Bildungsträger

Verantwortung übernehmen - Brücken schlagen

Einleitung

Aktion Sühnezeichen wurde im Jahre 1958 in Berlin-Spandau auf einer Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland als gesamtdeutsche Organisation gegründet. Die Spaltung Deutschlands machte jedoch eine gemeinsame Arbeit weitgehend unmöglich. Gleichwohl einem gemeinsamen Ziel verpflichtet, entwickelten "Sühnezeichen-Ost" und "Sühnezeichen-West" unterschiedliche Schwerpunkte in der praktischen Arbeit. Die Arbeit von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste e.V. (ASF - seit 1972 mit dem Namenszusatz "Friedensdienste") in der Bundesrepublik ist gekennzeichnet durch ein- bis zweijährige Freiwilligendienste im Ausland - anfangs in Aufbauprojekten, ab Mitte der 60er Jahre in sozialen Einrichtungen und Friedensprojekten.

Heute arbeiten ca. 140 Freiwillige in Israel, Polen, der Tschechischen Republik, Russland, Belorussland, Bosnien, Norwegen, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Großbritannien und den USA (siehe pdf-Dokumente). Sie betreuen Überlebende des Holocaust, körperlich und geistig Behinderte, soziale Randgruppen sowie Flüchtlinge und arbeiten in Gedenk- und Bildungsstätten zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. 1986 wurde die Internationale Jugendbegegnungsstätte der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste bauen ließ, der Stadt Oswiecim übereignet. Das Haus wird in deutsch-polnischer Kooperation geleitet und hat seither Tausende von Jugendgruppen aus mehr als zwanzig Nationen anlässlich ihres Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz beherbergt und betreut. Auf dem Gebiet der Gedenkstättenarbeit in Deutschland und Europa hat Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste erste und bahnbrechende pädagogische Impulse für die politische Jugendbildung gegeben.

Programmatik und Selbstverständnis von ASF

1. Bis heute begegnet uns die Geschichte des Nationalsozialismus auf besonders direkte Weise durch den Kontakt zu Überlebenden des Völkermordes, ihren Angehörigen und Kindern. Das Fragen und Lernen sowie die helfende und verstehende Zuwendung in der Begegnung mit diesen Menschen ist ein zentraler Bestandteil der Freiwilligendienste von ASF. Vielfach ist es erst heute - Jahrzehnte nach Kriegsende und in Folge der Veränderungen zwischen Ost und West - möglich, solche Begegnungen uneingeschränkt zu entwickeln.

2. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus und andere Lernorte sind unersetzlich für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen. ASF hat sich deshalb nachhaltig für die Institutionalisierung der Gedenkstätten und ihre Entwicklung zu Orten der politischen Bildung eingesetzt. Unabhängig von institutionellen Zwängen und politischen Vereinnahmungen sollten auch weiterhin Freiwillige in kurz- und langfristigen Diensten an diesen Orten tätig werden. Die Freiwilligen sind mit ihrem Lebenshintergrund und ihren Fragen an die Geschichte wichtige Partner für die konzeptionelle Weiterentwicklung dieser Orte. Sie wirken der Tendenz zur Musealisierung entgegen.

3. Die nationalsozialistische Ideologie führte dazu, dass Individuen, Gruppen und Völker diskriminiert, ausgegrenzt und ermordet wurden. Sensibilisiert durch die Geschichte des Nationalsozialismus und seine Wirkung bis heute arbeiten Freiwillige an Brennpunkten drohender Ausgrenzung, Diskriminierung und rassistischer Gewalt im In- und Ausland.

4. Bis heute ist das Verhältnis zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern, insbesondere zu den von der deutschen Wehrmacht überfallenen Ländern von den Erfahrungen jener Zeit geprägt. Die Vereinigung Deutschlands sowie seine dominierende Rolle im Prozess der europäischen Einigung rufen bei vielen unserer Nachbarn als Folge der historischen Erfahrung mit deutschem Großmachtstreben Unbehagen und Ängste hervor. Auch heute ist der Dienst der ASF-Freiwilligen wichtig. Er wird durch aktuelle Sichtweisen und Fragestellungen der Partner an die nachwachsenden Generationen in Deutschland ergänzt.

5. ASF sucht in der Auseinandersetzung mit den Folgen des Nationalsozialismus und mit aktueller Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus die Partnerschaft mit Menschen, die Opfer dieser politischen Erscheinungen in Geschichte und Gegenwart geworden sind. Von den Freiwilligen erfordert dies ein hohes Maß an einfühlendem Verstehen und breiter Kenntnis der europäischen Geschichte. Nationalistisches Denken und Empfinden breitet sich heute in vielen europäischen Staaten aus. Zusammen mit ihren Partnern erarbeitet ASF Beiträge zu einer offenen europäischen Zivilgesellschaft. Erfahrungen aus teilweise jahrzehntelanger Zusammenarbeit sind dafür eine ermutigende Grundlage.

6. Die besondere Methodik des Freiwilligendienstes von ASF besteht darin, praktische und theoretische Lernerfahrungen mit einer spezifischen Außensicht auf die Bundesrepublik und damit auf die eigene Herkunft zu verbinden. Seit 1997 wird der Versuch unternommen, diese Erfahrungen der Langzeitfreiwilligen mit der Sicht von Freiwilligen aus anderen Ländern zu konfrontieren, wie das im Rahmen der Sommerlager für Kurzzeitfreiwillige bereits geschieht. Die Vermittlung ausländischer Freiwilliger in Projekte in Deutschland in den Bereichen Gedenkstätten, Asyl und Antirassismus ist mit einem stärkeren Engagement von ASF im Inland verknüpft.

