Eckdaten

Ort/Bundesland: Hamburg
Institutionen: Realschule Charlottenburger Straße/ Arbeiter Samariter Bund (ASB)/ Universität Hamburg
Autoren: Gordon Mitchell; Rainer Micha
Altersgruppe: 14 Jahre und älter
Fach: Geschichte, Politik

Bibliografie

  • Mitchell, Gordon / Müller, Christine / Brandt, Carolin / Brajtigam, Svetlana / Putschbach, Katrin: „Wenn wir die ganze Sache nicht machen würden, dann würde da Gras drüber wachsen…“ Deutsch-Jüdische Vergangenheit in Interkulturellen Klassen, Frankfurt am Main: 2007
  • Borries, Bodo von: „was geht uns eure Geschichte an?“ Geschichtsunterricht in einer Einwanderungsgesellschaft. In: Sowi (Sozialwissenschaftliche Informationen), 33. Jg. 2004, Heft 2, S. 62-73
  • Ohliger, Rainer / Schissler, Hanna (Hg.): Historisch-politische Bildung in der bundesdeutschen Einwanderungsgesellschaft. In: Zeitschrift des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung, Hannover: 2006, 28. Jg. 2006 Heft 4

Projekt Kontakt

Prof. Dr. Gordon Mitchell
FB Erziehungswissenschaften, Universität Hamburg
Von-Melle-Park 8
D-20146 Hamburg
 
Micha Rainer
Arbeiter Samariter Bund Hamburg & Projekt Sozial macht Schule
Schäferkampsallee 29
D-20357 Hamburg

Die 10. Klasse einer Hamburger Realschule mit einem hohen Anteil an Schüler/innen mit Migrationshintergrund setzte sich 2003/4 intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Im Mittelpunkt stand der Carlebachplatz in Hamburg, wo sich die Hauptsynagoge befand, an deren Zerstörung 1938 ein Mahnmal erinnert. Das Mosaik im Boden, das den Grundriss der Synagoge markiert, ist häufig von Wildkraut überwuchert. Die SchülerInnen erarbeiten die Geschichte des Ortes und pflegen den Platz, damit „kein Gras darüber wächst“. Ihr Projekt wird an die nachfolgenden 9. Klassen übergeben.

Projektbeschreibung

Bildungsarbeit steckt fast immer voller Überraschungen, besonders bei einer so lebendigen und heterogenen Gruppe wie der zehnten Klasse der Schule Charlottenburger Straße aus Hamburg-Jenfeld. Es war schon am Anfang klar, dass die Arbeit auf einem ehemaligen Synagogenplatz im Winter 2003/ 2004, die im Rahmen eines Anti-Rechtsradikalismus-Projekts stattfand, eine Erfahrung werden würde, die ein neues Verständnis dafür eröffnet, wie die deutsch-jüdische Vergangenheit auf interkulturelle Bildung wirken kann. Das Projekt wurde von Rainer Micha vom Arbeiter-Samariter-Bund angeregt, der schon eine Reihe solcher Projekte in Hamburg initiiert und inspiriert hat.

Das Projekt SMS-SOZIAL MACHT SCHULE des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Hamburg bietet Projekte zur Ganztagsschulgestaltung mit praktischen Beispielen zum sozialen Lernen im Gemeinwesen an. Es unterstützt LehrerInnen, SchülerInnen, Eltern und beteiligte Institutionen durch Beratung und Projektbegleitung. Durch die Projektarbeit gewinnen SchülerInnen Einblicke in grundlegende Zusammenhänge der Sozialstaatlichkeit durch Begegnungen mit Menschen in sozialen Einrichtungen. Besondere Ziele sind der Abbau von Vorurteilen, die Auseinandersetzung mit wichtigen Themen der politischen Bildung und die Förderung sozialer Kompetenzen wie Respekt, Verantwortung, Mitgefühl und Solidarität. Die praxisorientierten Projekte haben ihren Lernort einerseits in der Schule, die eine unterrichtliche Anbindung gewährleistet, andererseits finden sie überwiegen außerhalb der Schule in sehr unterschiedlichen sozialen Bezügen statt. SchülerInnen machen konkrete Erfahrungen mit sozialem Engagement, woraus sich längerfristiges gesellschaftliches Engagement entwickeln kann. In Hamburg haben sich bisher mehr als 40 Schulen an dem Projektangebot beteiligt, zu dem auch „Erinnerungs“-Projekte mit Schulen in sogenannten sozialen Brennpunktbezirken zählen. An diesen Schulen kommt die Mehrheit der Schüler aus Migrantenfamilien muslimischer Glaubensrichtung.

Eines der ASB- „Erinnerungs“-Projekte soll hier vorgestellt werden:
In dem Projekt „Lass Kein Gras Drüber Wachsen“ reinigen Schüler/innen der im Stadtteil Hamburg-Jenfeld mehrmals jährlich den Joseph-Carlebach-Platz, auf dem bis zur Pogromnacht des 9. November 1938 die größte Synagoge Norddeutschlands stand. Sie setzen sich im Unterricht intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus, Jüdischer Geschichte und Religion auseinander. Im Rahmen des Projekts besuchten sie das Jüdische Museum in Berlin und das Konzentrationslager Neuengamme. Sie erarbeiteten die Geschichte der Hauptsynagoge der Hamburger jüdischen Gemeinde und die des Schicksals des letzten Oberrabbiners Josef Carlebach, der im Dezember 1941 deportiert und 1942 mit seiner Frau und drei seiner jüngeren Töchter in Riga ermordet wurde.

Im Laufe des Projekts lernten die Schüler/innen und die Projektbegleiter Frau Miriam Gillis-Carlebach, die Tochter des letzten Oberrabbiners von Hamburg und einzige Überlebende der Familie Carlebach, anlässlich eines Besuchs in ihrer Geburtsstadt Hamburg kennen und konnten sie als Zeitzeugin befragen. Mit ihrer warmherzigen Art hat sie alle sehr motiviert.

Wissenschaftlich begleitet evaluiert und dokumentiert wurde es vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg unter der Federführung von Professor Gordon Mitchell. Die Schüler/innen wurden beobachtet und gefilmt und sie sollten „alle möglichen Fragen“ beantworten. Ihre Offenheit und ihr Mut waren bemerkenswert. Ihre Namen wurden für die Forschungszwecke geändert, um die Privatsphäre zu schützen. Sehr aktiv in der Begleitung des Projekts war Christian Scholz vom Medienzentrum des Fachbereichs Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Er war nicht nur Kameramann, sondern auch engagiertes Mitglied der Kooperationsgruppe. Von der Universitätsseite waren Carolin Brandt, Katrin Putschbach, Christine Müller und Svetlana Brajtigam beteiligt, die die wissenschaftliche Begleitung des Projekts durchführten. Frau Miriam Gillis-Carlebach stand den Schüler/innen als Zeitzeugin zur Verfügung und schrieb ein Grußwort für das demnächst erscheinende Buch mit DVD über das Projekt (siehe pdf-Dokument).

 

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