Projekt

Vom Namen zur Nummer

Eckdaten

Ort/Bundesland: Niedersachsen
Schule: Kooperative Gesamtschule Stuhr
Lehrerin: Ilse Henneberg
Altersgruppe: 16 Jahre und älter
Fach: Religion

Bibliografie

  • Geve, Thomas: Es gibt hier keine Kinder. Auschwitz, Groß-Rosen, Buchenwald. Zeichnungen eines kindlichen Historikers, Volkhard Knigge (Hg.). Göttingen - Wallstein 1997
  • Kralovitz, Rolf: "Zehn Null Neunzig" in Buchenwald - Ein jüdischer Häftling erzählt seine Geschichte. Walter Meckauer Kreis. Köln 1996
  • Gemmeke-Stenzel, Bärbel / Henneberg, Ilse (Hg.): Gestern Nachbar - heute Jude. Verfolgte in der Heimat. Bremen 1995
  • Henneberg, Ilse (Hg.): Vom Namen zur Nummer. Einlieferungsritual in Konzentrationslagern. Bremen 1996

Projekt Kontakt

Ilse Henneberg
Brunnenweg 2
D-28816 Stuhr-Brinkum
Tel.: +49 (0) 4 21 80 96 9
Fax: +49 (0) 4 21 80 96 91 14
www.kgs-stuhr.de/

Auf der Basis von Häftlingszeichnungen, SS-Dokumenten und Zeitzeugenberichten haben Schüler in Niedersachsen eine Ausstellung zu den Einlieferungsprozeduren in fünf ausgewählten Konzentrationslagern erarbeitet. Eigene Kunstobjekte ergänzen ihr Gedenken an das Schicksal und die Leiden der Opfer. 1996 wird die Ausstellung in der eigenen Schule eröffnet und später in anderen Städten vorgestellt.

Projektdurchführung

Sommerferien 1995 - in kleinen Gruppen fahren einige Schülerinnen und Schüler der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Stuhr (Niedersachsen) zu verschiedenen KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik: Dachau bei München, Buchenwald bei Weimar, Ravensbrück nördlich von Berlin, Neuengamme bei Hamburg und Hannover-Ahlem. Ihr Interesse gilt dem Prozess der Erniedrigung des Menschen zur Nummer bei der Ankunft der Gefangenen in den Konzentrationslagern. Die Mitarbeiter in den Archiven unterstützen die Schülerinnen und Schüler. Unerwartet viele Zeichnungen und Berichte dokumentieren die große Bedeutung des Ankunftsrituals.

Die Auswertung der Recherche erfolgte im neuen Schuljahr in einem Projektkurs im Fach Evangelische Religion der Oberstufe. Die Teilnahme war freiwillig und setzte ein großes Engagement der fünfzehn Schüler voraus.

Ausstellung

Ziel der Projektarbeit war die Aufbereitung der gefundenen Dokumente zu einer Wanderausstellung mit dem Titel "Vom Namen zur Nummer". Die Idee dazu entstand während eines früheren Besuches in der Gedenkstätte Buchenwald. Gemeinsam mit Bernd Gempe, einem pädagogischen Mitarbeiter der Gedenkstätte, wurde die Ausstellung geplant. Die Archive des Staatlichen Museums Oswiecim (Auschwitz), des Instituts für Zeitgeschichte in München, der Gedenkstätten Bergen-Belsen und Sachsenhausen sowie der Bundesarchive Koblenz und Potsdam steuerten nach Anfrage ergänzende Materialien bei. Der Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Dr. Thomas Rahe, führte die Gruppe bei einem Besuch in die Problematik des Umgangs mit Zeitzeugenberichten und Häftlingszeichnungen ein.

Im Unterricht erarbeiteten die Schüler anhand von Fachliteratur Informationstexte zum Einlieferungsritual. Gemeinsam ordneten sie SS-Dokumente und Häftlingszeichnungen nach der Abfolge des Vorgangs. Aus den literarischen Berichten wurden prägnante Zitate ausgewählt, die die Erlebnisse und Gefühle der Häftlinge wiedergeben. In kleinen Gruppen rekonstruierten sie die spezifischen Bedingungen der Einlieferung in fünf Konzentrationslager. Die Ergebnisse stellten sie auf Ausstellungstafeln dar.

