Projekt

Nach Israel mit Brundibár

Eckdaten

Ort/Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern
Institution: Musikschule "Johann Wilhelm Hertel"
Autor: Volker Ahmels
Altersgruppe: 8 Jahre und älter
Fach: Musik

Bibliografie

  • Jeunesses Musicales Deutschland (Hg.): Kinder- und Jugendprojekt Brundibár. Eine Initiative der Jeunesses Musicales zur Erinnerung an die Kinder von Theresienstadt. Weikersheim 1997
  • Kuna, Milan: Musik an der Grenze des Lebens. Musikerinnen und Musiker aus böhmischen Ländern in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen. Frankfurt am Main 1993
  • Weissová-Hosková, Helga: "Zeichne was Du siehst". Zeichnungen eines Kindes aus Theresienstadt/Terezin. Deutsch-Cesky-English. Wallstein-Verlag Göttingen 1998

Projekt Kontakt

Volker Ahmels
Puschkinstr. 6
D-19055 Schwerin
Tel.: +49 (0) 3 85 56 29 29 

"Brundibár", die tschechische Kinderoper, entstand 1938. Sie wurde zwischen 1942 und 1944 im Ghetto Theresienstadt von dort internierten Kindern über fünfzig mal aufgeführt. Schüler einer Musikschule in Schwerin studieren die Oper 1996 ein. Sie werden mit ihr nach Israel eingeladen und treffen dort neben anderen Zeitzeugen auch Zvi Cohen, einen jener musizierenden Kinder aus dem Ghetto Theresienstadt.

Einleitung

Das Opernprojekt "Brundibár" von Hans Krása ist in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung an eine Musikschule, denn bei unserer Aufführung sind alle Darsteller und Musiker Schüler unseres Schweriner Konservatoriums. Die Konfrontation mit einem Thema, dessen tragische Umstände der früheren Aufführungen nicht auszuklammern sind, macht heutzutage Sinn. Unser Ansatz ist dabei, über Probleme nicht nur zu reden, sondern durch den sensiblen Umgang mit dem Thema ein adäquates Verständnis zu gewinnen. Besondere Freude hat es dem Regieteam und der Schulleitung mit den beteiligten Lehrerinnen und Lehrern gemacht, dass die Schüler und ihre Eltern dem Projekt von Anfang an ausgesprochen offen gegenüberstanden, so dass die vielen Mühen aller Beteiligten dadurch erleichtert wurden. Dass wir auch Kinder unseres Behindertenprojekts integrieren konnten, zeigt dabei, wie viele wichtige Aufgaben eine Musikschule in unserer Gesellschaft heute leisten kann und weiterhin leisten soll. Nach mehreren Aufführungen 1996 und 1997 in Schwerin und einem Gastspiel in Odense/Dänemark wurde eine Reise nach Israel im Februar 1997 geplant.

Zur Geschichte

Zu denen, die nicht ins Konzept der Nazis passten und deshalb vernichtet wurden, gehörten auch die Kinder sogenannter "minderwertiger Rassen". Tausende von ihnen mussten einige Zeit im Ghetto Theresienstadt verbringen, ehe die meisten von ihnen in die Vernichtungslager deportiert und dort ermordet wurden. Geblieben sind Spuren menschlichen Lebens: Namen, Daten, Fotografien und Zeichnungen, Gedichte sowie Berichte und Erinnerungen der wenigen, die überlebten.

Eine der ergreifendsten Spuren der in Theresienstadt inhaftierten Kinder trägt den Namen "Brundibár", eine Kinderoper, die 1938 als Gemeinschaftswerk des Librettisten Adolf Hoffmeister und des Komponisten Hans Krása in Prag entstand. Die Uraufführung fand im Herbst 1942 in einem jüdischen Waisenhaus in aller Heimlichkeit statt. Der Komponist konnte sie nicht miterleben. Er wurde, wie auch später die Kinder der Aufführung, in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

In Theresienstadt gab es insgesamt 55 Aufführungen der Oper in einer neuen Fassung, die riesigen Anklang bei den Gefangenen fanden - auch wenn die Nazis die Oper für Propagandazwecke missbrauchten. Viele der Kinder wurden wie der Komponist 1944 in Auschwitz ermordet. Nach dem Krieg gerieten Werk und Komponist zunächst in Vergessenheit. Und obwohl diese Schreckenszeit noch nicht allzu lange zurückliegt, beginnt sich erneut das Gespenst des Rassenhasses auszubreiten - nicht nur in weit entfernten Ländern, nein, auch bei uns.

