Eckdaten

Ort/Bundesland: Sachsen
Institution: CJD Chemnitz/Außenstelle Freiberg im Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e.V.
Autor/in: Dr. Michael Düsing, Heike Liebsch
Altersgruppe: 18 Jahre und älter
Fach: Fächerübergreifende Arbeitsgemeinschaft

Bibliografie

  • Brenner, Hans: Frauen in den Außenlagern des KZ Flossenbürg. Regensburg: 1999
  • Düsing, Michael: Jüdisches Leben in der Bergstadt Freiberg - eine Spurensuche. Projektarbeit einer Schülergruppe am Freiber-Kolleg. Freiberg: 1992
  • Düsing, Michael: Glück Auf, mein Freiberg! Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan. Freiberg: 1995
  • Salus, Grete: Niemand, nichts - ein Jude. Theresienstadt, Auschwitz, Oederan. Darmstadt: 1981
  • Scheuer, Lisa: Vom Tode, der nicht stattfand. Aachen: 1998
  • Schreier, Kerstin: Shalom: Suche nach den Spuren jüdischer Geschichte in der sächsisch-böhmischen Grenzregion
  • Fit für Leben und Arbeit. Neue Praxismodelle zur sozialen und beruflichen Integration von Jugendlichen. München: 2000
  • Weissova, Helga: Zeichne, was Du siehst. Zeichnungen eines Kindes aus Theresienstadt/Terezin. Göttingen: 1998

Projekt Kontakt

Dr. Michael Düsing
CJD Chemnitz/Außenstelle Freiberg im Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e.V.
Himmelfahrtsgasse 20
D-09599 Freiberg
Tel.: +49 (0) 3731 67 69 0
Fax: +49 (0) 3731 67 69 13

Seit 1998 erforschen arbeitslose Jugendliche im Rahmen berufsqualifizierender Ausbildungsmaßnahmen zur/zum "Fachangestellte/-n Informations- und Mediendienste" die jüdische Geschichte ihres Heimatkreises Freiberg und der angrenzenden tschechischen Städte. Neben Archivarbeit und Zeitzeugenbegegnungen gehörten auch die Pflege und Dokumentation von jüdischen Friedhöfen in Sachsen und Nordböhmen zu ihren Aufgaben.

Sie sind arbeitslos und auf Sozialhilfe angewiesen trotz eines guten Schulabschlusses und einer Berufsausbildung. Für junge Leute in der Region Freiberg an der deutsch-tschechischen Grenze ist das bitterer Alltag. Das Gefühl, keine Chance zu haben, führt bei manch einem zum Verlust sozialer Werte. Intoleranz, Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus können die Folge sein. Dem wollte das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) ein Angebot entgegensetzen. So entstand 1998 das bis dahin bundesweit einmalige Projekt "Shalom Sachsen-Böhmen" in der Außenstelle Freiberg des CJD Chemnitz.

Projektziele

Originärer Ansatz des Projekts ist die Verbindung von beruflicher Qualifizierung mit der Aufarbeitung der regionalen jüdischen Geschichte. Durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sollte die Jugendlichen für Antirassismus und gegen Antisemitismus sensibilisiert werden. Das grenzüberschreitende Projekt erfolgte in enger Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden in Dresden und Chemnitz, mit dem Verein "HATiKVA" in Dresden und mit tschechischen Partnern - der Theresienstädter Initiative und den jüdischen Gemeinden Nordböhmens und Prags. Es wurde von einer Sozialpädagogin und einem Theologen betreut.

Aufgabe der 15 jungen Sozialhilfeempfänger im Alter von 18 bis 28 Jahren war es, den Leistungen, aber auch der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in ihrer Heimatregion nachzuspüren, ihre Geschichte zu dokumentieren und aufzubereiten. Zugleich bot sich die Chance, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit neuen Berufsfeldern bekannt zu machen und ihnen Qualifikationen zu vermitteln, die zum Wiedereinstieg ins Berufsleben notwendig sind. Die zweijährige Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahme, gefördert durch Mittel der Europäischen Gemeinschaftsinitiative INTERREG II und des Landkreises Freiberg, erfolgte modular in modernen Berufsfeldern der Informations- und Mediendienste und wurde durch jeweils sechswöchige Berufspraktika ergänzt.

