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Johannes Spohr: Die Ukraine 1943/44. Loyalitäten und Gewalt im Kontext der Kriegswende

Spohr, Johannes: Die Ukraine 1943/44. Loyalitäten und Gewalt im Kontext der Kriegswende. Berlin: Metropol 2021. 558 Seiten.

Von Juliane Niklas

Johannes Spohr stellt hohe Ansprüche an seine Forschungsarbeit: Er will die Phase des Rückzugs und der damit verbundenen Verbrechen sowie der Massengewalt des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion untersuchen, speziell in der Zentralukraine. Dabei sollen individuelle und kollektive Reaktionen auf die Gewaltaktionen der deutschen Besatzer und die spezifischen Dynamiken identifiziert werden. Loyalitäten, auch wechselnde, sollen nachgezeichnet, individuelle Erfahrungen zugänglich gemacht werden. Die qualitativen Dimensionen der NS-Gewalt, „die sich bis heute als Teil des kollektiven Gedächtnisses in der Ukraine nachvollziehen lassen“ (S. 29), sollen im Sinne eines multiperspektivischen Ansatzes herausgearbeitet werden. Geschlechtsspezifische weibliche Erfahrungen ebenso wie spezifisch jüdische Perspektiven sollen zwar nicht gesondert analysiert, aber durchgehend mitgedacht werden.

Um das vorwegzunehmen: All dem wird Spohr auf knapp 560 Seiten gerecht. Mehr noch: Er behebt das fast 80-jährige Desideratum einer nicht rein militärgeschichtlichen Monografie über die Zeit des Rückzugs der deutschen Besatzungsmacht aus der Sowjetunion. Dabei greift er auf Archive in Deutschland und der Ukraine zurück, auf Materialien des United States Holocaust Memorial Museums in Washington, auf Dokumente lokaler Geschichtsschreibung und auf weiteres lokales Wissen, das er aus Interviews generiert, die er in rund 30 ukrainischen Dörfern geführt hat. Das Thema, die Methodenvielfalt, der multiperspektivische Methodenansatz und die reflektierte Arbeitsweise machen die Arbeit zu einer bahnbrechenden Studie. Dass Spohr zusätzlich mit Sprache umzugehen vermag, dass seinem genauen und sachlichen Ton eine abwechslungsreiche Leichtigkeit zugrunde liegt, motiviert zur gründlicheren Lektüre. 

In der besetzten Ukraine kämpften 1943/44 nicht nur die regulären Truppen der Roten Armee und sowjetische Partisan*innen gegen die Wehrmacht mit ihren Verbündeten und Waffen-SS-Verbänden, sondern als dritte Kriegspartei zusätzlich die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) gegen beide Streitkräfte. Die UPA wies einerseitsCharakteristiken einer Partisanenorganisation aufwies (Franziska Bruder), andererseits aber ihren Existenzgrund nicht nur in der militärischen Auseinandersetzung, sondern auch in der politischen Vertretung der „ukrainischen Nation“ sah (S. 202) und dabei einen faschistischen Staatsaufbau im Sinn hatte. Das macht die Ukraine als Untersuchungsgebiet besonders interessant. Die UPA kollaborierte zunächst mit den Deutschen, bekämpfte sie aber später ebenso, wie sie Kämpfe gegen die Rote Armee und die polnische Armia Krajowa (Heimatarmee) führte. In der Ukraine selbst sind heute solche kontroversen Einschätzungen der UPA kaum noch möglich, hierfür sorgt seit 2015 ein umstrittenes „Gesetz über die rechtliche Stellung und die ehrende Erinnerung an die Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im zwanzigsten Jahrhundert, No. 314-VІІІ“, in dem die UPA explizit aufgeführt ist. Das ermöglicht nicht nur den lokalen Selbstverwaltungsorganen verschiedene Zusatzzahlungen und soziale Garantien für Veteranen, sondern bestraft auch diejenigen, die in der UPA nicht nur Unabhängigkeitskämpfer sehen: „Die öffentliche Verweigerung der Legitimität des Unabhängigkeitskampfes der Ukraine im 20. Jahrhundert wird als Beleidigung des Gedenkens an die Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert, als Demütigung der Würde des ukrainischen Volkes angesehen und ist illegal.“ (https://zakon.rada.gov.ua/laws/show/314-19#Text)

