Eckdaten

Ort/Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern
Schule: Fritz-Reuter-Realschule
Lehrerin: Ulrike Jäger
Altersgruppe: 14 Jahre und älter
Fach: Geschichte

Bibliografie

  • Jacobeit, Sigrid (Hg.): Ravensbrückerinnen. Biographien, Zeugnisse, Lebensdaten, Berlin: 1995
  • Stadt Malchow (Hg.): Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Malchow, Malchow: o.J.
  • Stadt Malchow (Hg.): Das Munitions- und Sprengstoffwerk Malchow, Malchow: o.J.

Schüler befragen ihre Mitschüler zum Außenlager des KZ-Ravensbrück in Malchow. Um das in Vergessenheit geratene Lager wieder ins Bewusstsein der Malchower zu bringen, erarbeiten sie Grundinformationen über die ehemalige Anlage, deren heute noch auffindbare Überreste sowie eine Geländekarte. Ihre Arbeit gewinnt 1997 den 2. Preis im Wettbewerb "Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern".

Einleitung

Bei dem folgenden Text handelt es sich um den Originalbeitrag, den die Schüler der Klasse 10a der Fritz-Reuter-Realschule aus Malchow (Mecklenburg-Vorpommern) für den Wettbewerb "Gedenkstättenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern" im Jahre 1997 eingereicht haben. Dieser Beitrag ist mit dem zweiten Preis ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren ihn ohne korrigierende Eingriffe.

Schülerbefragung der Fritz-Reuter-Schule

Unsere Fritz-Reuter-Schule befindet sich in einem Neubaugebiet in Malchow, in unmittelbarer Nähe einer Wohnsiedlung, die von 1939-1945 als Unterkunft für Zwangsarbeiter genutzt wurde. Am Rande dieses "Lagers" befand sich zwischen 1943-1945 eine Außenanlage des Konzentrationslagers Ravensbrück. Wir führten eine Umfrage durch, um einen Überblick vom Wissen der Schüler über dieses Konzentrationslager zu erhalten.

Vorbereitung der Schülerbefragung

Jeder Schüler aus unserer Klasse bekam den Auftrag, eine Klasse zu befragen. Wir stellten drei Fragen:

  • Was ist ein Konzentrationslager?
  • Wo gab es Konzentrationslager?
  • Gab es in Malchow ein Konzentrationslager? - Dies war auch die Frage, auf die es ankam.

Durchführung der Schülerbefragung

Am Freitag, dem 24.10.1997 sind wir in die Klassen gegangen und haben den Schülern die oben genannten Fragen gestellt. An der Befragung nahmen 17 Klassen teil. Es waren insgesamt 321 Schüler. Die Schüler wurden anonym und ohne Vorbereitung gefragt.

Auswertung

Bei der Auswertung der ersten und zweiten Frage haben wir das unterschiedliche Wissen der Altersklassen beachtet. Schüler der Klassen 5 und 6, die bei der ersten Frage etwas von Häftlingen und Vernichtung wussten, hatten diese für uns genau beantwortet. Schüler der Klassen 9 und 10 mussten z.B. zeitliche Einordnungen und Informationen zu den Häftlingen geben.

Unter diesen Voraussetzungen ergibt sich folgendes Bild:

Die Klassenstufen 5, 6 und 7 wußten bei der ersten und zweiten Frage oftmals sehr wenig. Bei der dritten Frage wussten trotzdem 37%, dass es in Malchow ein Konzentrationslager gab (siehe pdf-Dokumente).

Die Klassenstufen 8 und 9 konnten genaue Angaben zur ersten Frage machen. 49% der Schüler konnten allerdings keine Antwort auf die zweite Frage geben und wussten auch nichts über ein Konzentrationslager in Malchow (siehe pdf-Dokumente).