Bei einem mehrtägigen Aufenthalt in der Jugendbegegnungsstätte Buchenwald fertigten die Schüler Kunstobjekte an, die die Ausstellung ergänzen. Um Einzelheiten über die Einlieferung zu erfahren, nahmen die Jugendlichen Kontakt zu Überlebenden auf.

Die Ausstellung wurde im Juni 1996 in der KGS Brinkum eröffnet. Sie gliedert sich in drei Teile, die aus verschiedenen Perspektiven den Leidensweg der Menschen zur Nummer in den Konzentrationslagern nachzeichnen. Der erste Teil zeigt das Ritual der Entmenschlichung bei der Ankunft der Gefangenen. Der zweite Teil dokumentiert die Besonderheiten des Einlieferungsvorgangs in den fünf Konzentrationslagern. Selbstzeugnisse Überlebender werden im dritten Teil vorgestellt.

Der erste Teil

Die Erniedrigung der Häftlinge zur Nummer erleichterte den Tätern die planmäßige Ermordung und fabrikmäßige Verwertung des Menschen. Bei der Ankunft im KZ raubte die SS den Menschen Freiheit, Kleidung, Eigentum, Haare, Würde und Namen. Das abgestufte Ritual am Anfang zielte schon auf das Ende, den Tod der Menschen. Die Entwürdigung belegen SS-Dokumente im ersten Teil der Ausstellung. Sie werden kommentiert durch sich gegenseitig ergänzende Zeichnungen und Zitate der Häftlinge, die das Individuum wieder sichtbar werden lassen. Nüchtern, bürokratisch und funktional zeigen SS-Fotos und Dokumente die Einlieferung ins KZ. Ein Wehrmachtsfrachtbrief über Häftlingstransporte aber verschweigt das Leiden und Sterben der Menschen auf dem Transport. Erst durch die Gegenüberstellung der Dokumente der Täter mit den unmittelbaren Zeugnissen der Opfer wird das Verbrechen sichtbar. Die Perspektive der Opfer, ihr Leiden, rückt ins Zentrum. Um dem Verlust von Würde und Selbstachtung entgegenzuwirken, gelang es einigen Häftlingen, heimlich zu zeichnen und zu schreiben. Wurden sie dabei entdeckt, drohten ihnen Folter oder Todesstrafe.

Von den etwa vierzig ausgestellten Zeichnungen entstanden die meisten unter den extremen Lebensbedingungen im Lager. Aus Mangel an Papier und Zeichengeräten benutzten die Künstler jedes irgendwie geeignete Material: Papierfetzen, Rückseiten von SS-Formularen, Kohle oder Bleistiftreste. Daher sind die Originale oft von kleinem Format. Sie ließen sich auch leichter verstecken. Für die Ausstellung wurden die meisten Bilder jedoch vergrößert. Die entwürdigenden Stationen der Ankunft zeichneten die Häftlinge bewusst realistisch, um die Verbrechen zu dokumentieren. Es dominieren flüchtige Bleistiftskizzen, die die Menschen als entindividualisierte, in sich zerbrochene Opfer zeigen. Farbige Darstellungen wie die Aquarellzeichnungen von Künstlern aus dem KZ Buchenwald sind eine Seltenheit. Nur denen, die in der Häftlingshierarchie weit oben standen, wie den politischen Häftlingen, gelang es, sich unter dem Schutz ihrer Genossen, Papier und Farben zu beschaffen. Erst nach der Befreiung 1945 entstehen die meisten farbigen und stark detaillierten Zeichnungen wie die von Thomas Geve, Alfred Kantor, Wladyslaw Siwek und Mieczyslaw Koscielniak. Gefahrlos kann jetzt das ganze Ausmaß des Terrors künstlerisch dargestellt werden.

In der Ausstellung wurde weitgehend auf bekannte Fotos, "Ikonen des Verbrechens", verzichtet. Ihr Wiedererkennen verleitet den Betrachter und insbesondere Schüler, das Geschehen als bekannt "abzuhaken". Die Gegenüberstellung von SS-Fotos und Dokumenten mit den Zeichnungen und Zitaten der Häftlinge bleibt offen für vielfältige Deutungen des Betrachters. Gerade die Selbstzeugnisse ermöglichen eine emotionale Annäherung, zeigen aber auch die unüberbrückbare Distanz zwischen Betrachter und historischer Wirklichkeit. Die Bedeutung für die eigene Gegenwart muss jeder für sich selbst erschließen.

