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1989 und der Aufbruch in Europa

Manfred Sapper, Volker Weichsel (DGO) (Hg.): Freiheit im Blick. 1989 und der Aufbruch in Europa. Osteuropa 59. Jg., Heft 2-3/ 2009, 400 S., 50 Abb., abstracts in engl. Sprache, Berlin 2009, € 24,-

Auf vier einleitende Beiträge, folgen drei thematisch gegliederte Abschnitte. Ersterer greift Einzelaspekte der Umbruchszeit auf, etwa die Rolle von Bürgerrechtler/innen oder des Papstes. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der künstlerischen Rezeption der politischen Ereignisse in Kunst, Literatur und Film. Im letzten Themenblock haben die Redakteure Beiträge zum institutionellen Wandel seit der EU-Mitgliedschaft zusammengestellt.

Paradigmatisch für den Inhalt zeigt das Titelbild eine handbemaltes Demonstrationsplakat vom November 1989 in Prag: in Polen dauerte es 10 Jahre, in Ungarn 10 Monate, in der DDR 10 Wochen und in der CSSR nur 10 Tage. Die Beschleunigung und scheinbare Unaufhaltsamkeit der „Revolutionen ohne Revolution“ (Adam Michnik) sowie ihre Nachhaltigkeit und Nachwirkungen werden thematisiert.

Namhafte Publizisten und Wissenschaftler, darunter Adam Michnik, György Konrad, Jerzy Holzer und Karl Schlögel melden sich zu Wort. Die Redaktion hat einen Sammelband zusammengestellt, davon angetrieben den Blick vom Mauerfall auf den langen Vorlauf, den es für dieses Ereignis brauchte, zu weiten. Denn von der Gründung der Charta 77 und der Solidarnosc im Jahr 1977 bzw. 1980 ist der Mauerfall nicht zu trennen.

Die Zusammenschau der Beiträge veranschaulicht die unterschiedlichen Bedeutungsgrade von „1989“ in Ost- und Mitteleuropa: während das Jahr in Deutschland zum symbolträchtigen Mauerfall führte, begann „1989“ in Polen bereits Ende der 1970ern mit den Streiks, die zur Gründung der Solidarnosc, führten, so Andrzej Paczkowski in seinem Beitrag zum „polnischen Bürgerkrieg“. Petr Pithart beschreibt in seinem Beitrag „Wie die "Samtene Revolution" zum "Umbruch" verkam“ sehr eindringlich das gewaltsame Vorgehen der tschechischen Regierung während des „Prager Frühlings“ im Jahr 1968/69, das eine nachhaltige Zerstörung des Vertrauens zwischen den Menschen in den zwanzig langen Jahren der "Normalisierung" bewirkt habe. Die Folgen dessen reichen weit über das Jahr 1989 hinaus. Er nimmt den 20. Jahrestag als Anlass gegen die Verdrängung der totalitären Erfahrung zu appellieren, die in der Tschechoslowakei 1938 begann, in Polen im Jahr 1939. Erst mit der Auflösung der Sowjetunion wurde „ein Jahrhundert abgewählt“ (Timothy Garton Ash).

 

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