Die Handlung von Brundibár

Die Handlung von Brundibár ist eine einfache Geschichte über Gut und Böse. Die Geschwister Aninka und Pepicek haben Sorgen: Ihr Vater ist tot und ihre Mutter krank. Frische Milch würde ihr helfen, sagt der Arzt. So gehen die beiden Geschwister auf den Markt, um Milch zu holen. Dort preisen die Händler ihre Waren an. Fast alles kann man hier bekommen - aber nur für Geld, und die Kinder haben keines. Doch ohne Geld gibt ihnen auch der Milchmann nichts. Da sehen Aninka und Pepicek den Leierkastenmann Brundibár. Mit seiner Musik zieht er die Erwachsenen scharenweise in seinen Bann. Sie singen und tanzen und werfen ihm viele Münzen zu. Da Aninka und Pepicek sehen, dass man mit Musik auch Geld verdienen kann, beschließen sie, es auf ihre Weise zu versuchen. Sie singen ein Lied, um die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sich zu ziehen. Aber niemand bemerkt sie, denn ihre Stimmen sind zu schwach, um gegen den Lärm des Leierkastens anzukommen - außerdem vertreibt der böse Brundibár sie kurzerhand, da er lästige Konkurrenz nicht dulden will.

Die Nacht bricht an, als ein Hund, eine Katze und ein Spatz ankommen und die traurigen Kinder trösten. Sie beraten sich mit ihnen und versprechen, ihnen zu helfen. Gemeinsam kommen sie zu dem Schluss: Wenn viele Kinder gegen Brundibár antreten, könnten sie ihn besiegen. Voller Hoffnung schlafen die Geschwister ein. Am nächsten Tag rufen die Tiere alle Kinder aus der Nachbarschaft zusammen. Sie verbünden sich gegen Brundibár, der vergebens versucht, dem Singen der Kinder ein Ende zu machen. Endlich wenden sich ihnen auch die Erwachsenen zu und zeigen sich großzügig. Aninka und Pepicek können nun mit ihren Liedern Geld verdienen, um ihrer Mutter die benötigte Milch zu kaufen. Der unbarmherzige Leierkastenmann jedoch schleicht sich heran und stiehlt ihnen das Geld. Aber alle Kinder und die Tiere nehmen die Verfolgung auf und besiegen ihn schließlich. Endgültig wird Brundibár aus der Stadt gejagt. [siehe Bilder]

Brundibár-Inszenierung in Israel

Eher zufällig entstand die Idee, die Schweriner "Brundibár"-Inszenierung nach Israel zu bringen. Bereits im Frühjahr 1996 hatten wir wegen der für August geplanten Aufführungen Kontakt zu der in Israel lebenden Zeitzeugin Ruth Elias aufgenommen, um sie zu unseren "Brundibár"-Aufführungen nach Schwerin einzuladen. Durch unser Gespräch erfuhr ich von ihrem Buch "Die Hoffnung erhielt mich am Leben", in dem sie auch über ihre Zeit in Theresienstadt schreibt. Nach der mir bis dato unbekannten Lektüre war ich dermaßen schockiert, dass ich mir vornahm, auch künftig gegen das Vergessen alles in meinen Möglichkeiten stehende zu tun. Während eines weiteren Telefonats mit Ruth Elias kam uns dann der Einfall, die Schweriner Inszenierung nach Israel zu bringen, um unseren Kindern einen Eindruck von diesem Land zu verschaffen und um den Überlebenden dort zu zeigen, dass es deutsche Jugendliche gibt, die nicht auf dumpfe Parolen rechtsextremistischer Gruppen hereinfallen, sondern sich sehr intensiv mit der Holocaust-Problematik auseinandersetzen.

