Im Gespräch

Daniel Abma zum medienpädagogischem Vorgehen bei Dokumentarfilmprojekten

Daniel Abma, geboren 1978 in Westerbork, Studium der Grundschulpädagogik in den Niederlanden. Seit 2004 als freiberuflicher Medienpädagoge tätig in Berlin und Brandenburg, Arbeitsschwerpunkte: NS-Zeitzeuginnen und -Zeitzeugen, Rechtsextremismus gestern und heute, Geschlechterbilder. Mitarbeit an zeitgeschichtlichen Dokumentationen für z.B. Arte, SWR und Schülerfernsehen in den Niederlanden. Mitarbeiter bei Metaversa e.V. - Verein für Medien, Bildung und Kultur. Aktuell Student der "Film- und Fernsehregie" an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam.

Lernen aus der Geschichte (LaG): Die Erstellung von Videos erfreut sich in der außerschulischen wie schulischen Bildungsarbeit zunehmender Beliebtheit. Die Aufzeichnung von Interviews bspw. mit NS-Zeitzeug/innen stellt eine große Herausforderung an Teilnehmer/innen und Projektleitung dar. Welche Fallen können sich bei solch einem Projekt auftun? Können Sie das anhand eines Beispielprojektes skizzieren?

Daniel Abma: Um gut vorbereitet zu sein für Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen machen wir mit den Schülerinnen und Schülern immer Übungen im Führen solcher Gespräche. In diesen Übungen wird durch kurze Rollenspiele gemeinsam ausprobiert, wie man auf Gesprächspartner, die während eines Interviews z.B. emotional werden, reagieren kann oder wie man einen Zeitzeugen oder eine Zeitzeugin höfflich unterbrechen kann, falls die Geschichte zu sehr ausschweift. Bei einem Projekt mit Auszubildenden aus Brandenburg mangelte es bei den Interviews auf Seiten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer manchmal an nötigem Respekt: so wurde zum Beispiel während einer Aufnahme Kaugummi gekaut oder die Kamerafrau musste plötzlich telefonieren, usw. Hier haben wir nach einem Gespräch mit den Jugendlichen zusammen eine Lösung gefunden: vor und nach den Drehs gibt es für alle kurze Pausen, während der Aufnahme gilt: Konzentration und Respekt! Strukturell gesehen nimmt die Arbeit am Schnittplatz oft viel mehr Zeit ein als vorher geplant. Hier fällt es immer schwer eine Lösung zu finden, da man vor dem Projektbeginn nie genau voraussagen kann, wie viel Material letztendlich zusammen kommt. Dazu kommt auch, dass es schwierig ist, Geld für Schnittarbeit aufzutun, da diese Arbeit oft nicht als pädagogisch wertvoll angesehen wird. Beim Projekt "Damals waren wir Nummern, heute sind wir Menschen" gab es beim Schnitt eine sehr gute Lösung hierfür: die Jugendlichen haben alle eine eigene Sequenz des Films geschnitten, und konnten so parallel an vier Rechnern gemeinsam an dem Film arbeiten.

LaG: Welchen Erkenntnisgewinn kann die Teilnahme an einem Dokumentarfilmprojekt für Schülerinnen und Schüler bringen?

Daniel Abma: Da jeder Dokumentarfilm ein Thema hat, setzen die Schülerinnen und Schüler sich auf sehr kreative und sehr intensive Weise mit diesem Thema auseinander. Das Thema "Kesselschlacht um Halbe" beispielsweise bot sich an, da es im direkten Umfeld der Jugendlichen viele rechtsextreme Tendenzen gibt. Durch die Beschäftigung mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen konnten die Jugendlichen erfahren, welche Folgen rechte Orientierungen haben können, und haben sich aus den sehr beeindruckenden Gesprächen eine eigene Meinung zum Thema bilden können. Da die Vorkenntnisse der Gruppe bezüglich des Themas eher begrenzt waren, haben wir uns eine Methode überlegt, um dieses Thema bei den Jugendlichen anschaulich und begreifbar vermitteln zu können. Die Aufgabe einen Trickfilm mit dem Titel "Das 'Dritte Reich' in drei Minuten" zu erstellen, förderte die kreative Auseinandersetzung der Jugendlichen mit historischen Fakten. Das Ergebnis ist gleichzeitig der Anfang des Dokumentarfilms geworden. Durch das komplett eigene Erstellen eines Dokumentarfilms, verstehen die Schülerinnen und Schüler wie Medien funktionieren, und können z.B. die Medien um sich herum besser durchschauen. Sie können sich außerdem in verschiedenen Bereichen ausprobieren, entweder im technischen Bereich (Kamera, Schnitt), oder im journalistischen (das Vorbereiten von Interviews, die Durchführung der Interviews). Weiterhin ist es sehr wichtig, dass das Selbstwertgefühl der Jugendlichen eine positive Stärkung erfährt. Ein Dokumentarfilmprojekt kann außerdem oft einfach eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung sein.