Wo Timothy Snyder mit seinen Bloodlands daran scheitert, schlüssig zu erklären, warum „Raum“ im Sinne eines Geodeterminismus die einzige Analysekategorie für Massengewalt und eskalierende Kämpfe sein soll, als ob die Schuld also beim Klima oder der Topografie läge, wo er situative und revidierbare Verhaltenslogiken ausblendet, verknüpft Spohr mit der Kategorie „Raum“ intentionale und handlungsleitende Faktoren und betrachtet Raum als ein nur vordergründig topografisches Gebilde (hier als Untersuchungsgebiet der „Generalbezirk Shitomir“), das als Konzept aber ideologische Annahmen sowie intentionale Einflussfaktoren impliziert. So folgt er einem historisch-geografischen Materialismus, dem zufolge äußerer Raum keine Erklärung gesellschaftlicher Phänomene liefern kann (Bernd Belina). Dabei vertritt Spohr die These, dass die konkreten individuellen ebenso wie kollektiven Handlungen der Akteur*innen auf Dynamiken beruhen, denen wiederum Ideologie zugrunde liegt. So stellt er historische Prozesse statt der Topografie in den Mittelpunkt. Wo Snyder Gewalt als einzigen Maßstab nimmt, zieht Spohr Loyalitäten als Gegenpart hinzu.

Gleichzeitig leistet Spohr einen weiteren wichtigen Beitrag zur komplexen Frage von Kollaboration und Täterschaft. So wie Angelika Benz in ihrer Forschungsarbeit Handlanger der SS die Vorstellung, es habe sich bei den Trawniki-Männern um eine homogene Gruppe gehandelt, revidiert und Motivationen zwischen Überlebenshoffnung, materiellem Anreiz und Antisemitismus sowie individuelle Entscheidungen und Handlungsmöglichkeiten von Adaption bis Gegenwehr und Widerstand aufgezeigt und kontextualisiert hat, kann Spohr dies für die deutschen Besatzer, deren ukrainische Unterstützer*innen, die lokale Zivilbevölkerung sowie die Partisan*innen darstellen. Dabei greift Spohr diejenigen Fragestellungen der Kollaborationsforschung auf, die die Motive der historischen Akteure berücksichtigen (S. 177) und Übergänge zwischen freiwilliger und erzwungener Kollaboration aufzeigen. Eine ideologische Affinität zum Nationalsozialismus sieht Spohr nur als einen Faktor, der neben insbesondere materiellen Gründen Ausschlag gab, in die deutschen Dienste einzutreten (S. 188). Dass Menschen ihre eigene Geschichte „nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ (Karl Marx) machen, rechtfertigt selbstverständlich keine Verbrechen und macht nicht frei von Schuld, ist aber Ausgangsbasis für spätere Erzählungen über das Erleben der deutschen Besatzung der Ukraine. Indem er solche unterschiedlichen Narrative kontrastiert, kann Spohr zeigen, dass vermeintliche Dichotomien nicht zwingend einen Widerspruch bedeuten müssen. „Ideologie und Pragmatismus, Sinn und Unsinn, Aktivität und Passivität, Kollaboration und Widerstand lassen sich nur auf den ersten Blick eindeutig gegenüberstellen“ (S. 513). 