Geschichte der Sommerlager

Sommerlager bildeten das Fundament der Sühnezeichenarbeit in der DDR. Das Wort "Lager" erinnert an Konzentrationslager, Arbeitslager oder Straflager: Orte des Todes und der Verzweiflung, an denen Menschen gegen ihren Willen zusammengepfercht werden und gemeinsam Elend und Not ausgesetzt sind. Damals wie heute. Mit dem Wort "Lager" statt "Workcamp" oder ähnlichem soll an diese Orte und die damit verbundenen Gräuel erinnert werden. Das freiwillige Zusammenkommen und Zusammenleben unterschiedlicher Menschen soll Zeichen für Leben und Versöhnung sein. Von den Orten des Todes soll neues Leben und Hoffnung auf eine friedliche Welt ausgehen.

Die Bitte um Frieden ist heute ebenso aktuell wie 1958, als Präses Lothar Kreyssig zur Aktion Sühnezeichen aufrief. Ihre Arbeit begann 1959 in den Niederlanden. Junge Freiwillige aus beiden Teilen Deutschlands wollten beim Bau einer Sozialakademie in Rotterdam mitwirken. Den Freiwilligen aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde von den Behörden die Ausreise verweigert, da die Ziele der Aktion Sühnezeichen der Staatsdoktrin widersprachen. Nach langem Überlegen und Zögern wirkten deshalb die westdeutschen Teilnehmer allein an dem Projekt mit. Für die Arbeit der Aktion Sühnezeichen in der DDR mussten andere Formen gefunden werden. Von der Administration misstrauisch beobachtet, wurden Sommerlager als zwei- bis dreiwöchige Veranstaltungen konzipiert und durchgeführt, in denen Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenlebten und -arbeiteten. Sie waren das Fundament der Arbeit der Aktion Sühnezeichen in der DDR.

Die Zahl der Sommerlager stieg bis 1970 auf etwa dreißig pro Jahr an und blieb dann auf diesem Niveau. Die Entwicklung der Sommerlager war erheblich durch die politischen Umstände geprägt. In der Anfangszeit waren Sommerlager nur in Einrichtungen der Kirche in der DDR möglich, da es Aktion Sühnezeichen untersagt war, sich an öffentlichen oder kommunalen Projekten zu beteiligen und in den Mahn- und Gedenkstätten zu arbeiten. Begründet wurde dieses Verbot damit, dass die DDR ein antifaschistischer Staat sei, der aufgrund dieser Ausrichtung für die Folgen des Nationalsozialismus nicht haftbar zu machen sei. Die Aktion Sühnezeichen habe deshalb nur in der Bundesrepublik eine Existenzberechtigung.

Obwohl es offiziell nicht möglich war, Sommerlager in den sogenannten sozialistischen Bruderländern durchzuführen, wurden immer wieder Möglichkeiten gefunden, in kleinen Arbeitsgruppen die Idee der Aktion Sühnezeichen zu verwirklichen. So konnten 1965 und 1966 Gruppen von Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz, Majdanek, Stutthof, Groß-Rosen und Wroclaw in Polen sowie nach Lidice und Theresienstadt in der CSSR fahren. Unter anderem legten die Gruppen die Fundamente der ehemaligen Gaskammern in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau frei. 1967 und 1968 verhinderte die Regierung der DDR trotz mehrerer offizieller Einladungen der verschiedenen Gedenkstätten eine Wiederholung der Sommerlager in Polen und der CSSR, indem sie die nötigen Ausreisevisa verweigerte.

Durch die Abschaffung des Visumzwangs zwischen der DDR und Polen sowie der CSSR 1972 wurde die Arbeit der Aktion Sühnezeichen sehr erleichtert. Obwohl die Sommerlager nach wie vor nur inoffiziell vorbereitet und durchgeführt werden konnten, funktionierte der Austausch nun in beiden Richtungen. Gemeinsam mit polnischen, tschechischen und slowakischen Freiwilligen konnten in allen drei Ländern Sommerlager durchgeführt werden. 1979 konnte erstmals eine Gruppe in einer Gedenkstätte in der DDR (in Buchenwald) arbeiten. Seit 1981 ist die Anzahl der Sommerlager in diesen Gedenkstätten erheblich ausgedehnt worden. Sommerlager von Aktion Sühnezeichen fanden unter anderem in Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück und Dora-Mittelbau bei Nordhausen statt (siehe Dokumente). Die Gedenkstättenarbeit konnte als fester Bestandteil der Aktivitäten von Aktion Sühnezeichen etabliert werden.

Die Öffnung der Grenzen und die Veränderungen in Europa Ende der 80er Jahre boten neue Möglichkeiten und stellten neue Anforderungen an die Ausgestaltung der Arbeit von Aktion Sühnezeichen. Die mit der Vereinigung von Aktion Sühnezeichen (DDR) und Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (BRD) 1991 zusammengeführten Aktivitäten brachten eine Neuausrichtung der Sommerlager mit sich. Während die inhaltlichen Schwerpunkte nach wie vor in der Begegnung mit jüdischen Gemeinden, der Arbeit auf jüdischen Friedhöfen, in Gedenkstätten und sozialen Einrichtungen lagen, wurden die Arbeitsorte verstärkt außerhalb Deutschlands gesucht. Sommerlager von Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste finden seitdem unter anderem auch in Russland, der Ukraine, in Frankreich, Großbritannien und auf Kreta statt. Die Sommerlager bieten Teilnehmer/innen aus verschiedensten Altersgruppen, Berufen, Staaten und sozialen Schichten die Möglichkeit, miteinander zu leben, zu arbeiten und gemeinsam ein Zeichen für Frieden und Versöhnung zu setzen.

Kontakt

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
Auguststr. 80
D-10117 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 28 39 51 84
Fax: +49 (0) 30 28 39 51 35
www.asf-ev.de

 

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