LaG: Welche Form der Beteiligung der teilnehmenden Kinder und Jugendliche favorisieren Sie? Sollen sie am gesamten Produktionsprozess beteiligt sein?

Daniel Abma: Es ist sehr wichtig, dass das Projekt komplett durch die Kinder und Jugendlichen selbst gemacht wird, und nicht durch die Medienpädagoginnen oder Medienpädagogen. Sie sollten sämtliche Arbeiten nach Einweisung selbst machen (Kamera, Ton, Schnitt, Interviews) und selbst Entscheidungen treffen (Dramaturgie, Interviewpartner auswählen, Interviewfragen ausdenken), um somit ein Gefühl von "es ist wirklich unser Projekt, worauf wir sehr stolz sind" zu erreichen. Ein Medienpädagoge oder eine Medienpädagogin stehen betreuend zur Seite, und bieten die Grundkenntnisse, Struktur und die Rahmenbedingungen an (Technik, Termine, Räumlichkeiten und inhaltliche Kenntnisse). Dazu gehört auch, dass die Jugendlichen und Kinder über das Layout der DVD mitentscheiden, die Texte für das DVD-Booklet schreiben sowie die Organisation der Filmpräsentation übernehmen.

LaG: Für welches Alter, denken Sie, ist die Durchführung von Dokumentarfilmprojekten geeignet bzw. was muss bei unterschiedlichen Altergruppen beachtet werden?

Daniel Abma: Es gibt sehr schöne Projekte von 10-Jährigen, die selbstverständlich etwas weniger in die Tiefe gehen als ein Projekt, das durch 16- oder 18-Jährige im Rahmen des Abiturs gemacht wird. Aber das ist eben das Schöne, dass auch ein von 10-Jährigen erstellter Dokumentarfilm ein richtiger Dokumentarfilm ist, genau so wichtig wie ein Film einer Abiturklasse, den man nur schwer von ein Film in öffentlichen Fernsehen unterscheiden kann.

LaG: Oft genug verschwindet das Produkt eines Dokumentarfilmprojektes in der Schublade. Sehen Sie eine Möglichkeit die erstellten Filme für andere Schülerinnen und Schüler nutzbar zu machen bzw. halten Sie das für sinnvoll?

Daniel Abma: Es sollte Ziel jedes Dokumentarfilmprojektes sein möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Wir hatten Glück, dass unser Projekt "Kleines Halbe, große Geschichte" auf verschiedenen Jugendmedienfestivals Preise gewonnen hat, sodass es die Aufmerksamkeit des Brandenburger Bildungsministeriums bekommen hat. Dort wurden dann im Rahmen des Handlungskonzeptes "Tolerantes Brandenburg" Gelder organisiert um eine große Auflage des Films auf DVD pressen zu lassen. Diese DVD wurde, mit informativem Booklet, durch das Ministerium an alle weiterführenden Schulen in Brandenburg als Bildungsmaterial geschickt. Das war für uns die Krönung, so konnten alle Schulen in Brandenburg sich den Film anschauen! Es gab viele positive Reaktionen. Weiter ist das LISUM (Landesinstitut für Schule und Medien) meistens sehr dankbar für einige Exemplare für deren Mediathek, ebenso wie bestimmte (z.B. antirassistische) Archive und Bibliotheken, die sich mit dem Thema des Films auseinandersetzen. Um die öffentliche Ausstrahlung des Films im Fernsehen zu erreichen - und damit auch das Selbstwertgefühl der Jugendlichen weiter zu stärken - wendet man sich am Besten an die lokalen und offenen Kanäle, die oft sehr empfänglich für diese Art von Beiträgen sind (das gleiche gilt für lokale Zeitungen).

LaG: Vielen Dank für das Interview, Herr Abma!

An dieser Stelle möchten wir auf die Arbeit einiger medienpädagogischer Projekte hinweisen:

 

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