Projekt

Entlang des Todesmarsches

Eckdaten

Ort/Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern
Institution: Landesjugendring
Autor: Wolfgang Klameth
Altersgruppe: 16 Jahre und älter

Bibliografie

  • Hoppe, Brigitte: Konzentrationslager Neuengamme. Außenlager Wöbbelin. Verzeichnis der in Wöbbelin umgekommenen Häftlinge - Dezember 1944-Juni 1945, Rostock 1994
  • Projektarbeit in Gedenkstätten. Methodische Überlegungen und Praktische Erfahrungen. Eine Tagung in Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Oranienburg 1995
  • Ehls, Marie Luise: Thesenpapier Gedenkstättenpädagogik. Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen. In: Politische Memoriale - Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Neubrandenburger Konferenz der Projektgruppe - 9./10, 1996, S. 60-63

Projekt Kontakt

Wolfgang Klameth
Schwerin
Mail: ljr [at] in-mv [dot] de

Fahrradtouren durch historisch wichtige Regionen organisiert der Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern seit 1966. Die Jugendlichen treffen auf Gedenksteine entlang der Todesmärsche von Häftlingen aus Ravensbrück und Sachsenhausen. Sie besuchen die Gedenkstätten Wöbbelin und Neustadt-Glewe. Das Projekt verbindet historisches Lernen mit dem Kennenlernen von Natur, Sport und Erholung.

Einleitung

Warum dieser etwas andere Umgang mit außerschulischer politischer Jugendbildung und Gedenkstätten? Die Schlagzeilen in den Medien zum Thema "Jugend" mögen genug Begründung zur Intensivierung außerschulischer politischer Jugendbildung sein. Doch allein vor diesem Hintergrund besteht schnell die Gefahr, dass sie als eine Art "Allzwecktherapeutikum" angesehen und angesichts aktueller gesellschaftlicher Probleme funktionalisiert wird.

Wie aber lassen sich Jugendliche ansprechen? Politische Bildung muss mehr denn je Offenlegung, Auseinandersetzung, Dialog, Authentizität in belehrungs- und herrschaftsarmen Räumen bedeuten. Sie muss Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels eröffnen, der von Erwachsenen mitgetragen wird. Perspektivisch sind Kooperation und eine Kombination von Bildungsfeldern angezeigt, ist der Einbezug lokaler und regionaler Lebenszusammenhänge, sind authentische politische Begegnungen und hautnahe Aushandlungsprozesse notwendig. Für die Träger der politischen Jugendbildung bedeutet dies den Ausbau der Kooperation untereinander. Diesen Weg versuchen der Landesjugendring als Dachorganisation der freien Jugendverbände und das Projekt "Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern" an der Akademie Schwerin e. V. gemeinsam zu gehen.

Fahrradtouren

Wir haben Fahrradtouren durch die Lewitz, südlich der Landeshauptstadt Schwerin, sowie über die Halbinsel Darß und das "Fischland" an der Ostseeküste angeboten. Diese Touren sollten Interesse wecken an diesem Land, an seiner Geschichte, an den Geschehnissen und an seinen Menschen. Historische Orte aus der Zeit des Nationalsozialismus und der Umgang mit diesen Orten bis heute standen im Mittelpunkt der Fahrten. Sie sollten zum Gespräch über Vergangenheit und den Umgang mit ihr anregen.

Tour durch die Lewitz

Bei der ersten Fahrt durch die Lewitz lernten wir eine wunderschöne Landschaft mit ihren Wäldern, riesigen Weideflächen, Kanälen und Fischteichen kennen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer begegneten in der Landeshauptstadt Schwerin Gedenksteinen für den Todesmarsch der KZ-Häftlinge von Ravensbrück und Sachsenhausen, besuchten die Mahn- und Gedenkstätten in Wöbbelin und das Gelände des KZ-Außenlagers in Neustadt-Glewe. In Neustadt-Glewe waren wir verwundert, wie versteckt auf diese dunkle Seite der Lokalgeschichte verwiesen wird und fanden sogar noch bauliche Überreste des Lagers.

In Wöbbelin erfuhren wir, dass ein Teil der Hochgeschwindigkeitstrasse für den zwischen Hamburg und Berlin geplanten "Transrapid" über das ehemalige Lagergelände gelegt werden sollte. Auch hier nahmen wir das ursprüngliche Gelände in Augenschein. Für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Fahrt war es schon erstaunlich zu erfahren, wie mit den Überresten der Orte von NS-Gewaltverbrechen heute umgegangen wird. Zu DDR-Zeiten spielten diese beiden authentischen Orte in der lokalen Erinnerungsarbeit keine Rolle. Diese Fahrt inspirierte uns, ein Workcamp in Wöbbelin durchzuführen, das die Lagerüberreste dokumentieren sollte. Anfang Oktober 1997 wurde die Idee mit Erfolg in die Tat umgesetzt.

Tour über den Darß

Die Landschaft wollten wir auch auf einer zweiten Tour über den Darß und das Fischland "erfahren" und historische Kenntnisse vertiefen. Auf dieser Fahrt gelang es uns noch besser, die Begegnung mit der Geschichte zu echten Erlebnissen werden zu lassen. Das war der Initiative Helga Radaus aus Barth und des Pfarrers Apel in Zingst zu verdanken. Beide konnten Zeitzeugen zum historischen Geschehen an ihren Orten gewinnen, die sich den Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Fahrt stellten. In Barth besuchten wir das Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Barth und den Gedenkstein für das Stalag Luft 1.

In Zingst, einem Ort auf dem Darß, erfuhren wir einiges über das Schicksal des Pfarrers Gerhard Krause, der 1944 von den Nationalsozialisten verhaftet wurde. Auch Dietrich Bonhoeffer hatte sich in Zingst aufgehalten und war in Kontakt zu Pfarrer Krause getreten. Auf dem Zingsthof erlebten wir eine Überraschung, als uns ein Verantwortlicher den Einblick in ein Fotoalbum über die 30er Jahre und in eine Arbeit zur Geschichte des Zingsthofs ermöglichte. Mit diesen Materialien konnten wir uns ein lebendiges Bild von dem historischen Ort machen, an dem Dietrich Bonhoeffer und Kurt Gerstein kurzzeitig wirkten. Besonderes Interesse fand das Schicksal Gersteins, der als aktives Mitglied der "Bekennenden Kirche" im Krieg in die SS eintrat, um ihre Verbrechen öffentlich zu machen. Doch letztlich scheiterte Gerstein daran, dass niemand im Ausland seine Wahrheit über die Todeslager wissen wollte.

Auswertung

Bei den Beteiligten erwies sich die Beschäftigung mit dem Thema von Beginn an als ein Selbstläufer. Motivierung war lediglich bei einigen Fahrradkilometern nötig. Die Touren waren durch eine intensive Arbeit am Thema gekennzeichnet, dem Interesse, historische Spuren zu suchen und sich mit "Erfahrenem" auseinander zusetzen. Nicht zuletzt zeichneten sich beide Veranstaltungen durch eine angenehme menschliche Atmosphäre aus. Spaß und Entspannung kamen während der Wochenenden nicht zu kurz.

 

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