Dokumentationsarbeiten

Gegenstand der Dokumentationsarbeiten waren u.a.:

  • Die Erfassung jüdischer Grabstellen auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Dresden und deren Katalogisierung in einer umfassenden Datenbank: Eine erste Dokumentation, die in dieser Form die Bedeutung und Symbolik jüdischer Friedhöfe und deren Geschichte und Erhaltungszustand in Sachsen und Nordböhmen erstmals erfasste, konnte bereits der Jüdischen Gemeinde Dresden übergeben werden.
  • Die Erarbeitung einer Wanderausstellung zu jüdischen Friedhöfen in Sachsen und Nordböhmen: Diese Ausstellung wurde bisher u.a. im Regierungsbezirk Chemnitz, in der Leipziger Peterskirche, in Dresden und in Freiberg präsentiert.
  • Materialrecherchen zur Vorbereitung des Buchprojekts "Wir waren zum Tode bestimmt - Lodz - Theresienstadt - Auschwitz - Freiberg - Oederan - Mauthausen" über die Geschichte des Freiberger Außenlagers des KZ-Flossenbürgs: In der Rüstungsfirma "Freia GmbH" (siehe Bilder) mussten 1000 tschechische, slowakische und polnische Jüdinnen Zwangsarbeit für die nationalsozialistische Kriegsindustrie leisten (siehe pdf-Dokument). Sie waren u.a. aus den Ghettos in Lodz und Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort für die Zwangsarbeit selektiert worden. In einer kleinen Ausstellung präsentierten die Jugendlichen ihre Ergebnisse zu dem lange verdrängten Thema "Zwangsarbeit in Freiberg und Oederan" der Öffentlichkeit (siehe Bilder).
  • Einladung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen nach Freiberg: Das wichtigste und zugleich schwierigste Vorhaben im Rahmen des Projekts Shalom Sachsen - Böhmen entwickelte sich aus den Forschungen über die Zwangsarbeiterlager in Freiberg und Oederan. Die Jugendlichen recherchierten die Anschriften von Überlebenden dieser Lager, die inzwischen in den USA, in Polen, Israel, Deutschland und sogar in Australien zu Hause sind, nahmen schriftlich Verbindung zu ihnen auf, und luden schließlich 33 Überlebende aus Israel, Polen und Deutschland nach Freiberg ein. Damit sollte ein längst überfälliges öffentliches Zeichen der Erinnerung, aber auch der Verantwortung für die Zukunft gesetzt werden.

Projektunterstützung

Die Realisierung dieses Vorhabens wäre nicht ohne die große öffentliche Unterstützung möglich gewesen: Privatpersonen, Kirchengemeinden, der Freistaat Sachsen, der Landkreis Freiberg und die Städte Freiberg und Oederan, aber auch Stadt- und Kreisräte quer durch alle demokratischen Parteien, spendeten mehrere Tausend Mark.

Ergebnisse

Die persönliche Begegnung mit den überlebenden jüdischen Frauen, die von Lodz und Theresienstadt über Auschwitz "auf Transport" in die sächsische Bergstadt gegangen waren, war für die Jugendliche ein überwältigendes Erlebnis und fand in den Medien ein breites Echo. Um die Erinnerungen der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen an die Grauen des Holocaust öffentlich zu machen, wurden ihre Berichte wesentlicher Bestandteil des im Mai 2002 vom CJD Chemnitz veröffentlichten Buches "Wir waren zum Tode bestimmt - Lodz - Theresienstadt - Auschwitz - Freiberg - Oederan - Mauthausen" über die Geschichte der Außenlager des KZ-Flossenbürgs in Freiberg und Oederan (siehe pdf-Dokumente).

