Joe Kubert: Yossel - 19. April 1943. Übersetzt aus dem Englischen vom deutschen Comic -Künstler Horus. Ehapa: Köln 2005. 128 S., 22,- €

"Es war etwas, von dem ich glaubte, dass ich es tun müsste. […] Dieses Buch ist das Ergebnis meiner „Was wäre wenn“ – Gedanken. Es ist ein Werk der Fiktion basierend auf einem Alptraum der Fakten." So beendet Joe Kubert seine, dem Comic vorangeschickten, Erinnerungen an die Beschreibungen seiner Eltern über deren Auswanderung in die USA im Jahr 1926.

Während Kubert 1940 anfing als Comiczeichner zu arbeiten wurden in der Heimat seiner Eltern deren ehemaligen Nachbarn deportiert und ermordet. Die Geschichte Yossels basiert deshalb, neben fachwissenschaftlichen Quellen auch auf den Erzählungen der Eltern, Briefen und Dokumenten von Verwandten und Überlebenden des Holocaust.

In den Tagen des Warschauer Aufstands erzählt der 13 jährige Yossel rückblickend seine Geschichte, die er im Dorf Ytzeran 1941 mit der Vertreibung seiner jüdischen Einwohner und deren Ghettoisierung in Warschau beginnt. Hunger, Krankheit, Ermordung durch Hunger und Gewalt der deutschen Besatzer sowie Deportationen bestimmen den Alltag im Ghetto.

Yossel, der seit er denken kann, Comichelden zeichnet, beginnt den Alltag im Ghetto skizzenhaft zu dokumentieren. Sein auch von der SS geschätztes zeichnerisches Können rettet ihn vor der Deportation, seine Familie jedoch wird nach Auschwitz geschickt. Was dort mit ihnen und anderen Deportierten geschah, erfährt er durch einen entflohenen KZ-Häftling. Yossel schließt sich einer Gruppe junger Erwachsener an, die versucht die Bewohner des Warschauer Ghettos zum Widerstand aufzurufen. Am 19. April 1943 beginnt der Aufstand…

Kuberts Graphic Novel – bestehend aus skizzierten Einträgen in eine Art Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto – überzeugt sowohl aus der Erzählung heraus als auch durch die Zeichnungen. Bewusst setzt er nur Bleistiftzeichnungen ohne die comictypischen schwarzen dicken Umrandungen ein, um den skizzenartigen Charakter zu stützen. Es sollen Yossels Zeichnungen sein, die wir sehen und die uns seine eigene sowie die Geschichten des Ghettos und der Vernichtung erzählen. Dabei konzentriert sich Kubert sehr auf die Darstellung von Personen, was die individualisierende Erzählweise des Comics untermauert. Das Interesse der Leser/innen soll nicht durch das Wiedererkennen bekannter Bilder, Orte oder Symboliken sondern durch das sich Hineinversetzen in die Perspektive der handelnden Personen geweckt werden.

Vor allem mit Yossel, den die Liebe zum Comic mit den Leser/innen vereint, gelingt die Identifikation. Außerordentlich gelungen ist die zeichnerische Beschreibung des Konzentrationslagers. Den Erzähler wechselnd lässt er einen entflohenen Häftlings berichten, Yossel wird zum Zeichner von dessen Geschichte.

Im Vergleich zu Pascal Crocis "[node:4155]" überzeugen die Zeichnungen vor allem, weil sie nicht die oft gezeigten Bilder der Selektion an der Rampe oder der Gaskammer wiederholen sondern über das Zeigen von Umgebungsausschnitten und Personen den Betrachtern den Raum geben, eigene Bilder entstehen zu lassen. Kuberts Graphic Novel regt so deutlich mehr zur Auseinandersetzung an.

Für die historisch-politische Bildung ist der Comic außerdem interessant, weil er die oft gestellte Frage nach dem Widerstandshandeln von Juden und Jüdinnen in einem Medium bearbeitet, das für Jugendliche attraktiver ist als das herkömmliche Buch. Dabei zeigt die Graphic Novel verschiedenste Formen widerständigen Handelns wie die Beibehaltung religiöser Traditionen, tägliche Selbstbehauptung, Solidarität und bewaffneten Kampf auf und erweitert somit den oft eng gefassten Begriff.

Eingesetzt werden kann der Comic wie andere fiktive Erzählungen auch zur Ergänzung der Arbeit mit historischen Quellen und Sekundärtexten bzw. als Impuls für eine weitergehende Beschäftigung. Geeignet ist er für all diejenigen Jugendlichen, die trotz des Mediums Comic am Lesen der umfangreicheren Texte Interesse zeigen. Als „Lockmittel“ zur Beschäftigung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen sollte und kann er nicht gebraucht werden. Dies würde weder der intensiv erzählten Geschichte gerecht noch wäre es überzeugend, da Kuberts Zeichnungen zu sehr die gängigen Erwartungen an einen Comic enttäuschen dürften. 

 

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