Der zweite Teil

Der zweite Teil der Ausstellung thematisiert die Unterschiede des Einlieferungsgeschehens in den fünf Konzentrationslagern. In Dachau, dem Modell für andere Lager, wurde das Ritual "erprobt". Historische Fotos zeigen anhand eines Lageplans die Ankunft der Häftlinge. Mit dem Funktionswandel der Konzentrationslager Mitte der dreißiger Jahre änderte sich auch der Einlieferungsvorgang.

Diese Entwicklung wird auf der Tafel zum KZ-Buchenwald im Detail dargestellt, wobei vor allem die Rolle der politischen Häftlinge bei der Ankunft von Transporten berücksichtigt ist. Die Gefühle der Frauen, besonders beim Scheren der Haare und bei der Vaginaluntersuchung, stehen anhand von Zitaten und Zeichnungen aus dem KZ Ravensbrück im Mittelpunkt. Auf den zunächst geplanten Vergleich geschlechtsspezifischen Erlebens der Einlieferung haben wir verzichtet, um übereilte Interpretationen zu vermeiden. Wir wollten das Leiden von Männern und Frauen nicht miteinander vergleichen und abwägen.

Das Aufenthaltslager im KZ Bergen-Belsen nimmt eine Sonderstellung ein, da die zum Austausch bestimmten Juden ihre Habseligkeiten, Kleidung und Haare behalten durften.

Auf ein Problem der Stadt Hamburg stießen zwei Schüler bei ihrem Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers befand sich eine Strafvollzugsanstalt.

Der dritte Teil

"Ich bin wieder Mensch geworden!" - Dieser Satz aus einem Brief von Ilse Stephan, befreit aus dem KZ Bergen-Belsen, leitet den dritten Teil der Ausstellung ein. Überlebende werden mit Fotos, Lebensläufen, Büchern oder Briefen vorgestellt. Diese Frauen und Männer, zu Nummern gemacht, legen in ihren Erinnerungen Zeugnis ab von den Verbrechen der Nationalsozialisten und all denen, die sie unterstützt und ihnen zugejubelt haben. Zudem dokumentieren sie die Menschlichkeit der Gequälten. Aus ihren Berichten sind in der Ausstellung Zitate und Zeichnungen wiederzufinden. Die Schüler haben alle oben genannten Zeitzeugen um weitere Auskünfte gebeten. Es werden nur die Antworten der Überlebenden veröffentlicht, die bisher nicht mit eigenen Publikationen hervorgetreten sind. Das Leben mit dem immer gegenwärtigen Trauma, mehr als fünfzig Jahre nach der Befreiung, versuchen die Schüler durch die Gestaltung der Tafeln anzudeuten: Auf grauschwarzen Pappresten kleben angebrannte Fotos vom Inferno der Lager. Vor diesem Hintergrund heben sich die Informationen über die Zeitzeugen ab.

Kunstobjekte

Zwischen den 22 Ausstellungstafeln stehen - thematisch zugeordnet - die Kunstobjekte der Jugendlichen, die sie während ihres Aufenthalts in der Gedenkstätte Buchenwald entworfen haben. Sie erinnern an die Opfer und ihre Leiden, stellen aber gleichzeitig einen Bezug zwischen den historischen Ereignissen und der Gegenwart her. Als gedankliche Stolpersteine fordern sie den Betrachter auf, selbst Position zu beziehen, sich auch emotional auf die Vergangenheit einzulassen, sich ihr zu nähern. Mit Hilfe dieser Objekte ist es möglich, komplexes historisches Geschehen anschaulich und komprimiert darzubieten.

Dias

Dias deuten das Lagerleben vieler Häftlinge von der Nummerierung bis zum Tod an. Sie werden auf den Rücken des Gipstorsos "Ist das ein Mensch?" projiziert.

Erinnerung wach halten

Mit der Ausstellung möchten wir die Erinnerung an die NS-Verbrechen wach halten, der Opfer gedenken und ihre Selbstzeugnisse als immerwährende Mahnung tradieren.

 

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