Lange Zeit wussten wir nicht, ob sich unser Vorhaben finanziell und organisatorisch einrichten lassen würde. Um keine falschen Hoffnungen zu wecken, versuchten wir das Ganze zunächst geheim zu halten, nur wenige wurden eingeweiht, und mit Hilfe des Codes "Wiederaufführung in Parchim", später nur noch "Parchim", begegneten wir allen neugierigen Anfragen. Diese Absprache hielt während der entscheidenden Wochen der Vororganisation erstaunlich gut, bis die Finanzierung schließlich geregelt war.

Ein weiteres Problem sollte sich jedoch bis zum Februar hinziehen. Würden die Eltern angesichts der politischen Spannungen in Israel ihre Kinder überhaupt mitschicken? Es wurden von unserer Seite alle Möglichkeiten einer einfühlsamen Annäherung gesucht. Auf politischer und diplomatischer Ebene erhielten wir enorme Unterstützung. So kam beispielsweise der Vizekonsul des Staates Israel, Herr Josef Levi, nach Schwerin und stellte sich den Fragen der Eltern. Schon bald war klar, dass fast alle Eltern ihre Kinder mitschicken würden, und danach ging alles Schlag auf Schlag. Es mussten Aufführungsorte organisiert, die Formalitäten hinsichtlich der Frachtbestimmungen für Instrumente und Requisiten geregelt und auch die finanziellen Zuwendungen unter Beachtung des Haushaltsrechts und der Haushaltssperren verfügbar gemacht werden. Wie ein kleines Wunder erschien es mir, als wir uns dann am 4. Februar 1997 in einer EL-AL-Maschine auf dem Weg nach Israel befanden und schließlich am Abend in unserem Hotel in Netanya ankamen.

Das Programm für die Woche Israel bestand aus zwei Auftritten in Megiddo und Mizra, einem Besuch der israelischen Gedenkstätten Beith Terezin, wo unsere Kinder Überlebenden des Holocaust begegneten [siehe Audio/Video], und Yad Vashem sowie natürlich anderer historischer Orte wie Massada, Caesarea, Akko und Haifa. Am Morgen nach unserer Ankunft erfuhren wir von einem Hubschrauberunglück, infolgedessen eine dreitägige Staatstrauer verhängt worden war. Unser erstes Gastspiel in Mizra wurde abgesagt. Alle Teilnehmer zeigten großes Verständnis für diese Absage, dennoch versetzte uns diese Nachricht einen leichten Schock. Sollten die intensiven Vorbereitungen ganz umsonst gewesen sein? Durch die mittlerweile sehr freundschaftlichen Beziehungen zur Familie Elias erörterten wir abends in ihrem Haus die Situation. Kurt Elias kam ein glänzender Gedanke: Wir sollten doch in einem Altenheim vor Überlebenden spielen, sie würden sicher Freude an unserer Inszenierung finden.

Innerhalb von vierzig Stunden wurde genial improvisiert, und so kamen diese Aufführung und zwei Tage später eine weitere in Megiddo zustande. Für mich wurden sie die beeindruckendsten Konzerterfahrungen meines Lebens. Nach den Vorstellungen kamen viele Menschen auf uns zu, beglückwünschten uns und bedankten sich bei unseren Kindern. Im Altenheim von Kfar Saba wurden unsere Kinder schon nachmittags zu Kaffee und Kuchen eingeladen und erfuhren eine Herzlichkeit, mit der keiner von uns gerechnet hatte. Nach der Aufführung sagte ein alter Herr zu mir: "Ich habe mir geschworen, meinen Fuß nie wieder auf deutschen Boden zu setzen, heute nach der Aufführung weiß ich nicht mehr, warum." Eine Dame sprach vor der Aufführung mit uns auf Englisch. Sie sagte, sie hätte sich das Tabu auferlegt, nie wieder deutsch zu sprechen, da die meisten ihrer Familienangehörigen in Konzentrationslagern umgekommen seien. Seitdem könne sie nicht einmal mehr deutsche Produkte kaufen. Nach der Aufführung kam sie auf uns zu und brach ihr Tabu: Nach Jahrzehnten sprach sie das erste Mal wieder deutsch.

 

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