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Die wahre Geschichte des 20. Juli 1944?

Zum Filmstart von „Operation Walküre“

Von Christian Geißler-Jagodzinski

Wenige Filme sind schon während der Produktion so intensiv diskutiert und mit Kritik bedacht worden wie "Valkyrie", der Stauffenberg-Film von Bryan Singer, der in der nächsten Woche in Deutschland Premiere haben wird. Da wurde bereits vor Beginn der Dreharbeiten im Drehbuch nach Fehlern gesucht und - wen wundert dies bei einer Verfilmung im Spielfilmformat, die in entsprechender Länge ein komplexes Geschehen erzählen soll - auch einige gefunden.

Dann bescherte der Hauptdarsteller Tom Cruise dem Feuilleton endlich wieder eine (scheinbar) erinnerungskulturelle Debatte. Ist es würdelos, wenn „eine historisch wichtige, wertvolle, als Orientierung dienende Persönlichkeit“ (Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand) wie Stauffenberg von dem umstrittenen Schauspieler dargestellt wird? Ist es eine "Posse peinlichster Art" (der Regisseur Volker Schlöndorff) wenn man die religiöse Orientierung bzw. die Sektenangehörigkeit eines Schauspielers mit seiner beruflichen Tätigkeit vermischt und deshalb den Dreh an Orten wie dem Bendlerblock verbieten möchte? Oder soll man einfach nur froh sein, dass ein bedeutender Regisseur Werbung für das "andere Deutschland" macht (so der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck)?

Es scheint, als lägen die Lernpotentiale für die historisch-politische Bildung eher in der Diskussion während der Entstehung des Films als im Produkt selbst. Denn wenn man den Filmkritiken glauben kann, dann ist "Operation Walküre" ein spannender, historisch weitgehend korrekter Thriller, dessen Spannung für diejenigen sinkt, die das Ende kennen. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) vergab sogar das Prädikat "Besonders wertvoll" für den Film. Viel Lärm um nichts?

Für die pädagogische Arbeit bleibt in jedem Fall die Frage interessant, warum "Authentizität" und historische Korrektheit für einen Spielfilm eigentlich von so großer Bedeutung sind. Zuletzt ist über die historische Genauigkeit der Verfilmung des "Baader Meinhof Komplexes" mit Intensität diskutiert und vor Gericht prozessiert worden. Sowohl Filmschaffende als auch die Zuschauer und Zuschauerinnen scheinen an Spielfilme den Anspruch zu erheben, wahrhaftige Informationen über ein historisches Geschehen zu vermitteln bzw. zu erhalten. Diese, nicht realisierbare, Ambition untermauert nicht zuletzt der ZDF-Haushistoriker Guido Knopp mit dem in dieser Woche ausgestrahlten Zweiteiler "Stauffenberg. Die wahre Geschichte".  Der Fiktion wird misstraut - Spielfilme sollen die Wirklichkeit dokumentieren.

Ein Anspruch, den auch die Mehrheit der Dokumentarfilmschaffenden für sich nicht so formulieren würde – gilt die Narration der Filme doch auch hier als die Struktur, anhand derer die "Wirklichkeit" konstruiert wird. Insofern kann "Operation Walküre ein Anlass sein, sich analytisch mit der Inszenierung auseinanderzusetzen. Wie wird erzählt, wie werden die Figuren gestaltet oder mit welcher Ästhetik der Bilder und des Tons wird gearbeitet? Welche Kameraperspektiven werden in Schlüsselszenen gewählt und welche Deutungen werden den Zuschauenden damit nahe gelegt?

Interessant wäre es also zu fragen, warum z.B. der Film der Chronologie entgegen begonnen wird: Stauffenberg wird im April 1943 in der tunesischen Wüste schwer verwundet und notiert in sein Tagebuch Dinge, die durch keine historische Quelle als Äußerungen Stauffenbergs belegt sind: So seien die Grausamkeiten der SS, die Morde an Zivilisten, die Folter und die systematische Tötung von Gefangenen durch Hunger sowie die Massenhinrichtungen eine Schande für die Ehre der Armee. Eine solche schulische oder außerschulische Erarbeitung des Filmes kann Jugendliche dabei unterstützen Spiel- und Dokumentarfilme quellenkritisch und medienkompetent für historisches Lernen zu nutzen. Und ebenso (ganz nebenbei) die Fiktion von einer objektiven historischen Wahrheit aufzugeben.

 

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