Die Pilotphase des Projekts "Shalom Sachsen-Böhmen", die im März 2000 endete, war durchweg erfolgreich: Zum einen ist Freiberg mit dem CJD-Projekt seiner NS-Geschichte näher gekommen als viele andere deutsche Städte. Zum anderen haben viele der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die nun über die berufliche Qualifizierung als "Denkmaltechnischer Assistent" oder "Bürokaufmann/frau" verfügen, den Sprung ins Erwerbsleben geschafft: Zwei Drittel fanden einen Arbeitsplatz oder einen weiterführenden Ausbildungsplatz bereits im Verlauf der Qualifizierungsmaßnahme oder unmittelbar im Anschluss.

Das Projekt "Shalom Sachsen-Böhmen" fand auch auf politischer Seite Anerkennung: Es wurde durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Jugend und Frauen in dem Wettbewerb "Fit für Leben und Arbeit - neue Praxismodelle zur sozialen und beruflichen Integration von Jugendlichen" ausgezeichnet.

Nachfolgeprojekt

Im Anschluss an diese erfolgreich abgeschlossene Maßnahme begann am 1. Dezember 2001 das Nachfolgeprojekt unter dem Titel "Shalom - Beschäftigung und Qualifizierung für arbeitslose Jugendliche". 10 junge Erwachsene setzen die Spurensuche nach jüdischem Leben in der mittelsächsischen Region Freiberg - Dresden bis zum 30.11.2004 fort. Das neue Projekt wird aus Mitteln des Antirassismus-Programms XENOS der Bundesregierung und der Bundesanstalt für Arbeit gefördert. Über drei Jahre werden die Jugendlichen im Berufsbild "Fachangestellter für Informations- und Mediendienste" qualifiziert.

Projektziele

Arbeitsschwerpunkte dieses Projekts sind:

  • Die Komplettierung der Dokumentation der insgesamt ca. 3000 Grabstätten des Neuen Israelitischen Friedhofes in Dresden, eines der größten jüdischen Friedhöfe in Sachsen. Zahlreiche Gräber waren während des Bombenangriffs auf Dresden am 13.2.1945 zerstört worden, die Feierhalle ausgebrannt, wodurch die dort aufbewahrten Gräberbücher vernichtet worden waren. Ziel des Projektes ist es, sämtliche Steine textlich und per Bild zu erfassen, die hebräischen Texte zu übersetzen und die Biographien hier beerdigter Personen zu erforschen. Außerdem soll durch die Auswertung von Archivmaterialien die Geschichte des Friedhofs recherchiert und rekonstruiert werden. Die Ergebnisse werden in einer Datenbank, einem Buch sowie im Internet dargestellt.
  • Die Herausgabe eines virtuellen Stadtführers "Auf den Spuren der jüdischen Geschichte in Freiberg". Dieser Stadtführer wurde bereits von den Jugendlichen des vorausgegangenen Projekts "Shalom Sachsen-Böhmen" vorbereitet. Die Jugendliche erarbeiten eine CD-Rom. Der virtuelle Stadtführer soll der Stadt Freiberg als Informationsangebot für interessierte Freiberger und Touristen zur Verfügung gestellt werden (siehe pdf-Dokument).
  • Die Instandsetzung des jüdischen Friedhofs in Teplice-Sobedruhy: Bei den Recherchen zu jüdischen Friedhöfen in Nordböhmen stieß die Gruppe des Pilotprojekts auf einen sehr alten, kaum noch bekannten jüdischen Friedhof in Teplice-Sobedruhy (Teplitz-Soborten). Er befindet sich in einem mehr als beklagenswerten Zustand - völlig zugewachsen und mehr oder weniger als Mülldeponie verschandelt. Seine Ursprünge dürften bis ins Mittelalter zurückreichen, denn aus Recherchen ist bekannt, dass dieser Friedhof bis 1751 als Begräbnisstätte auch für die in Sachsen verstorbenen Juden genutzt wurde, solange Dresden noch keinen eigenen jüdischen Friedhof hatte. Geplant ist, diesen Friedhof nicht nur zu dokumentieren, sondern ihn auch wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen. Die Jüdische Gemeinde Teplice, die das Projekt sehr unterstützt, hat dafür aber keine personellen und finanziellen Möglichkeiten. Inzwischen wurde aber vom Jüdischen Gemeindeverband in Prag signalisiert, dass dieses Vorhaben unterstützt werde.

 

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