Projekt

Sinti und Roma an der Unterweser

Eckdaten

Ort/Bundesland: Freie Hansestadt Bremen
Schule: Christian-Andersen-Schule
Lehrer: Bernd Winkelmann
Altersgruppe: 14 Jahre und älter
Fach: Deutsch, Geschichte, Politik

Bibliografie

  • Rose, Romani (Hg.): Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 1995
  • Kenrick, Donald: Sinti und Roma - die Vernichtung eines Volkes im NS-Staat. In: Reihe pogrom: Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen 1981
  • Wippermann, Wolfgang: "Wie die Zigeuner" - Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin 1997

Zwei neunte Klassen einer Schule für Lernbehinderte beschäftigen sich mit Sinti und Roma in Bremerhaven ab der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart. Sie besuchen den örtlichen Sinti-Verein, interviewen Zeitzeugen und werten lokale Dokumente aus. Daraus entsteht ein Lesebuch. 1994 gewinnen sie beim städtischen Schulwettbewerb um den "Harry-Gabcke-Preis für Stadtgeschichte" den 2. Preis.

Anmerkungen zur Schule

Die Christian-Andersen-Schule in Bremerhaven ist eine Schule für Lernbehinderte der Sekundarstufe I. Derzeit existieren neun Klassenverbände mit ungefähr 120 Schülerinnen und Schülern. Beschult werden alle Jugendlichen aus dem Stadtgebiet nördlich des Flusses Geeste. Charakteristisch für diesen Schultyp ist die große Leistungsbreite mit fließenden Übergängen zur Schule für Geistigbehinderte und zur Hauptschule. Bei einem entsprechenden Zeugnis wird der Hauptschulabschluss zuerkannt.

Das Thema im Unterricht

Die Unterrichtseinheit "Sinti und Roma an der Unterweser" entstand im Zusammenhang mit dem vom Senator für Bildung in Bremen genehmigten schulbegleitenden Forschungsprojekt "Weiterentwicklung der vorhandenen Schulkultur zur Schaffung von Identifikationsmöglichkeiten mit der Schule unter besonderer Berücksichtigung von Schüler/innen aus dem Kulturkreis der Sinti".

Beide am Projekt beteiligten neunten Klassen wurden von Jugendlichen aus dem Kulturkreis der Sinti besucht. In der Klasse 9a entstammten vier der dreizehn Schülerinnen und Schüler dieser Bevölkerungsgruppe. Beide Lerngruppen arbeiteten bereits seit einigen Jahren in ziemlich konstanter Zusammensetzung. Aus diesem Grund waren die Schülerinnen und Schüler zum Teil freundschaftlich miteinander verbunden und tauschten sich auch über sehr persönliche Dinge aus.

Die Klasse 9a erarbeitete das hier vorgestellte Lesebuch (siehe Dokumente). Die Parallelklasse entwickelte unter Leitung des Kollegen Joachim Wolff eine Diapräsentation zum gleichen Thema. Beide Arbeiten wurden beim städtischen Schulwettbewerb um den "Harry-Gabcke-Preis für Stadtgeschichte" eingereicht und erhielten gemeinsam einen zweiten Preis.

Methodisches Vorgehen

Den Schülerinnen und Schülern war es wichtig, Informationen "aus erster Hand" zu bekommen. Dazu wurden als Einstieg Gespräche mit verschiedenen Personen geführt:

  • Ein Mitschüler wurde gebeten, über seine Erfahrungen "auf Reisen" zu berichten.
  • Die Großmutter eines anderen Schülers hatte die Zeit des Faschismus erlebt und durfte von einigen Klassenmitgliedern interviewt werden.
  • Der Vater eines weiteren Mitschülers arbeitete im Bremerhavener Sinti-Verein mit
  • Beide Klassen besuchten den Sinti-Verein in seinen Räumlichkeiten, konnten mit Vorstandsmitgliedern sprechen, betrachteten gemeinsam eine Dokumentation über den Faschismus und sahen den Film über die Kinder von Mulfingen an.

Im Anschluss an diese Gespräche ergaben sich für die Schülerinnen und Schüler viele Fragen. Diese bezogen sich vor allem auf:

  • die Herkunft der Sinti und Roma
  • die Verfolgung während des Faschismus
  • das Leben von Sinti und Roma in der heutigen Zeit
  • und deren Situation in Bremerhaven

Arbeit mit Materialien

In einem ersten Schritt untersuchten die Schülerinnen und Schüler die an der Schule vorrätigen Lesebücher, in denen über Sinti und Roma nichts zu finden war. Ähnlich verlief ein Besuch in einer städtischen Bibliothek: Von 32.000 Büchern gab es nur eines zu unserem Thema. Zurückgegriffen wurde dann auszugsweise auf Bände zur Stadt- und Landesgeschichte, die zumindest einige Informationen liefern konnten, sowie auf Fachbücher und einen Zeitungsartikel.

Nachdem die Texte fertiggestellt, die Bilder ausgesucht und die Dokumente eingeordnet waren, erfolgte eine Einladung an die Vorstandsmitglieder des Sinti-Vereins, um die Texte auf ihre sachliche Richtigkeit hin abklären zu lassen. Die Schülerinnen und Schüler wurden mit entsprechenden Hinweisen bedacht, auch hinsichtlich korrekter Formulierungen. Entscheidendes Lernziel dieses Unterrichtsabschnittes war die Herstellung eines Dialogs. Es ging uns darum, nicht über Menschen zu schreiben, sondern Sachverhalte mit ihnen zu formulieren.

Folgen aus der Unterrichtseinheit

Der beschriebene Lernprozess hinterließ auch schulinterne Wirkungen. Auf Initiative der beteiligten neunten Klassen beschäftigte sich die Schülervertretung mit den schuleigenen Lexika, die diskriminierende Passagen über Sinti und Roma beinhalteten. Im Anschluss an die Beratungen stellte die Schülervertretung (SV) erfolgreich einen Antrag an die Schulkonferenz auf Anschaffung neuer Lexika für alle Jahrgänge der Christian-Andersen-Schule. Außerdem fand in der Schule mit den am Projekt beteiligten Klassen und anderen interessierten Schülerinnen und Schülern eine Lesung mit Michail Krausnick statt. Der Autor las aus seinem Buch "Da wollten wir frei sein".

Ausblick

Für die Motivation und das Lernergebnis der Beteiligten waren deren unmittelbare Betroffenheit von großer Bedeutung. Als Zeitzeugen aus dem unmittelbaren Erfahrungsumfeld kamen dem Mitschüler, dem im Sinti-Verein organisierten Vater und der Großmutter, die das KZ überlebt hat, ein hohes Maß an Authentizität zu. Diese persönliche Nähe in Verbindung mit der Quellenforschung, bezogen auf die eigene Heimatstadt, die politische Einbettung des Themas in das aktuelle Zeitgeschehen und die Vergangenheit vergegenwärtigten: Sinti werden auch heute noch bei der Wohnungssuche diskriminiert. Auch die "Carlsburg" als Ort der Verschleppung während des Faschismus steht noch. Wenn auch zur Hochschule umgebaut, kann diese "Stätte des Grauens" jedoch weiterhin aufgesucht werden. Eine dort errichtete Gedenktafel erinnert mittlerweile an diese Zeit.

 

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