Die Klassenstufe 10 hat die erste Frage sehr ungenau für ihr eigentliches Wissen beantwortet. Bei der zweiten Frage wussten alle Schüler mindestens zwei Namen von Konzentrationslagern. Leider wussten die meisten Schüler (75%) nicht, dass es in Malchow ein Konzentrationslager gab (siehe pdf-Dokumente).

Diese Umfrage ergab, dass die Geschichte Malchows in Vergessenheit geraten ist. Das wollen wir ändern.

Geschichtsforschungen

Munitionsfabrik in Malchow

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 führte zwei Jahre später zur militärischen Aufrüstung. Im Land wurden Werke und Fabriken zur Herstellung von Munition und Sprengstoffen erbaut, so auch in Malchow.

1938 begann man hier mit der Errichtung des Sprengstoffwerkes. Dieser Bau lief unter der Tarnbezeichnung "Albion" und wurde durch das Oberkommando in Auftrag gegeben. Malchow gehörte zur Dynamit-Aktien-Gesellschaft (D.A.G.). Es wurde ein hochwirksamer Sprengstoff produziert - Nitropenta, ein Sprengstoff für Geschossfüllungen. Die monatliche Gesamtproduktion belief sich auf 450 t Sprengstoff. Die Jahresproduktion von 1944 betrug 3.125 t Sprengstoff. 1943 war die endgültige Fertigstellung der Munitionsfabrik Malchow. Die Standortauswahl verlief nach militärischen Gesichtspunkten. So wurde das Munitionswerk, etwa 2 km westlich von Malchow gelegen, im Westen vom Plauer See, im Nordosten von der heutigen Bundesstraße 192 (Malchow-Karow) und im Süden von der Straße Malchow-Lenz begrenzt. Der Bau war günstig, weil die unmittelbare Nähe zur Bahn und Straße vorhanden war. Im Munitionswerk arbeiteten 239 Malchower Arbeiter, Zwangsarbeiter aus 7 Ländern; seit 1943/44 auch Häftlinge aus Konzentrationslagern, Katholiken, Protestanten, Sinti, Roma, Juden und politisch Verfolgte. In Deutschland wurden insgesamt 41 Munitionsfabriken gebaut, Malchow hatte eine davon.

Chronik des Terrors

Am 30.01.1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Im März 1933 entstand an vielen Orten Deutschlands ein völlig neues System: Konzentrationslager wurden errichtet. Bis Juli waren es schon 50 KZs mit ca. 27.000 "Schutzhäftlingen". 1934 perfektionierte man dieses Lagersystem zu einer Zwangsarbeits- und Vernichtungsmaschinerie. Die Konzentrationslager dienten dazu, Gegner der Nationalsozialisten, vor allem Mitglieder der verbotenen Arbeiterparteien, in "Schutzhaft" zu nehmen. Die offizielle Begründung dafür lautete, dass die Verhafteten vor dem "gesunden Volksempfinden" der Öffentlichkeit geschützt werden müssten. Tatsächlich aber wollte das "Dritte Reich" Oppositionelle ohne Gerichtsverhandlungen unbefristet einsperren können.

Am 15. September 1935 wurde das Reichsbürgergesetz und das "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" erlassen. In diesen Gesetzen (Nürnberger Gesetze) ging es darum, dass man den Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte raubte und die Ehen von Juden mit Deutschen verbot.

Von 1936-1944 gab es in den besetzten Gebieten Europas 28 Hauptlager mit fast 1.000 Nebenlagern [siehe Karten]. In Mecklenburg-Vorpommern existierten 16 KZs und Arbeitslager, z.B. Malchow, Ravensbrück, Rostock Schwarzforst u.a. Neben den "Politischen" wurden auch Oppositionelle, Geistliche, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und auch sogenannte "Arbeitsscheue" oder "rassisch Minderwertige" in die Konzentrationslager eingeliefert. Ein besonders großer Teil der Häftlinge waren Juden, denn sie sollten als "Untermenschen" vernichtet werden. Für viele Gefangene war die Einweisung in ein KZ wie ein Gang in die Hölle: Bereits bei der Einlieferung erwarteten sie brutale Empfangsrituale. Der Alltag im Konzentrationslager war geprägt von Gewalttätigkeiten der SS, von unmenschlichen Arbeitseinsätzen und unzureichender Ernährung.