Partisan*innen und deren Rolle sind bei Spohr ein wiederholt aufgegriffenes Sujet. Deren Einheiten waren Zufluchtsort nach der Desertion aus Polizeieinheiten und anderen deutschen Verbänden (S. 169). Partisan*innen lebten und kämpften in der Ukraine mit ihren weiten Steppen unter schwierigeren Umständen als in Belarus, wo Sumpfgebiete, Wälder und insbesondere das Urwaldgebiet Nalibockaja Pušča gute Rückzugsmöglichkeiten boten. Auch nur ansatzweise verlässliche Zahlen an Partisan*innen sind heute kaum zu ermitteln und die unterschiedlichen Erzählungen sind disparat. Einerseits verlieh die sowjetische Regierung bis 1949 bei insgesamt 2.072 mit diesem Titel ausgezeichneten Ukrainer*innen (Nikolaj Kirsanov) 53 Mal den Titel „Held der Sowjetunion“ an ukrainische Partisan*innen (S. 221). Andererseits standen ehemalige Partisan*innen in den Augen einiger Veteranengruppen der Roten Armee für das Gegenteil von allem, wofür sie selbst kämpften. So verfolgten Armeeoffiziere in der Ukraine Partisan*innen, die nach der Befreiung an Plünderungen und Racheaktionen beteiligt waren, stellten sie vor Gericht oder erschossen sie an Ort und Stelle (Amir Weiner). Jüdische Partisan*innen jedoch – Arno Lustiger nennt eine Größenordnung von 30.000 und auch Moshe Kaganovich geht von „vielen Tausend“ (S. 381) aus, die „in jedem Wald und in jeder Einheit“ (S. 348) vertreten und als Kämpfer der „Stolz jeder Einheit“ (ebd.) waren – wurden aus dem Kanon der sowjetischen Helden verbannt. Dass jüdische Soldat*innen innerhalb der „Nationalitäten“ bei Orden und Auszeichnungen den vierten Platz einnahmen, obwohl sie nur die sechstgrößte „Nationalität“ waren, wurde verschwiegen. „Jude“ stand in sowjetischen Pässen unter der fünften Rubrik, der Nationalität. In der multiethnischen Sowjetunion war die Nationalitätenfrage stets dann besonders wichtig, wenn Russ*innen an erster Stelle standen und Jüdinnen*Juden ausgeblendet werden konnten. Sowjetische Stellen hielten Zahlen über jüdische Partisan*innen bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion geheim (Bogdan Musial), Jüdinnen*Juden wurden stets unter „andere Nationalitäten“ subsumiert. Kaganovichs Vorstellung, dass der Sieg über den Nationalsozialismus das moralische Eigentum „des gesamten jüdischen Volkes über alle Zeiten und Generationen“ (S. 381) sein wird, hat sich so nicht bewahrheitet. Seit 1949 verfolgten die sowjetischen Behörden unter dem Schlagwort „Antikosmopolitismus“ vor allem Jüdinnen*Juden, darunter Kunst- und Kulturschaffende ebenso wie ranghohe Armeeangehörige. Unter dem Vorwand des Abweichlertums (wofür wahlweise Trotzkismus, Bundismus oder Zionismus bemüht wurde) oder gar der Spionage wurden Jüdinnen*Juden vom Dienst suspendiert, teilweise in Schauprozessen verurteilt und erschossen, darunter auch ranghohe Mitglieder des Yidisher Antifashistisher Komitet, bereits ein halbes Jahr vor den Erschießungen jüdischer Ärzte Ende 1952, denen eine Verschwörung unterstellt wurde. 

Trotz umfangreichster Recherchen, trotz aller Akribie bleibt so eine kaum zu schließende Lücke der Oral History immanent, dass nämlich, wie Spohr selbst reflektiert, „diejenigen, die unter deutscher Besatzung am schlechtesten behandelt wurden, schlussendlich unterrepräsentiert bleiben“ (S. 44). Das gilt besonders für die Jüdinnen*Juden des Generalbezirks Shitomir, die bis Ende November 1942, also vor Beginn des Untersuchungszeitraums, fast alle ermordet wurden.

Literatur

Belina, Bernd: Raum. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot. 2013. 

Benz, Angelika: Handlanger der SS. Die Rolle der Trawniki-Männer im Holocaust. Berlin: Metropol, 2015.

Bruder, Franziska: „Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!“ Die Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) 1928-1948. Berlin: Metropol, 2006.

Kaganovich, Moshe: Der yidisher Antayl in der Partizaner-Bavegung fun Soṿeṭ-Rusland. Roym: 
Tsionistisher Arbeter Komitet far Hilf un Oyfboy in Amerike, 1948.

Kirsanov, Nikolaj Andreevič.: Boevoe sodružestvo narodov SSSR v Velikoj Otečestvennoj vojne 1941-1945 gg. In: Rossijskaja Akademija Nauk (Hrsg.): Velikaja Otečestvennaja vojna (istoriografija). Sbornik obzor. Moskva 1995, S. 174-199.

Lustiger, Arno: Rotbuch Stalin und die Juden. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden. Berlin: Aufbau-Verlag, 1998.

Marx, Karl [1852]: Der 18. Brumaire des Louis Napoleon. In: Marx-Engels-Werke 8. Berlin: Dietz Verlag, 1969.

Musial, Bogdan: Sowjetische Partisanen 1941-1944. Mythos und Wirklichkeit. Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh, 2009.

Snyder, Timothy: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. München: C.H. Beck Verlag, 2011.

Weiner, Amir: Making Sense of War. The Second World War and the Fate of the Bolshevik Revolution. Princeton, NJ/Oxfordshire: Princeton University Press, 2001.

 

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