter erworbenen „Bindungsschwäche“ Himmlers (S. 46f.) seine Entwicklung zum Machtmenschen und Massenmörder nicht wirklich zu erklären.

Von weitaus größerer Bedeutung sind die Ausführungen zu Struktur, Organisation und Geschichte der SS im Zweiten Weltkrieg. Es wird deutlich, wie überaus dynamisch Himmler Machtpolitik mit weltanschaulicher Fundierung verknüpfte und seine Organisation flexibel an jeweils veränderte politische Gegebenheiten anpasste: So reagierte er auf die kumulative Radikalisierung des NS-Regimes und trieb diese zugleich selbst voran. Wobei die Konzeption von Vernichtungspolitik und Judenmord als Fundament einer gewaltsamen ethnischen Neuordnung Europas fraglos den bedeutsamsten Radikalisierungsschritt darstellte und ohne Himmlers Initiative so nicht denkbar gewesen wäre.

Etwas unscharf bleibt allerdings Hitlers Anteil an diesen Visionen und ihrer brutalen
Realisierung, ebenso das Machtverhältnis zwischen dem Führer und seinem SS-Chef.

Angesichts der Reichweite der Darstellung ist der extensive Einsatz von Zitaten aus Himmler-Briefen, Tagebucheinträgen und Reden des Reichsführer SS zwar verständlich, doch eine Straffung hätte dem Buch gut getan. Wünschenswert und hilfreich für den Leser wäre ferner ein ausführlicheres, stärker analytisch-bilanzierendes Schlusskapitel gewesen, das die neuen Ergebnisse besser akzentuiert hätte. Doch diese Anmerkungen können den grundsätzlichen Wert der Studie nicht schmälern.

Anmerkungen

[1] Robert L. Koehl, The Black Corps. The Structure and Power Struggles
of the Nazi SS. Madison, Wisconsin 1983.
[2] Josef Ackermann, Heinrich Himmler als Ideologe, Göttingen 1970.
Richard Breitman, Der Architekt der ?Endlösung?. Himmler und die
Vernichtung der europäischen Juden, Paderborn 1996 (Englisch 1991).
Bradley F. Smith, Heinrich Himmler 1900-1926. Sein Weg in den deutschen
Faschismus, München 1979 (Englisch 1971).
[3] Peter Witte u.a. (Hrsg.), Der Dienstkalender Heinrich Himmlers
1941/42, Hamburg 1999.
[4] Ian Kershaw, Hitler. Bd. 1: 1889-1936, Stuttgart 1998. Bd. 2:
1936-1945, Stuttgart 2000.

Erstveröffentlichung bei H-Soz-U-Kult am 27.10 2009: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-4-083

 

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