Es gab härteste Lagerstrafen für kleinste Vergehen. Die Zielsetzungen der Haft wurden allen Häftlingen sehr schnell deutlich: Ausbeuten, Entwürdigen, Zerbrechen und meistens Vernichten.

Zwangsarbeiter in Deutschland

Am Anfang des Krieges fehlten in ganz Deutschland Arbeitskräfte, weil die Männer an der Front waren und die Frauen die fehlenden Arbeitsplätze bei weitem nicht ausfüllten.

Deshalb holte man aus den besetzten Gebieten Zwangsarbeiter. Sie kamen aus Polen, Frankreich, der Sowjetunion, den Niederlanden und Belgien. Sie wurden hauptsächlich in der Rüstungsindustrie, Landwirtschaft und im handwerklichen Bereich eingesetzt.

1945 war die Zahl der Zwangsarbeiter sehr hoch, insgesamt 7,6 Millionen Arbeiter wurden in den deutschen Betrieben beschäftigt. Das war jeder 5. Arbeiter. Sie mussten 60 Stunden in der Woche arbeiten, das sind ca. 10 Stunden am Tag. Lohn erhielten nur sehr wenige Arbeiter. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medizin war abhängig von der "Rassenzugehörigkeit". Die Russen wurden schlechter versorgt als die Niederländer oder Belgier. Deswegen starb jeder zweite russische Arbeiter.

Malchow hatte ein Konzentrationslager

Auf dem Gelände des Konzentrationslagers standen 10 Baracken für je 100 Frauen, das heißt, dieses Lager wurde ursprünglich für 1.000 Frauen ausgelegt. Bei diesen 1.000 Frauen blieb es aber nicht, denn 1945 waren es bereits 5.000 Frauen. Augenzeugen haben berichtet, dass am 24.11.1944 ein Transport mit 1.000 KZ-Häftlingen und 65 Wachleuten eintraf. Sie waren bereits seit mehreren Wochen unterwegs, auf den sogenannten Todesmärschen. Malchow wurde zu dieser Zeit als Zwischenlager genutzt. Die Häftlingstransporte kamen aus Ravensbrück und sollten nach Wismar gebracht werden. Dort sollten sie mit Schiffen versenkt werden.

So einen Todesmarsch erlebte Häftling Elisabeth Lynhard. Sie wurde zusammen mit anderen Häftlingen am 28. April 1945 von Ravensbrück in Richtung Norden geschickt. Sie sollte wie die anderen nach Malchow kommen und danach auf hoher See versenkt werden. Sie erlebte viele Gefechte, da die rote Armee wenige Kilometer hinter ihnen war. Es gab kaum Pausen, da sie sich beeilen mussten. Die Rote Armee zeigte sich gegenüber den Häftlingen als hilfsbereite Kameraden. Der 1. Mai war der Tag ihrer Befreiung und dadurch kam sie nie in Malchow an. Für sie endete der Krieg mit einem sehr beglückenden Festtag und einem siegreichen Ausblick in die Zukunft.

Das Konzentrationslager Malchow wurde vom Winter 1943 (dies sind allerdings Vermutungen) bis zum 2.5.1945 (Tag der Befreiung) genutzt. Im Sommer 1943 begann man mit den Vorbereitungen, z.B. der Einzäunung des Gebietes mit einem hohen Zaun. Die 10 Baracken, die auf dem Grundstück standen, wurden vorher als Unterkünfte für die Bauarbeiter genutzt. Auf dieser Anlage standen außerdem ein Waschraum mit warmem Wasser, ein Fahrradschuppen und eine Toilette. Die Häftlinge mussten jeden Morgen zu einem Appell antreten, der über mehrere Stunden dauerte. Dabei wurden sie von SS-Aufseherinnen mit ihren Schäferhunden bewacht. Die SS-Aufseherinnen behandelten ihre Häftlinge sehr schlecht, aber eine von den schlimmsten war die SS-Führerin Dantz. Sie kam aus Ravensbrück nach Malchow, dort wurde sie Lagerführerin. Die Häftlinge bekamen von ihr kaum etwas zu essen und sie mussten stundenlang auf spitzen Schottersteinen knien, auch Leibesvisitationen und Schläge waren an der Tagesordnung.

Eigentlich durften die Malchower keinen Kontakt zu den Häftlingen haben, trotzdem steckten einige der Malchower Bevölkerung den Häftlingen Essen zu, z.B. Himbeeren, Schmalzstullen mit Salz. Wenn sie dabei erwischt wurden, dann kamen sie ebenfalls in das Konzentrationslager. Die Verpflegung im KZ war sehr schlecht. Sie bekamen wenig zu essen und ab 1945 haben sie so gut wie gar nichts mehr bekommen. Wenn sie etwas bekamen, gab es Reste aus der SS-Küche, ungeschälte Kartoffeln und Mohrrüben oder Kartoffelschalensuppe. Die Häftlinge trugen Holzschuhe ohne Socken. Teilweise hatten sie im Winter auch keine Mäntel. Im Lager herrschten viele Krankheiten, z.B. Typhus und Tuberkulose. Die meisten Häftlinge waren unterernährt, sie hatten z.B. ein Gewicht von 40 kg. Sie mussten schwere körperliche Arbeiten verrichten, wie z.B. Tellerminen in der SK-Abteilung anfertigen, Brennnesseln auf dem Kinderspielplatz sammeln, die Munitionswerke und die Stadt sauber halten, bei dem Bau einer Wasserleitung am Malchower Krankenhaus helfen und Arbeiten in einer Gärtnerei verrichten. Am 2.5.1945 wurde das Lager durch die Rote Armee befreit. Teilweise wohnten die ehemaligen Häftlinge nach der Befreiung bei Malchowern und baten um Verpflegung und Kleidung.

Schlussfolgerungen

Unsere Befragung hat ergeben, dass wenige Schüler etwas über das Lager wissen. Wir haben mit unserer Arbeit zusammenfassendes Material zum Konzentrationslager zusammengestellt.

Die Stadt Malchow bemüht sich seit 1995, die Geschichte des Konzentrationslagers aufzuarbeiten. So fand zum Beispiel im Sommer 1997 ein Jugendcamp in Malchow statt. Vom 6. bis zum 20.7.1997 machten sich Jugendliche, hauptsächlich aus England, an die Arbeit, die Überreste des Konzentrationslagers Malchow auszugraben. Sie hatten zuerst das Gebiet mit Spaten abgesucht, um festzustellen, wo sich Betonstücke, Wasserleitungen oder Barackenfundamente befanden. Um die Fundamente schneller zu finden, ließen sich die Jugendlichen von einem Bagger helfen. Bei ihren Ausgrabungen fanden die "Hobbyarchäologen" zwar viele Dinge, aber die zeitliche Zuordnung ist unklar.

Wir sind der Meinung, dass die vorliegenden Informationen über das Konzentrationslager auch unseren Schülern und Lehrern nahe gebracht werden sollten. Darum machen wir folgende Vorschläge:

  • Wir wollen unsere Arbeitsergebnisse der Lehrerkonferenz vorstellen.
  • Dieses Material wird allen interessierten Klassen zur Verfügung gestellt.
  • Das von uns zusammengestellte Arbeitsblatt (siehe pdf-Dokumente) kann von allen Klassen an Wandertagen oder im Unterricht genutzt werden.
  • Auf der Grundlage dieser Arbeit könnte ein Schaubild erstellt werden, das schnell und übersichtlich über die Geschichte des Konzentrationslagers informiert.

Mit dieser Arbeit wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dass aus einem vergessenen Ort ein Ort der Erinnerung wird.

 

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